Coronavirus

Sanofi verteidigt Impfstoff-Deal mit den USA, Unionsfraktion ist sauer

Berlin - 14.05.2020, 17:55 Uhr

Sanofi will schnellstmöglich einen Impfstoff gegen SARS-CoV-19 entwickeln. Dass das Unternehmen dafür finanzielle Unterstützung aus den USA erhält und diesen im Gegenzug Sonderrechte bei der Bestellung einräumt, stößt hierzulande auf Kritik. (s / Foto: imago images/AFLO)

Sanofi will schnellstmöglich einen Impfstoff gegen SARS-CoV-19 entwickeln. Dass das Unternehmen dafür finanzielle Unterstützung aus den USA erhält und diesen im Gegenzug Sonderrechte bei der Bestellung einräumt, stößt hierzulande auf Kritik. (s / Foto: imago images/AFLO)


Sollte es dem französischen Pharmahersteller Sanofi gelingen, einen wirksamen Impfstoff gegen SARS-CoV-2 zu entwickeln, erhalten die USA Sonderrechte bei der Bestellung. Der Grund: eine Art Risikobeteiligung an den Entwicklungskosten in Höhe von 30 Millionen US-Dollar, die eine Behörde im Geschäftsbereich des Gesundheitsministeriums an Sanofi zahlt. Hierzulande kritisieren Politiker den Deal scharf. Sanofi scheint aber daran festzuhalten.

Am gestrigen Mittwoch berichtete die US-amerikanische Nachrichtenagentur Bloomberg über ein Abkommen zwischen dem Arzneimittelhersteller Sanofi und dem US-amerikanischen Gesundheitsministerium, konkret der Biomedical Advanced Research and Development Authority (Barda), einer dem Ministerium unterstellten Behörde. Demnach erhalten die USA Sonderrechte bei der Bestellung, falls es Sanofi gelingt, einen Impfstoff gegen das neuartige Coronavirus zu entwickeln. Im Gegenzug unterstützen die Amerikaner die Forschung des Unternehmens auf diesem Gebiet mit rund 30 Millionen US-Dollar.

„Die US-amerikanische Regierung hat das Recht auf die größte Vorbestellung, weil sie bereit war, die finanziellen Risiken mitzutragen“, sagte Paul Hudson, CEO bei Sanofi, der Agentur. Gleichzeitig warnte er davor, dass Europa ins Hintertreffen geraten könnte, wenn es nicht verstärkt Anstrengungen unternehme, seine Bevölkerung vor der Pandemie zu schützen, bei der weltweit inzwischen mehr als 290.000 Menschen gestorben seien.

Sanofi hält an der Vereinbarung fest

Bei Sanofi ist man offenbar nicht glücklich damit, in welchem Licht die Kooperation mit den USA im Bericht erscheint. Bereits heute Morgen twitterte Sanofi Deutschland ein Bild von Hudson mit dem Zitat: „Der Impfstoff gegen COVID-19 wird allen Bürgern zur Verfügung gestellt, egal welcher Nationalität.“ Und in einer Mitteilung stellt der Pharmakonzern klar: „Wir haben uns unter diesen beispiellosen Umständen stets dafür eingesetzt, unseren Impfstoff für jedermann zugänglich zu machen.“

Die Zusammenarbeit, die das Unternehmen mit der Barda in den USA eingegangen ist, ermögliche es, die Produktion schnellstmöglich aufzunehmen, während die Entwicklung und Registrierung des Impfstoffs weiterliefen. Man sei sehr erfreut, dass jüngst auch die EU-Kommission signalisiert habe, in die Impfstoffentwicklung investieren zu wollen. „Wir führen sehr konstruktive Gespräche, unter anderem mit den EU-Institutionen und der französischen und deutschen Regierung.“ An der Vereinbarung mit den USA will der Konzern aber festhalten, wie DAZ.online aus Unternehmenskreisen erfuhr. Die Barda pflege seit Jahren Kooperationen mit einzelnen Pharmafirmen, hieß es. Es gebe keine Veranlassung, von dem Abkommen abzurücken.

