Pflanzenporträt

Kamille: altbewährt und neu belegt

15.06.2020, 16:28 Uhr

Kamillenblüten sind vielfältig anwendbare Arzneidrogen. (c / Foto: matka_Wariatka / stock.adobe.com)
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Kamillenblüten sind vielfältig anwendbare Arzneidrogen. (c / Foto: matka_Wariatka / stock.adobe.com)


Innerlich und äußerlich vielseitig einsetzbar

Kamillenblüten haben ein breites Anwendungsspektrum. Die verschiedenen Indikationen (gemäß Kommission E) sind:

  • Innerlich: gastrointestinale Spasmen sowie entzündliche Erkrankungen des Gastrointestinaltrakts
  • Inhalativ: entzündliche Erkrankungen und Reizzustände der Luftwege
  • Äußerlich: Haut- und Schleimhautentzündungen sowie bakterielle Hauterkrankungen einschließlich der Mundhöhle und des Zahnfleischs
  • Für Bäder und Spülungen: Erkrankungen im Anal- und Genitalbereich

Vergleichbare Anwendungsgebiete formuliert auch die ESCOP (European Scientific Cooperative on Phytotherapy) – also die Dachorganisation nationaler Gesellschaften für Phytotherapie. Ähnlich lauten auch die Indikationen des HMPC (Committee on Herbal Medicinal Products) – also der Phytotherapiekommission der Europäischen Arzneimittelagentur EMA. Allerdings erteilte das HMPC Kamillenblüten und -zubereitungen nur den Status für traditionelle Anwendung.  

Die Zubereitung macht‘s

Je nach Zubereitungsart der Droge variiert die Zusammensetzung der Inhaltsstoffe und damit auch die Wirkung. In alkoholischen Kamillenauszügen sind ätherisches Öl und Flavonoide in hohem Maß gelöst, nicht jedoch die Schleimstoffe. In einem wässrigen Teeaufguss lösen sich dagegen die Schleimstoffe fast vollständig und auch die Flavonoide gut, wohingegen vom ätherischen Öl nur ein Teil in den Infus übergeht. (Für eine Tasse Tee übergießt man 2–3 g Droge mit kochendem Wasser und lässt dies 10 min abgedeckt ziehen.) 

In zahlreichen Fertigpräparaten

Kamillenblüten-Arzneiteepräparate gibt es zum Beispiel von Bombastus®, Salus® und Sidroga®. Die Blütendroge ist außerdem in zahlreichen Teemischungen unterschiedlicher Indikationen mitenthalten. Viele der in Supermärkten (in Lebensmittelqualität) angebotenen Kamillenteeprodukte enthalten übrigens nicht nur die reine Blütendroge, sondern auch einen hohen Krautanteil. 

Beispiele für Fertigpräparate auf der Basis alkoholischer Kamillenblütenauszüge sind Kamillosan® Konzentrat, Kamillan® supra, Kamillin® Konzentrat Robugen. Auch in einigen Kombinations-Fertigpräparaten ist Kamillenblütenauszug mitenthalten (vor allem für die Anwendung bei gastrointestinalen Beschwerden, z.B. in Gasteo®, Iberogast®, Pascoventral®, aber auch z.B. im Erkältungsmittel Imupret® N). 

Hohles Köpfchen mit Duft 

Kamillenblüten in der Apotheke stammen aus Kulturen, sodass nicht mit Verfälschungen zu rechnen ist. Wer selbst sammeln möchte, sollte die Echte Kamille genau kennen, um sie nicht etwa mit der allergisierenden Hundskamille zu verwechseln: Matricaria recutita ist bis zu 50 Zentimeter hoch und trägt zwei- bis dreifach gefiederte Blätter mit fadenförmigen Zipfeln. Die weißen Zungenblüten sind oft nach unten geschlagen. Die Blüten duften aromatisch. Entscheidend ist ein Erkennungsmerkmal, das auch für die Identitätsprüfung in der Apotheke herangezogen wird: Bei der Echten Kamille ist der Blütenstandsboden spitz-kegelförmig und im Längsschnitt hohl. 

Die „ollen Kamellen“ 

Erzählt jemand längst bekannte Geschichten, wird das gerne abwertend kommentiert mit: „Diese ollen Kamellen!“ Mit „Kamelle“ ist aber nicht etwa ein Karamellbonbon gemeint. Es ist vielmehr das niederdeutsche Wort für „Kamille“. Alte „Kamellen“ sind also Kamillenblüten, die durch langes Lagern ihre Heilwirkung verloren haben. 



Ulrike Weber-Fina, Diplom-Biologin, Autorin PTAheute.de
redaktion@daz.online


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