Corona-Krise

In der Not drucken Ärzte Schutzausrüstung selbst

Düsseldorf - 20.04.2020, 09:00 Uhr

Am Universitätsklinikum Freiburg werden Schutzvisiere für das medizinische Personal produziert mit 3D-Druckern, die sonst Zahnersatz herstellen. ( r / Foto: Universitätsklinikum Freiburg )

Am Universitätsklinikum Freiburg werden Schutzvisiere für das medizinische Personal produziert mit 3D-Druckern, die sonst Zahnersatz herstellen. ( r / Foto: Universitätsklinikum Freiburg )


Schutzvisiere sind derzeit ebenso Mangelware wie Atemschutzmasken, Schutzkleidung oder Desinfektionsmittel. Am Universitätsklinikum Freiburg hat man jetzt in Zusammenarbeit mit der Charité in Berlin begonnen, Schutzvisiere für das medizinische Personal selbst zu produzieren – mit 3D-Druckern, die sonst Zahnersatz herstellen.

„Aktuell würde ich die Not Schutzausrüstung selbst herstellen zu müssen, an unserem Standort noch als moderat einstufen. Wir bereiten uns aber darauf vor. Die autarke Produktion solcher Hilfsmittel wird dann ein sehr hilfreicher Weg sein“, sagen Professor Dr. Benedikt Spies, Ärztlicher Direktor der Klinik für Zahnärztliche Prothetik  am Universitätsklinikum Freiburg und Dr. Christian Wesemann, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung für Zahnärztliche Prothetik, Alterszahnmedizin und Funktionslehre  an der Charité in Berlin.

3D-Drucker, mit denen Zahnersatz gefertigt wird

Die Zahnmediziner haben sich Gedanken gemacht, wie der sich derzeit abzeichnende Mangel an Schutzausrüstung für medizinisches Personal behoben werden kann. Für Schutzvisiere, wie sie zusätzlich zu Brille und Atemschutzmaske in Zeiten der Covid-10-Pandemie bei zahnmedizinischen Behandlungen unumgänglich sind, haben sie eine Lösung gefunden. Sie nutzen für die Halterungen der Visiere die 3D-Drucker, mit denen sonst aus dem Biopolymer PLA (Polylactid Acid, Polymilchsäuren) Zahnersatz und Zahnprothesen additiv gefertigt werden.

„Wir müssen in der aktuellen Situation kreative Lösungen finden und interdisziplinär zusammenarbeiten“, sagt Spies. Man habe mit der Fertigung erster Visierhalterungen bereits begonnen und teste diese derzeit ausführlich in Freiburg und Berlin. An die Halterung aus PLA befestigen die Forscher eine gelochte transparente Overhead-Folie – fertig ist das Schutzvisier, das vor Spritzern mit potenziell kontaminiertem Speichel oder Blut schützen kann – besser als eine Schutzbrille.

Nicht jede Druckanleitung aus dem Netz funktioniert gut

Dabei haben die Mediziner zwar ihr Wissen um den 3D-Druck in neue Wege gelenkt – vollkommen neu erfinden mussten sie die Visierhalterungen aber nicht. „Alle bisher genutzten Datensätzen zum Druck sind open source im Internet verfügbar. Unsere Intention war es, die breite Masse auf diese Möglichkeiten aufmerksam zu machen. Das hat tatsächlich auch sehr effektiv funktioniert“, sagen Spies und Wesemann.  

„Wir möchten Alternativen aus Materialien bieten, die auf dem Markt momentan noch gut erhältlich sind“, sagt Wesemann. Die frei verfügbaren Druckanleitungen müsse man allerdings noch auf Praktikabilität und Wirtschaftlichkeit hin testen – damit erspare man aber zukünftigen Anwendern eine zeitraubende Testphase. „Es hat sich bestätigt, dass man vor dem Einsatz solcher Hilfsmittel genau testen sollte. Nicht alle verfügbaren Datensätze sind wirklich zum Drucken geeignet und daher häufig fehleranfällig. Wir nutzen die noch vorhandene Zeit, um diese Erfahrungswerte zu generieren“, berichten die Mediziner. 
 

Ein riesiger Vorteil der Do-it-yourself-Variante sei die individuelle und unabhängige Reaktionsmöglichkeit auf den aktuellen Bedarf, sagen Spies und Wesemann. Allerdings seien die Bereiche Materialzulassungen und validierte Prozessketten dabei noch ein sehr komplexes Thema.

Derzeit nicht genutzte 3D-Drucker aus Praxen nutzen

Die Forscher erwarten eine hohe Nachfrage bundesweit und wären zu Kooperation bereit. „Damit wir möglichst rasch unsere Produktion vergrößern können, sind wir auf die Mithilfe von Zahnarztpraxen und anderen Einrichtungen angewiesen, in denen die entsprechenden 3D-Drucker momentan nicht genutzt werden“, sagt Spies. Dann könne man die Produktion  auf weitere benötigte Gegenstände wie Plastikteile für Beatmungsgerte oder Masken erweitern. 

„Wir arbeiten derzeit an weiteren Möglichkeiten, Schutzausrüstung selbst herzustellen. Atemschutzmasken sind sicher das nächste spannende Thema“, sagen die Zahnmediziner. Auch für die Zukunft nach der Krise sehen die Forscher Möglichkeiten. „Es ist angesichts der Todesfälle sicher nicht angemessen Vorteile in dieser Pandemie zu sehen. Was den 3D-Druck angeht hat die Krise jedoch sicher gezeigt, welche Möglichkeiten es in der Zukunft auszuschöpfen gilt“, sagen sie. Allerdings würden sich die Forscher in dem Zusammenhang in Zukunft deutlich pragmatischere Zulassungsverfahren wünschen.



Volker Budinger, Autor DAZ.online
redaktion@daz.online


Diesen Artikel teilen:


Das könnte Sie auch interessieren

Die gute Nachricht des Tages

Apotheker produziert Gesichtsschutzvisiere

Pharmazie-Doktorandinnen aus Düsseldorf helfen bei der Gesichtsschildproduktion für das UKD

Es wird Tag und Nacht 3D-gedruckt

Technologien sind da, aber sie werden nicht genutzt

Arzneimittel aus dem Drucker

Kennzeichnung verkehrsfähiger FFP2-Masken

Alles CE oder was?

0 Kommentare

Das Kommentieren ist aktuell nicht möglich.