Die letzte Woche

Mein liebes Tagebuch

24.05.2020, 08:00 Uhr

So langsam sieht man klarer beim E-Rezept. Und wir müssen uns überlegen, was wir wollen. (Foto: Andi Dalferth)

So langsam sieht man klarer beim E-Rezept. Und wir müssen uns überlegen, was wir wollen. (Foto: Andi Dalferth)


19. Mai 2020

Ein neuer ABDA-Haushaltsentwurf steht zur Beratung an – wie schön, immer wieder ein Quell der Freude, nicht wahr, mein liebes Tagebuch? Und was wir schon heute sagen können: Die Beiträge, die Kammern und Verbände, also wir Apothekers, berappen müssen, werden nicht weniger. Auch für 2021 stehen Beitragserhöhungen ins Haus. Aber gemach, wie zu hören ist, soll nur eine klitzekleine Beitragssteigerung von gerade mal 1,4 Prozent erfolgen, also rund 250.000 Euro. Und das braucht unsere ABDA nur wegen des Inflationsausgleichs. Inflationsausgleich? Ist das nicht das Fremdwort, das wir Apothekers eigentlich überhaupt nicht kennen? Aber die ABDA kennt’s.  Nun denn, mein liebes Tagebuch, wenn’s sonst nichts ist. So ein bisschen Inflationsausgleich zahlen unsere Kammern und Verbände doch recht gerne. Die ABDA jedenfalls braucht die Mehreinnahmen, sagt sie. Sie muss da in Zukunft einiges stemmen: Löhne und Gehälter für drei neue Arbeitsplätze (hoffentlich reichen die Zimmer im neuen ABDA-Bau aus). Man braucht Vertragsspezialisten, u. a. weil neue Vertragsverhandlungen anstehen, z. B. die Modellprojekte zu Apotheken-Impfungen und die pharmazeutischen Dienstleistungen. Ja, mein liebes Tagebuch, und dann muss die Kommunikation in Sachen E-Rezept gewuppt werden – da braucht’s dann richtig Kohle für die Öffentlichkeitsarbeit (und Ideen!), schließlich sollen die E-Rezepte bei unseren Vor-Ort-Apotheken landen und nicht bei den EU-Versandhäusern, die sich zum Thema E-Rezept bekanntlich schon mächtig warm gelaufen haben. Wetten, dass da eine richtige große Werbewelle von DocMo und anderen auf uns zukommt, ein Werbe-Tsunami fürs E-Rezept sozusagen. Im Kern stellt sich die Frage, ob da die geplante ABDA-Budgeterhöhung für die Öffentlichkeitsarbeit um 9% auf 4,1 Millionen Euro was bringt.

 

Nullretax wegen kleinster Fehler – über dieses Thema kann man endlos streiten. Mit gesundem Menschenverstand ist das sowieso nicht zu verstehen: Wenn kleinste Formalien nicht erfüllt sind, z. B. wenn der Arzt die zulässige Höchstmenge bei der Verordnung von Betäubungsmitteln überschreiten möchte und vergisst, auf der Verordnung das hierfür erforderliche „A“ hinzuzufügen, retaxieren Krankenkassen auf Null, sprich, die Apotheke bekommt kein Geld, obwohl der Versicherte sein richtiges Arzneimittel in der richtigen Menge und Dosierung erhalten hat. Und nur, weil ein Doktor das „A“ vergessen hat und die Apotheke das übersehen hat. Ja, o.k., das „A“ hat seinen Sinn und ist wichtig, aber mein liebes Tagebuch, wir wissen es: Retax benutzen die Krankenkassen gerne als eine Geldbeschaffungsmaschinerie. Eine Apothekerin wehrte sich dagegen. In der Sache bekam sie nicht Recht, aber in einem hilfsweise gestellten Antrag, wie es juristisch so schön heißt: Die Richter verurteilten die Kasse, über den Kulanzantrag der Klägerin ermessensfehlerfrei neu zu entscheiden. Das bedeutet: Der Vergütungsanspruch der Apotheke kann auch entstehen, wenn die Krankenkasse im Einzelfall entscheidet, die Apotheke trotz eines Formfehlers ganz oder teilweise zu vergüten. Im vorliegenden Fall müsse die Kasse trotz des bedeutenden Verstoßes gegen die BtMVV noch einiges berücksichtigen, beispielsweise dass die Patientin bereits seit einigen Jahren mit dem Betäubungsmittel unter Überschreitung der Höchstmenge versorgt worden ist. Bedenken müsse die Kasse außerdem, dass kein wirtschaftlicher Schaden entstanden sei und keine falsche Behandlung der Patientin. Mein liebes Tagebuch, Nullretax darf für die Kassen kein Automatismus sein.