„Zuverlässigkeit sieht anders aus"

In Berlin kommt der Sanofi-USA-Deal jedoch gar nicht gut an. „Es geht aus meiner Sicht nicht, dass ein internationaler Konzern ein Land bevorzugt beliefert“, sagte der arzneimittelpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Michael Hennrich (CDU), gegenüber DAZ.online. „Sanofi gefährdet mit einem solchen Verhalten ein etabliertes System, in welchem  wir uns bisher auf eine weltweit  faire Verteilung von Impfstoffen und Arzneimitteln verlassen konnten."  Am Ende stelle sich die Frage, ob die Versorgung der Patienten in Europa und Deutschland weiterhin sicher sei und wie es um die Zuverlässigkeit der Partner stehe. „Das können und dürfen wir nicht einfach hinnehmen.“

Und auch Hennrichs Parteikollegin Karin Maag, gesundheitspolitische Sprecherin der Unionsfraktion im Bundestag, hat kein Verständnis für den Konzern. Per Kurznachrichtendienst Twitter kritisierte sie die Impfstoffpolitik des Unternehmens und kündigte mögliche Konsequenzen an: „America First Verkaufspolitik wird nicht funktionieren. Zuverlässigkeit sieht anders aus. Wir werden das prüfen!“

Frankreich und die EU tadeln Sanofi

Frankreich und die Europäische Union zeigten sich ebenfalls verschnupft: Nach dpa-Berichten hieß es heute aus Élyséekreisen, die Bemerkungen Hudsons stimmten in keiner Weise mit der laufenden Zusammenarbeit zwischen Sanofi und der französischen Regierung überein. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron konzentriere seine Bemühungen auf eine koordinierte und multilaterale Reaktion, damit ein möglicher Impfstoff für alle verfügbar sei – dieser kenne keine Grenzen. 

Nicht der erste Versuch der USA, sich Sonderrechte zu sichern

Auch die EU-Kommission betonte, dass es beim Zugang zu einem Coronavirus-Impfstoff keine Unterschiede zwischen einzelnen Ländern geben dürfe. Der Impfstoff gegen COVID-19 sollte ein weltweit öffentliches Gut sein, sagte ein Kommissionssprecher der dpa. Der Zugang müsse „gerecht und allgemein" sein. Solidarität und eine enge Koordination seien die effektivste und sicherste Antwort auf die Krankheit.

Zuvor hatte US-Präsident Donald Trump bereits versucht, mit dem Tübinger Biotech-Unternehmen CureVac anzubandeln. Die Firma hat nach eigenen Angaben einen aussichtsreichen Impfstoffkandidaten in der Pipeline. Erste klinische Studien sollen im Frühsommer anlaufen. Einen Exklusivvertrag mit den USA hat CureVac aber abgelehnt.

Wie weit ist Sanofi bei der Entwicklung eines Impfstoffs gegen SARS-CoV-2?

Mit so konkreten Forschungsergebnissen kann Sanofi noch nicht aufwarten. Erst Mitte April hatte der Konzern bekanntgemacht, bei der Entwicklung eines Impfstoffs gegen das neuartige Coronavirus mit dem britischen Pharmahersteller GlaxoSmithKline (GSK) zusammenarbeiten zu wollen. „Sanofi wird das S-Protein des neuen Coronavirus SARS-CoV-2 als Antigen beisteuern, das mittels rekombinanter DNA-Technologie hergestellt wird", teilten die Firmen damals mit. Mit dieser Technologie werde die exakte genetische Kopie der Virus-Oberflächen-Proteine erstellt und als DNA-Sequenz in eine Baculovirus-Expressionsplattform integriert, die das Antigen produziert. GSK wird demnach seine bewährte Pandemie-Adjuvans-Technologie in die Zusammenarbeit einbringen.

Die Unternehmen planen, in der zweiten Hälfte des Jahres 2020 mit den klinischen Studien der Phase I zu beginnen. Wenn diese erfolgreich sind und vorbehaltlich der regulatorischen Überprüfung, soll die Entwicklung bis zur Verfügbarkeit des Impfstoffs in der zweiten Hälfte des Jahres 2021 abgeschlossen sein.

Wer forscht an was mit wessen Geld?

