BPhD-Kolumne

Über das Impfen in der Apotheke und die Angst vor Veränderung

Berlin - 10.03.2020, 12:29 Uhr

In seinem neusten Positionspapier fordert der BPhD, dass, wenn die geplanten Modellprojekte zur Grippeschutzimpfung gut laufen, man das Angebot auch auf andere Impfungen ausweiten müsse, um langfristig Impfquoten zu erhöhen. ( r / Foto: imago images / ITAR-TASS)

In seinem neusten Positionspapier fordert der BPhD, dass, wenn die geplanten Modellprojekte zur Grippeschutzimpfung gut laufen, man das Angebot auch auf andere Impfungen ausweiten müsse, um langfristig Impfquoten zu erhöhen. ( r / Foto: imago images / ITAR-TASS)


Im November des vergangenen Jahres hatte sich der Bundesverband der Pharmaziestudierenden in Deutschland (BPhD) bereits umfangreich zu den Plänen von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zur Stärkung der Vor-Ort-Apotheken geäußert. Am 16. Februar tagte die erste außerordentliche Delegiertenversammlung der Vereinsgeschichte. Dort wurde ein Positionspapier zum Thema Impfen – insbesondere zum Impfen in der Offizin – verabschiedet. Das Thema sollte durch die Apotheken offensiver angegangen werden, meint Ilias Essaida, Beauftragter für Gesundheitspolitik des BPhD, in einem Gastkommentar auf DAZ.online.

Das Impfen ist bekanntermaßen eine der wirksamsten und kosteneffizientesten Präventionsmaßnahmen, um die Bevölkerung gegen Infektionen und mögliche Folgeerkrankungen zu schützen. Nicht nur die Geimpften selbst werden durch Impfungen geschützt, sondern auch Risikopatienten durch die „Herdenimmunität“. Hierfür müssten die Durchimpfungsraten allerdings bei mehr als 95 Prozent liegen. Die Bundesrepublik hat es sich in ihren nationalen Impfzielen zur Aufgabe gemacht, Masern und Röteln auszurotten. Der BPhD sieht hier noch mehr Handlungsbedarf: Nicht nur bei Masern und Röteln sollte eine Durchimpfungsquote von 95% das Ziel sein, sondern bei allen Impfungen, die durch die Ständige Impfkommission (STIKO) als empfehlenswert eingestuft wurden. Bislang ist es uns in Deutschland aber bei weitem noch nicht gelungen, einen ausreichend hohen Teil der Bevölkerung zu mobilisieren, sich impfen zu lassen. Das deutsche Gesundheitssystem scheitert offenbar sowohl an der Aufklärung als auch an den Kapazitäten zur Durchführung von Impfungen.

Bei Modellprojekten zur Grippeschutzimpfung darf es nicht bleiben

Allein aus der Zahl der Patientinnen und Patienten, die täglich eine Apotheke zur Beratung als erste Anlaufstelle aufsuchen, wird ersichtlich, welche Reichweite die Vor-Ort-Apotheke hat, die sie zur Impfaufklärung nutzen könnte. Warum impfen wir dann nicht auch gleich vor Ort? Die fachliche Kompetenz für die Impfaufklärung erlangen wir bereits während des Studiums. Was uns fehlt sind eine praktische und rechtliche Ausbildung. Daher erwarten wir mit Spannung, wie das Curriculum der BAK für eine entsprechende Weiterbildung aussehen wird. Man wird aber nicht darum herumkommen, Übungen zum Impfen auch in die Curricula des Studiums zu integrieren.

In einigen unserer europäischen Nachbarländern ist es bereits gang und gäbe, dass Apothekerinnen und Apotheker impfen dürfen. Um auch die deutsche Bevölkerung für das Thema zu sensibilisieren und zu erproben, ob das Angebot in der Apotheke ebenso gut angenommen wird, sind Modellprojekte für Grippeschutzimpfungen ein wichtiger, erster Schritt. Wenn die Projekte allerdings erfolgreich sind, darf der Berufsstand nicht davor zurückschrecken, die flächendeckende Implementierung des Impfens in der Apotheke aktiv einzufordern. Langfristig sollte man das Angebot auf alle durch die STIKO empfohlenen Impfungen ausweiten. Dabei sollte aber selbstverständlich sein, dass sich ein solches Angebot nur an diejenigen richten darf, die nicht zu einer Risikogruppe für die entsprechenden Impfungen gehören.

Vorerst klares Nein zur Impfpflicht

Eine Impfpflicht lehnen wir Studierende zur Erhöhung der Impfquoten derzeit ab, da ein gesetzlicher Zwang unserer Einschätzung nach eher eine negative Grundeinstellung der Gesellschaft gegenüber dem Impfen fördert. Stattdessen sollte lieber mehr in Aufklärungsmaßnahmen vor Ort – beispielsweise in den Apotheken – und durch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) investiert werden. 

