Wissenschaftler rechnen mit zwei Jahren

Wie lange dauert die COVID-19-Pandemie?

Remagen - 07.07.2020, 07:00 Uhr

Wissenschaftler antizipieren unterschiedliche Szenarien für die Dauer der Corona-Pandemie. (m / Foto: melita / stock.adobe.com)

Wissenschaftler antizipieren unterschiedliche Szenarien für die Dauer der Corona-Pandemie. (m / Foto: melita / stock.adobe.com)


Nach monatelangen Einschränkungen sehnen viele nichts so sehr herbei wie das Ende der Corona-Pandemie. Wenn es nach einem US-amerikanischen Wissenschaftler-Team geht, müssen wir uns damit aber eventuell noch eineinhalb bis zwei Jahre gedulden. Für ihre Prognose haben die Erfahrungen mit Grippe-Epidemien Pate gestanden.

Ein US-amerikanisches Wissenschaftler-Team um den Epidemiologen Michael T. Osterholm, Leiter des „Center for Infectious Disease Research and Policy“ (CIDRAP) an der Universität Minnesota, hat verschiedene Visionen für den weiteren Verlauf der Coronavirus-Pandemie entwickelt. Veröffentlicht wurden ihre Überlegungen in „COVID-19: The CIDRAP Viewpoint“. 

Als das neuartige Coronavirus im Dezember 2019 erstmals in Wuhan (China) auftauchte, hätten selbst die erfahrensten internationalen Gesundheitsexperten nicht damit gerechnet, dass es die schlimmste globale Gesundheitskrise seit über 100 Jahren verursachen würde, leiten die Wissenschaftler ihre Ausführungen ein. Das Virus habe die Weltgemeinschaft „kalt erwischt“ und es gebe „keine Kristallkugel, die uns sagt, was die Zukunft bringt“. Die Erfahrungen mit den früheren Coronavirus-Epidemien SARS und MERS helfen hier nach ihrer Meinung nicht viel weiter, wohl aber die Pandemie-Grippe.

Warum die COVID-19- und Influenza-Pandemien ähnlich sind

Obwohl sich Coronaviren stark von Influenzaviren unterscheiden, machen die Forscher für die Pandemien mehrere wichtige Ähnlichkeiten aus. Erstens seien beides neuartige Erreger, gegen die die Weltbevölkerung wenig bis gar keine vorbestehende Immunität habe. Zweitens würden sowohl SARS-CoV-2- als auch Influenzaviren überwiegend durch große Tröpfchen über die Atemwege verbreitet, aber auch durch Aerosole. Drittens würden beide von asymptomatischen Personen übertragen und könnten Millionen von Menschen infizieren und sich schnell um den Globus bewegen. Es gebe aber auch wichtige Unterschiede. 

Was die beiden unterscheidet

Als erstens nennen die Wissenschaftler die durchschnittliche Inkubationszeit, die für Influenza zwei Tage beträgt und für COVID-19 fünf Tage. Dadurch kann sich SARS-CoV-2 effizienter unbemerkt ausbreiten. Als weiteren Unterschied führen sie den höheren R0-Wert für COVID-19 an, der auf 2,0 bis 2,5 geschätzt wird, aber auch erheblich höher sein könnte. Der R0 für die Pandemie-Grippe variierte je nach Pandemie, soll aber nach Schätzungen durchweg bei etwa oder unter 2 liegen, was darauf hindeutet, dass selbst schwere Grippepandemieviren in der Vergangenheit weniger übertragbar waren als SARS-CoV-2.

Wellenförmiger Verlauf von Grippeepidemien

Trotzdem meinen die US-Forscher: „Wir können möglicherweise aus früheren Grippepandemien lernen, wenn wir versuchen wollen, ein Zukunftsszenario der COVID-19-Pandemie zu zeichnen.“ Hierzu verweisen sie auf acht globale Grippepandemien, von denen vier seit 1900 aufgetreten sind: 1918-19, 1957, 1968 und 2009-10. Auch wenn es meist keine klaren Muster gibt, hatten sieben der acht großen Pandemien einen frühen Höhepunkt, der im Laufe weniger Monate ohne nennenswerte menschliche Eingriffe verschwand. Etwa sechs Monate nach dem ersten Höchststand wurde dann ein zweiter substanzieller Höchststand beobachtet. Außerdem zeigten einige Pandemien im Laufe von zwei Jahren nach der ersten Welle weitere, kleinere Wellen.

Drei verschiedene Szenarien

Die CIDRAP-Visionäre können sich für die Zukunft der COVID-19-Pandemie theoretisch drei verschiedene Szenarien vorstellen:  

  • Szenario 1: Auf die erste Welle von COVID-19 im Frühjahr 2020 folgt im Sommer eine Reihe sich wiederholender kleinerer Wellen, die sich dann über einen Zeitraum von ein bis zwei Jahren fortsetzen. Das Auftreten dieser Wellen kann geografisch variieren und davon abhängen, welche Einschränkungen gelten und wie sie gelockert werden. 
  • Szenario 2: Auf die erste Welle folgt im Herbst oder Winter 2020 eine größere Welle und danach eine oder mehrere kleinere Folgewellen im Jahr 2021. Dieses Szenario würde im Herbst erneute Beschränkungen erfordern, um die Ausbreitung von Infektionen und die Überbelastung der Gesundheitssysteme zu verhindern. Dieses Muster ähnele dem, was bei der „Spanischen Grippe“ (Pandemie 1918-19) beobachtet worden sei, meinen die Autoren, und auch bei den Pandemien 1957-58 und von 2009/10.
  • Szenario 3: Hiernach würde die erste Welle durch einen „Schwelbrand" („Slow Burn“) mit einer laufenden Übertragung abgelöst, jedoch ohne klares Wellenmuster. Zwar wurde dieses dritte Muster bei früheren Grippepandemien nicht beobachtet, aber die Wissenschaftler ziehen es für COVID-19 trotzdem in Betracht. Das Szenario würde wahrscheinlich nicht unbedingt Beschränkungen erfordern, aber weiterhin zu Krankheits- und Todesfällen führen.

Botschaft an die Politik: Lieber vom Worst Case ausgehen

Basierend auf den Erfahrungen mit Grippeepidemien raten die US-Wissenschaftler den politischen Entscheidungsträgern abschließend dazu, für das Worst-Case-Szenario (Szenario 2) zu planen und Strategien zu entwickeln, die einen ausreichenden Schutz für Beschäftigte im Gesundheitswesen sicherstellen. Außerdem sollten sie konkrete Pläne in petto haben, um neu auftretenden Krankheitsspitzen mit Einschränkungen abfangen zu können. Die US-Forscher erwarten, dass die COVID-19-Pandemie wahrscheinlich noch 18 bis 24 Monate andauern wird, da sich die Herdenimmunität erst allmählich entwickelt. Angesichts der Übertragbarkeit von SARS-CoV-2 müssten 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung immun sein, um die kritische Schwelle zu erreichen, mit der die Pandemie gestoppt werden könnte.

Allerdings wisse man bislang nicht, wie lange die erworbene Immunität überhaupt anhalte, und mit einem Impfstoff rechnen sie nicht vor „irgendwann im Jahr 2021“.



Dr. Helga Blasius (hb), Apothekerin
redaktion@daz.online


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