Eine Übersicht über den aktuellen Stand der Impfstoffentwicklungen gegen das Coronavirus der gesamten Branche bietet der Verband der forschenden Pharmaunternehmen (vfa) auf seiner Website. Dort finden sich auch Informationen zu laufenden und geplanten klinischen Tests sowie Angaben darüber, welche Konzerne von welchen Institutionen finanzielle Unterstützung erhalten.



Christina Müller, Apothekerin, Redakteurin DAZ.online
redaktion@daz.online


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5 Kommentare

Augenmass first

von Reinhard Rodiger am 15.05.2020 um 14:29 Uhr

Zur Zeit fördert die Regierung von Kanada,USA und UK Projekte für einen Impfstoff von mindestens 6 Firmen.Unabhängig davon gilt die Verfügbarkeit oft erst in einem Land, dann schrittweise mit Zeitverzug die anderen.Damit ist doch völlig klar, dass das Erstregistrierungsland zuerst "bedient" wird, wenn es das Projekt finanziert hat. Oder wie will man definieren, dass dort nur einige den Impfstoff bekommen , weil andere Länder auch Anspruch anmelden.Also eine Triagesituation für die Impfstoffverteilung ? Das wird in erster Linie von der Produktionskapazität abhängen.Was hilft die Bereitschaft,für die Welt zu produzieren, wenn es nur für ein Land reicht.
Dann wäre Kooperation gefragt, das ist jedoch eher staatliche Aufgabe.Auch aus Sicht der Vorbeugung gegen Erpressung.

Es gehört zur Vorbereitung, Produktionskapazitäten und Versorgungsreichweite modellartig durch zu spielen.Das sollte übergreifend gemacht werden.Dann erst können Aussagen gemacht werden.Daher ist in erster Linie Augenmass und Kooperationswillen gefragt und nicht substanzloses polemisieren.Naturgemäss ist hier ein Erpressungspotential vorhanden, das kontrolliert werden muss.

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Deutsche Doofheit

von ratatosk am 15.05.2020 um 8:44 Uhr

30 Millionen , lächerlich ! Deutschland hat beim Grand price von Ursula mehrere 100 Millionen an Steuergeldern offensichtlich verschenkt, denn bekommen hat man dafür was - natürlich nichts ! Nicht mal die Möglichkeit etwas zu bekommen und verantwortlich zu verteilen. Tolle Leistung.
Aber es sind ja die Gewinnzahlen der Versender erschienen, da hat man gut nach Auftrag gedient. Steuern daraus, aber nicht doch, das sind ja ausländische Großkonzerne, die finden staatlich gestützt legale Möglichkeiten, wie die innländischen ( auch die mit Staatsbeteiligung ! - VW Lufthansa etc.) natürlich auch, so was zu vermeiden. Dort triff man dann ja auch die ausgemusterten Apparatschicks aus Politik und Verwaltung, so macht man Demokratie bewußt kaputt und bearbeitet den Boden für die Extremisten.

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AW: Deutsche Doofheit

von KLAUS P I E K U T am 18.05.2020 um 17:47 Uhr

Sehr gut und zutreffend formuliert, passt genau
in das Schema unserer Regierung. Zu dumm, einen Eimer mit Wasser umzuwerfen, aber überall
Schrotthaufen hinterlassen. Siehe von der Leyen

America first

von Carsten am 15.05.2020 um 7:27 Uhr

Für 30 Millionen?
Die Summe scheint klein im Verhältnis zum Ärger, den man sich einhandelt. Das ist also im Kern ein Erpressungsversuch.
So erpresst man ganze Kontinente.

Hoffentlich erinnern sich die französischen Politiker beim nächsten Bailout noch daran.

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Sanofi, Impfstoff für die "First"-Nation

von Gregor Huesmann am 14.05.2020 um 18:44 Uhr

Sorgen wir dafür, dass unsere amerikanischen Freunde "first" geimpft werden. Hier die Produkte von Sanofi-Aventis: Buscopan, Dulcolax, Ibuflam, Laxoberal, Maaloxan, Mucosolvan, Rhinospray, Silomat, Thomapyrin.

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