E-Rezept-Projekte

Was will eRixa?

Stuttgart - 29.06.2020, 09:00 Uhr

Das E-Rezept zieht magisch an – viele Unternehmen wollen mitmischen. Wer am Ende übrig bleibt, wird die Zukunft weisen. (Foto: Stefan Odenbach)

Das E-Rezept zieht magisch an – viele Unternehmen wollen mitmischen. Wer am Ende übrig bleibt, wird die Zukunft weisen. (Foto: Stefan Odenbach)


Seitdem Bundesgesundheitsminister Jens Spahn den Startschuss für das E-Rezept gegeben hat, sind Modellprojekte, Plattformkonzepte und neuartige Geschäftsmodelle wie Pilze aus dem Boden geschossen. Nun kommt mit eRixa ein weiteres System um die Ecke. Sein Ziel ist, Insellösungen bei E-Rezept-Plattformen verbinden. Was steckt dahinter?  

Um es gleich vorweg zu nehmen: Der junge Mann hinter eRixa hat es nicht leicht, wenn er sein Konzept Vor-Ort-Apothekern erklären soll. Wenn Stefan Odenbach mit seinen Gesprächspartnern Kontaktdaten austauscht, übergibt er nämlich stets zwei Visitenkarten. Auf der einen steht er als Geschäftsführer seiner eigenen Firma PSO (PrimaSmartOffice), mit der er eRixa in den letzten Jahren entwickelt hat. Auf der anderen prangt das Logo von König IDV, dem Abrechungsdienstleister vom Bodensee, der die Rezepte von DocMorris und Shop Apotheke verarbeitet. König IDV ist zudem eine Tochtergesellschaft der Zur-Rose-Gruppe. Einen schlechteren Gesprächseinstieg für Odenbach könnte man sich als deutscher Apotheker wahrscheinlich nicht vorstellen. Und doch lohnt es sich, Odenbach und eRixa näher kennenzulernen, um zu verstehen, wo die Reise mit E-Rezepten hierzulande hingehen könnte.

Der Diplom-Wirtschaftsinformatiker stellt auch direkt klar: Sein Herz schlägt vor allem für sein eigenes Unternehmen PSO, das seit 2016 existiert. Für den CEO-Posten beim DocMorris-Abrechner hatte er sich 2018 breitschlagen lassen, als sein Vorgänger plötzlich verstarb. Neben seiner Anstellung bei König IDV darf er sich auch weiterhin mit seinen PSO-Projekten beschäftigen. Und diese sollen überhaupt nicht mit dem Schweizer Zur-Rose-Konzern in Verbindung gebracht werden – weder von seinem Arbeitgeber noch von der Öffentlichkeit.

Wachsam im Auge: GERDA und das E-Rezept-Projekt der TK

„eRixa ist das Bindeglied zwischen den Insellösungen für das E-Rezept. Wir verknüpfen bestehende Pilotprojekte, damit das E-Rezept so bald wie möglich deutschlandweit in der Versorgung aller Kassen- und Privatpatienten ankommt“, verkündete der Jungunternehmer Mitte Juni selbstbewusst in einer Pressemitteilung. Aus Ravensburg stammt er und beobachtete in den vergangenen Monaten quasi vor der eigenen Haustür das Presitge-Modellprojekt der Apothekerschaft in Sachen E-Rezept, GERDA. Eigenen Angaben zufolge war er selbst der erste Patient, der sich per Fernbehandlung seine Asthma-Präparate elektronisch verordnen ließ und sie in einer Apotheke in Empfang nehmen konnte. 

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Aus seinem eigenen Blickwinkel lernte er auch das E-Rezept-Pilotprojekt der Techniker Krankenkasse (TK) in Hamburg kennen. Anfang Februar 2019 startete die TK mit weiteren Partnern ein auf den Stadtteil Wandsbek beschränkten 18-monatigen Feldversuch, bei dem E-Rezepte auf die Smartphones der Patienten übertragen werden. Daran beteiligt sind unter anderem die Privilegierte Adler-Apotheke und ein DocMorris-Schwesterunternehmen – das Abrechnungsdienstleister König IDV. Odenbach wirkte also an vorderster Front mit und erhielt wichtige Einblicke in die technische Machbarkeit von E-Rezepten. „Wir wollten ein System, das mit jedem anderen System kompatibel ist und andere beteiligen kann“, erklärte Tim Steimle, Apotheker und Fachbereichsleiter Arzneimittel bei der TK, anlässlich einer DAZ.online-Themenwoche im vergangenen Jahr. „Das war uns wichtig. Dass wir heute in Deutschland noch keine E-Rezepte haben, liegt nur daran, dass die Player sich abschotten.“ Deswegen habe man sich für König IDV als technischen Dienstleister entschieden, weil diese Anforderung sonst niemand erfüllte – und es angeblich nach wie vor noch niemand tut.