Peter Ditzel (diz), Apotheker
Herausgeber DAZ / AZ

redaktion@deutsche-apotheker-zeitung.de


Diesen Artikel teilen:


Das könnte Sie auch interessieren

Die letzte Woche

Mein liebes Tagebuch

Umgehungsmöglichkeiten für E-Rezept-Regeln und mögliche Gegenmaßnahmen

(Neue) Lücken im Makelverbot

Die letzte Woche

Mein liebes Tagebuch

Die letzte Woche

Mein liebes Tagebuch

Die letzte Woche

Mein liebes Tagebuch

Die letzte Woche

Mein liebes Tagebuch

Gematik veröffentlicht E-Rezept-Spezifikationen – mit einigen Überraschungen

E-Rezept-App soll Apotheken „durchsuchbar“ machen

Die letzte Woche

Mein liebes Tagebuch

13 Kommentare

Noch was

von Karl Friedrich Müller am 24.05.2020 um 15:37 Uhr

Was eigentlich soll am E-Rezept einfach sein?
Wenn ich lese, was da alles gemacht werden soll. Schon die Vorbereitungen sind monströs und dann noch das Einlösen....
Digitalisierung ist ein undurchsichtiges Monster und keineswegs einfach. Teuer ist es auch noch
Wahnsinn.
Ein Rezept auf Papier.
Das Ist der einfache Scheiss.
Meine Güte. Ich fasse es nicht.

» Auf diesen Kommentar antworten | 2 Antworten

AW: Auch noch was

von Bernd Jas am 24.05.2020 um 18:22 Uhr

Herr Müller,
Sie haben mal wieder völlig recht.
Ich find es auch einfach Sch... an seinem eigenen Niedergang mit zu basteln.
Aber so ist das halt wenn man Denken lässt und es selbst lässt.

Danke übrigens für Ihre Unterstützung letzte Woche.
Es ist Wurst wer die Nachricht verbreitet (seriös oder unseriös), sie bleibt gleich. Siehe BILD.

Ihr Quer- und Knötterkopp.

AW: Noch was ... völlig nebensächliches ... der persönliche Kontakt ... und das Gespräch ... und ...

von Christian Timme am 24.05.2020 um 22:18 Uhr

Dieses kleine e- wird unsere Welt nicht aus den Angeln heben ... weil es nur in eine Richtung funktioniert. Wer schon mal eine Einbahnstraße bis zum spürbaren Mauerkontakt ... mit diesem erhebenden Gefühl des "sicht- und fühlbaren Erfolges" genossen hat, der wird nach dieser Corona-Isolationshaft gerne eine Apotheke mit "richtigen sprechenden Menschen" aufsuchen und es genießen ... und nutzen um von einem "guten Bekannten aus der Apotheke" mit seinen Arzneimitteln versorgt zu werden. Diesen Prozess positiv zu gestalten ist die Antwort der Apotheke vor Ort auf den Massen-Versand von irgendwo her ... ist das so schwer zu begreifen?.

DAZ 21

von Karl Friedrich Müller am 24.05.2020 um 15:28 Uhr

Dr. Edalat, die gläserne Apotheke:
Über Pro AvO
„.. heißt konkret, dass zukünftig Preisvergleiche (OTC und Freiwahl) sowie Verfügbarkeitssbfragen aller Apothekenprodukte ... für Kunden möglich sein müssen.
Ein SERVICE .....“
WER will das? Ich soll auch noch meine Preisgestaltung preis geben?
Vollkommen Gaga? Das ist der Weg in den Ruin. Es reicht schon, mit dem Versand konkurrieren zu müssen, nun soll praktisch für jeden Artikel ein Preisdruck aufgebaut werden!!!
Wir brauchen den noch verbliebenen Gewinn!
Sind alle verrückt geworden? Wir haben nichts, aber auch gar nichts mehr zu verschenken.
Die App wäre der Untergang von noch einmal ein paar tausend kleinerer Apotheken und der flächendeckenden Versorgung.

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

@Frau Peter

von Conny am 24.05.2020 um 15:00 Uhr

Wie Süß !

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

Im Digitalisierungsrausch ...

von Reinhard Herzog am 24.05.2020 um 11:12 Uhr

Wenn erst einmal die erste menschengemachte, wirklich bösartige "digitale Corona-Pandemie" über die Länder und IT-Strukturen der Welt hinweggezogen sein wird, dann werden wir uns nur erstaunt an den vergleichsweise sanften Tuschepinsel der Natur namens SARS-CoV-2 erinnern, trotz all seiner Gefahren ...

Bei aller Begeisterung und Anerkennung für die IT: Was wir hier tun, diese immer weiter gehende, in erster Linie kapitalmarktgetriebene Abhängigmachung lebenswichtiger Belange von derart vulnerablen und hochkomplexen Strukturen, ist an Idiotie und Leichtsinn kaum zu übertreffen.

Da wird man am Tag X noch viel dümmer und unvorbereiteter aus der Wäsche schauen als jüngst bei Corona, mit weitaus ernsteren Konsequenzen.