Eine Ausnahme bilden für uns die Heilberufe: Wir müssen schließlich zum Schutz unserer Patientinnen und Patienten mit gutem Beispiel vorangehen. Ironischerweise sind die Impfquoten aber gerade bei Angestellten im Gesundheitswesen erschreckend gering. So ist nach Zahlen des RKI aus der Onlinebefragung von Krankenhaus-Personal zur Influenza-Impfung von 2019 lediglich 52,3 Prozent der Klinikpersonals geimpft. Daher fordern wir – sollten vorherige Aufklärungskampagnen nicht zu einer Steigerung der Impfquote geführt haben – ab 2025 eine Impfpflicht für den Sektor. 

Die Standespolitik darf den Weg nicht versperren 

Gerade im Kontext der gesamten Debatte um die Stärkung der Vor-Ort-Apotheke und der Kompetenzerweiterung für Apothekerinnen und Apothekern erscheint es ziemlich paradox, dass sich einzelne Kammern – wie die LAK Brandenburg in ihrer Resolution aus dem November 2019 – gegen das Impfen in Apotheken positionieren. Während sich sogar die Medizinstudierenden dafür aussprechen, durch das Impfen in Apotheken einen niederschwelligen Zugang zu Impfungen zu gewährleisten, hält man das Impfen in Brandenburg aber offenbar für eine „komplexe Aufgabe“ und „ordinär ärztliche Tätigkeit“, die nicht „im Rahmen einer einmaligen Schulung erlernt werden kann“.

Die Landesapothekerkammer Thüringen geht mit ihrem Beschluss sogar noch weiter und weigert sich, das Berufsrecht zu ändern und versperrt damit den Weg für alle engagierten thüringer Apothekerinnen und Apotheker. Modellprojekte zu Impfungen in der Apotheke sind ja keine Verpflichtung – mit so einer Entscheidung schränkt man aber massiv diejenigen ein, die sich das Impfen in der Apotheke zutrauen würden. Parallel dazu versucht man im Thüringer Landtag Anreize zu schaffen, um Pharmaziestudierende nach der Approbation im Land zu halten. Durch die Entscheidung der Kammer wird man aber junge, motivierte Approbierte verprellen. Immerhin hat sich der Berufsnachwuchs mit überwältigender Mehrheit für das Impfen in der Apotheke ausgesprochen. Ich hoffe, dass dieser unkollegiale Beschluss so früh wie möglich rückgängig gemacht wird. 

In der Brandenburger Resolution heißt es zudem, es gebe keine Notwendigkeit, die etablierten und funktionierenden Strukturen aufzubrechen und einer „nicht erstrebenswerten Aufgabe des Systems der Trennung von ärztlicher und apothekerlicher Tätigkeit unnötig Vorschub zu leisten“. Im Gegenteil: Meiner Meinung nach sollten wir endlich anfangen, alte, verkrustete Strukturen aufzubrechen. Die Mauern zwischen den Professionen im Gesundheitsbereich verhindern eine sicherere und effizientere Gestaltung der Gesundheitsversorgung und bewirken nur Mehrkosten im System. 

(Foto: BPhD)

Wir diskutieren Tag ein und Tag aus über die Zukunft der öffentlichen Apotheke. Durch eine solche Resolution wird aber eines der größten Probleme der Apothekerschaft klar: Angst vor Veränderung. Sollten wir uns nicht lieber in neue Gebiete vorwagen und versuchen, gemeinsam mit allen Beteiligten die Apotheke weiter zu entwickeln? Das Impfen bietet einen guten Einstieg: Es kann die Apotheke als Ort der Gesundheitsvorsorge festigen und die Bevölkerung langfristig an die Apotheke binden. Diese Kompetenzerweiterung kann uns nur stärken. Liebe Apothekerinnen und Apotheker, haben Sie den Mut sich an Modellprojekten zu beteiligen. Zeigen Sie der Bevölkerung, was die Apotheke alles leisten kann und warum wir unverzichtbar sind und es immer sein werden.



Ilias Essaida, Beauftragter für Gesundheitspolitik, BPhD e.V.
redaktion@daz.online


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1 Kommentar

Keiner

von Karl Friedrich Müller am 10.03.2020 um 21:01 Uhr

Hat Angst vor Veränderungen. Aber vor Ausbeutung, Überlastung, Überforderung, Überbürokratisierung. Davor, trotz hohem Engagement keine Wertschätzung zu erhalten, dass die ausländische Konkurrenz über Gebühr gefördert wird und letztlich trotz viel Arbeit nur der Bankrott bleibt. Die Altersversorgung wurde nebenbei auch gestohlen und zumindest teilweise zerstört.
Impfen und andere „neue“ Dienstleistungen bringen wenig Geld und viel Bürokratie. Ruinös. Dazu sind die Leistungen gedeckelt, so dass auch noch eine Priorsierung stattfinden soll.
Für mich ein Wahnsinn

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