Unerwünschter Flickenteppich

„Mit jedem anderen System kompatibel und andere beteiligen“ – ein Kredo, dass sich zwangsläufig jede Institution auf die Fahnen schreiben müsste, die beim E-Rezept eine hundertprozentige Marktabdeckung anstrebt. Insellösungen führen zu einem Flickenteppich, da sind sich alle einig. Und doch beobachtete man allein in den letzten beiden Jahren unzählige Vorstöße und Versuche aus den Reihen der Verbände, Krankenkassen und Unternehmen im Gesundheitsbereich. Branchenkenner bezweifeln die von Gematik-Chef Dr. Markus Leyck Dieken geschätzte Anzahl von 52 Pilot- und Modellprojekten und korrigieren sie eher nach oben.

eRixa-Entwickler Odenbach vermisste von Anfang an die Patientensicht, daher wollte er nicht noch eine weiteres Konzept auf den Markt werfen, sondern eine interoperable Plattform kreieren, die alle bisherigen Lösungen vereint. Ärzte, Apotheker und Patienten müssten so nicht eine Vielzahl an Anwendungen gleichzeitig nutzen. Mit Sorge werden auch weniger die Patienten und Apotheker betrachtet, sondern eher die Ärzte, deren Bereitschaft für die Ausstellung von E-Rezepte als nicht so hoch bewertet wird.

eRixa ist als Smartphone-App für Android und iOS sowie als Webportal im Browser verfügbar und soll den gesamten Rezeptprozess lückenlos abdecken – von der Verordnung bis zur Verrechnung. Dabei wird die vorläufige E-Rezept-Spezifikation der Gematik berücksichtigt. Und weil E-Rezepte erst ab Juli 2021 verpflichtend über die Telematikinfrastruktur (TI) versendet werden müssen, lässt Odenbach die verordnenden Ärzte sich per qualifizierte elektronische Signatur authentifizieren. Dazu nutzt er das TrustCenter von T-Systems. Neben E-Rezepten sollen auch klassische Papierrezepte, etwa für Hilfsmittel, Betäubungsmittel oder digitale Gesundheitsanwendungen (DiGAs) digitalisiert und verschickt werden können. Auf Apotheker- und Arztseite ist übrigens keine spezielle Anwendung notwendig – und das könnte der entscheidende Vorteil von eRixa sein. Denn damit können elektronische Verordnungen unabhängig vom jeweiligen Softwaresystem in der Apotheke empfangen, bearbeitet und beliefert werden und die Bereitschaft bei den Ärzten zur Ausstellung von E-Rezepten werde deutlich größer.

Innovationsförderung vom Land Baden-Württemberg

Mit 25.000 Euro Innovationsförderung unterstützte das Land Baden-Württemberg Odenbachs Entwicklung über anderthalb Jahre. Ein offener Feldversuch läuft seit gut zwei Wochen. Mit an Bord sind vier Ärzte und – ausgerechnet eine niederländische Versandapotheke aus Bad Neuschanz (Apons.eu). Doch das sieht der Unternehmer als großen Vorteil in der aktuellen Testphase an. Weil der Arzneimittelversender Apons Awinta-Kunde ist, könnte diese Erfahrung auf rund 7000 Vor-Ort-Apotheken in ganz Deutschland übertragen werden. Die Schnittstelle zu Awinta stehe, die Einrichtung dauere nur wenige Minuten und laufe per Fernwartung, erklärt Odenbach. Die aktive Mitwirkung des Softwareanbieters sei dabei nicht notwendig. Auch die anderen Anbieter im Markt könnten problemlos angebunden werden. Diese würden jedoch größtenteils noch auf die endgültige Gematik-Spezifikation warten.

Gespräche mit Krankenkassen und Softwareanbietern

Odenbach betont immer wieder, dass es ihm um die flächendeckende Versorgung durch die Vor-Ort-Apotheken gehe. Seine Plattform solle eben gerade nicht DocMorris oder Shop Apotheke in die Hände fallen, die in den nächsten Jahren nur wenige Prozent Rx-Marktanteil erreichen könnten und wollten. Um möglichst viele Patienten zu erreichen, laufen Gespräche mit den Krankenkassen und den Softwareanbietern. Darüber hinaus setzt Odenbach auf die direkte Endverbraucheransprache, denn diese müssten seine Anwendung letztendlich ja auch annehmen.

Bis Ende des Jahres sei eine Teilnahme der Apotheken an seiner Plattform kostenlos. Über die Konditionen danach könne man Stand heute noch nichts sagen. Nur soviel: Wenn es eine endgültige Gematik-Spezifikation nächstes Jahr geben wird und die TI steht, wird eRixa mit seiner Infrastruktur dorthin migrieren.

Nach Informationen von DAZ.online laufen aktuell sehr konkrete Gespräche zwischen Odenbach und einem bedeutenden Softwareanbieter im Apothekenmarkt. Es scheint, als kristallisiere sich eRixa in den Augen der IT-Spezialisten als eine erfolgversprechende Lösung heraus und könnte alle Beteiligten im Rezeptprozess tatsächlich lückenlos und niederschwellig verbinden.

Wer weiß, wo Stefan Odenbach und sein Projekt in einem Jahr stehen und welche Visitenkarten er dann mit seinen Gesprächspartnern austauscht.



Dr. Armin Edalat, Apotheker, Chefredakteur DAZ
redaktion@deutsche-apotheker-zeitung.de


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