Dass andere Länder ja so viel weiter sind und gute Erfahrungen gemacht haben, hilft an dieser Stelle nicht weiter. Denn alle haben den digitalen Pandemie-Lackmustest noch nicht bestanden.

» Auf diesen Kommentar antworten | 1 Antwort

AW: Im Digitalisierungsrausch ... der im Digitalisierungscrash endet ...

von Christian Timme am 24.05.2020 um 13:27 Uhr

Ich stimme Ihnen voll zu ... wenn das eigene Unvermögen erst einmal über Programmstrukturen Einzug in unsere digitalen Führungs- und Leitstrukturen gefunden hat ... gilt unwiderruflich "input ist output" ... und damit das digital beförderte Ende ...

Blick ins Warenlager von Apotheke und Großhandel

von Andreas Grünebaum am 24.05.2020 um 11:00 Uhr

"Die App müsste also das Warenwirtschaftssystem der Apotheken und die Rabattverträge kennen, außerdem das Warenlager der beteiligten Großhändler und dies dann alles zu einer aussagefähigen Anzeige matchen."
Funktioniert in unseren Apotheken über den Webshop unter Nutzung der Mauve Schnittstelle: Verfügbarkeit in der Apotheke, Verfügbarkeit mit Zeitpunkt der Lieferung über den Großhandel (zwei Großhändler aktiv). Was noch fehlt ist die Abfrage der Rabattpartner. Das wird anspruchsvoll, aber warum sollte es nicht möglich sein, wenn auch die Warenwirtschaftssysteme dies bei vertretbarem Aufwand leisten können? Das dabei die komplette Bandbreite der Austauschmöglichkeiten ohne Interaktion mit dem Apotheker vor Ort genutzt werden könnte, wage ich jedoch zu bezweifeln.

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

Der Patient glotzt?

von Ulrich Ströh am 24.05.2020 um 9:16 Uhr

Lieber Herr Ditzel,
der Patient -glotzt - in unser Warenlager...?

Schöne Formulierung in Ihrem heutigen Tagebuch.

Einfach mal aus dem Blickwinkel des Patienten sehen.
Der Patient will zukünftig nur bequem und schnell an seine verordneten Medikamente kommen.
Der Kunde entscheidet zukünftig kurzfristig, wer liefert.

Schauen Sie mal nach Skandinavien :
Da klappt die Versorgung über die E- Verordnung seit längerem.
Mit Präsenzapotheken.

» Auf diesen Kommentar antworten | 3 Antworten

AW: Der Patient glotzt

von Karl Friedrich Müller am 24.05.2020 um 9:31 Uhr

Der Kunde weiß trotzdem nicht, ob wir liefern können oder könnten. Er kann das gar nicht beurteilen. Weil er die vielen Lieferauflagen nicht kennt und auch nicht abwägen kann. Dazu kommt, dass auch ein nicht vorrätiger Artikel in kurzer Zeit beschafft werden kann, wenn es keine Engpass gibt. Der Blick ins Warenlager hat überhaupt keine Aussagekraft.
Also kann man es auch lassen.
Es muss dann halt nach der Übermittlung eine Antwort der Apotheke kommen, ob und wann das AM verfügbar ist. Und es muss die Möglichkeit geschaffen sein, dass der Kinde das Rezept dann in einer anderen Apotheke einlösen kann.
(Nicht wie bisher. Ups, schon bedruckt und den Kunden damit erpressen..)

AW: Der Patient glotzt

von Conny am 24.05.2020 um 9:56 Uhr

Bei uns braucht der Patient nicht auf die Zukunft zu warten. Er bekommt heute schon im Mai 2020 seine Medikamente schnell und bequem.

AW: Der Patient glotzt

von Anita Peter am 24.05.2020 um 14:03 Uhr

"Der Kunde entscheidet zukünftig kurzfristig, wer liefert."

Auch schon mit der Heilberuflichkeit abgeschlosssen? Eigentlich sollte die "Lieferung" der kleinste Teil des Vorgangs der Abgabe von AMs sein.

Spahns EU-Gematik ... eindeutige Positionierung gegen die Vor-Ort-Apotheke und Priorisierung des Versandes ...

von Christian Timme am 24.05.2020 um 8:54 Uhr

Das Ausführung der Frontend-App für den Anwender und Patienten könnte nicht negativer für die Apotheke ausfallen ... über die freie Token-Weiterleitung und den Abruf der Verfügbarkeitshinweise hat der 51%-Bundesminister für Auslandsgesundheit endlich die Hosen fallen lassen. Zu eindeutig ist der implementierte "Klick mich zum Vorteilsversender" Button für unseren bereits "ferngesteuerten Kassenpatienten" ... von den offensichtlichen weiteren "politischen Steuerungsfunktionen" und "Zuwendungsmechanismen" ins eigene Revier ... ganz zu schweigen ...

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

Das Kommentieren ist aktuell nicht möglich.