Akne, Alopezie, Hirsutismus und Hypersexualität

PRAC schränkt Cyproteron-Anwendung ein

Stuttgart - 21.02.2020, 06:59 Uhr

Der PRAC empfiehlt, die Anwendung von Cyproteron ab Tagesdosen von 10 mg bei Akne, Alopezie, Hirsutismus und Hypersexualität einzuschränken, nicht jedoch bei Prostatakarzinom. Grund ist ein erhöhtes Risiko für Meningeome. ( r / Foto: SHOTPRIME STUDIO / stock.adobe.com)

Der PRAC empfiehlt, die Anwendung von Cyproteron ab Tagesdosen von 10 mg bei Akne, Alopezie, Hirsutismus und Hypersexualität einzuschränken, nicht jedoch bei Prostatakarzinom. Grund ist ein erhöhtes Risiko für Meningeome. ( r / Foto: SHOTPRIME STUDIO / stock.adobe.com)


Der Ausschuss für Risikobewertung im Bereich der Pharmakovigilanz (PRAC) der EMA hat empfohlen, die Anwendung von Cyproteron bei androgenabhängigen Erkrankungen zu beschränken. Grund ist ein erhöhtes Risiko für Meningeome. Allerdings trifft die Restriktion nicht jede Indikation und gilt auch nur für Tagesdosierungen ab 10 mg Cyproteron.

Cyproteron in Tagesdosen von mindestens 10 mg soll bei androgenabhängigen Erkrankungen – wie Hirsutismus (übermäßiger Haarwuchs), androgener Alopezie (Haarausfall), Akne und Seborrhoe (übermäßig fettige Haut) – nicht als Mittel der ersten Wahl eingesetzt werden, sondern nur, wenn andere Behandlungsoptionen, einschließlich der Behandlung mit niedrigeren Dosen, versagt haben. Wirkt die höhere Dosierung, soll diese schrittweise auf die niedrigste wirksame Dosis reduziert werden. Cyproteron wird zudem auch zur Triebdämpfung bei Hypersexualität und  Sexualdeviationen bei Männern eingesetzt. Auch in dieser Indikation soll Cyproteron nur dann zum Einsatz kommen, wenn andere Behandlungsoptionen ungeeignet sind.

Diese Empfehlungen zur Anwendungsbeschränkung von Cyproteron gehen auf den Ausschuss für Risikobewertung im Bereich der Pharmakovigilanz (PRAC) der EMA (Europäische Arzneimittel-Agentur) vom 14. Februar 2020 zurück. 

Keine Anwendungsbeschränkung bei Prostatakarzinom

Nicht jede Indikation trifft die nun vom PRAC empfohlene Anwendungsbeschränkung. So gibt es keine Änderung bei der Anwendung cyproteronhaltiger Arzneimittel bei Männern mit Prostatakrebs. Das heißt: Weder die Tagesdosen noch die Therapiedauer sollten verringert werden. In der palliativen  Therapie des metastasierten oder lokal fortgeschrittenen, inoperablen Prostatakarzinoms ohne Hodenentfernung wird Cyproteron in Tagesdosen von 200 bis 300 mg (teilweise in Kombination mit LHRH-Agonisten) eingesetzt.

Cyproteron: seltene Nebenwirkung Meningeom

Die neuen Empfehlungen des PRAC fußen auf dessen Überprüfung von Cyproteron im Hinblick auf die Entstehung von Meningeomen. Das zugehörige Risikobewertungsverfahren umfasste die jüngsten Ergebnisse einer französischen epidemiologischen Studie, die eine kumulative dosisabhängige Assoziation zwischen Cyproteronacetat und Meningeomen aufzeigte sowie einer Analyse der französischen Arzneimittelbehörde (ANSM), von Fällen zum Auftreten von Meningeomen bei Anwendung von Cyproteron in Frankreich. Die kürzlich veröffentlichte Literatur und eine Analyse der EU-Datenbank für unerwünschte Nebenwirkungen, EudraVigilance, wurden ebenfalls einbezogen.

Ein Meningeom ist ein meist gutartiger Tumor der Hirnhäute, der regelmäßig Progesteron-Rezeptoren besitzt. Auch wenn der Tumor meist nicht bösartig ist, kann ein Meningeom aufgrund seiner Lage im und um das Gehirn und Rückenmark ernsthafte Probleme verursachen.

Meningeome unter Cyproteron treten selten auf, ein bis zehn von 10.000 Patienten entwickeln einen solchen Tumor nach Anwendung von Cyproteron. Abhängig ist dies von der Dosierung und der Dauer der Anwendung, wobei das Risiko mit kumulativer Dosis steigt.

Kein Risiko bei niedrig dosiertem Cyproteron

Laut PRAC weisen die verfügbaren Daten nicht auf ein Risiko für niedrig dosierte cyproteronhaltige Arzneimittel hin, die 1 mg oder 2 mg Cyproteron in Kombination mit Ethinylestradiol oder Estradiolvalerat enthalten und bei Akne, Hirsutismus, zur Verhütung oder in der Hormonersatztherapie eingesetzt werden. Als Vorsichtsmaßnahme sollten sie jedoch nicht bei Personen angewendet werden, bei denen ein Meningeom vorliegt oder in der Vergangenheit vorgelegen hat, rät der PRAC. Diese Einschränkung galt bereits für die höher dosierten Arzneimittel.

Studie soll Klarheit bringen

Um das Bewusstsein der Ärzte für das Risiko von Meningeomen unter Cyproteron zu schärfen und deren Vermeidung zu bewerten, müssen nun die Zulassungsinhaber cyproteronhaltiger Arzneimittel mit 10 mg oder mehr eine Studie durchführen.

Der PRAC hat alle für die Heilberufler relevanten Informationen zusammengefasst.

Informationen für Angehörige der Heilberufe

  • Das Auftreten von Meningeomen (singulär oder multipel) wurde in Zusammenhang mit der Einnahme von Cyproteronacetat berichtet, hauptsächlich bei Dosen ≥ 25 mg/Tag.
  • Das Risiko steigt mit zunehmender kumulativer Dosis von Cyproteronacetat an. Die meisten Fälle wurden nach längerer Exposition (mehrere Jahre) mit hohen Dosen von Cyproteron ( ≥ 25 mg pro Tag) gemeldet.
  • Arzneimittel, die 10 mg oder mehr Cyproteron enthalten, sollten nur bei Hirsutismus, androgener Alopezie, Akne und Seborrhoe eingesetzt werden, wenn andere Behandlungsoptionen, zum Beispiel niedrig dosierte cyproteronhaltige Arzneimittel, wie Cyproteronacetat 2 mg/Ethinylestradiol 35 Mikrogramm, nicht wirksam waren. Nach klinischer Besserung sollte die Dosis allmählich auf die niedrigste wirksame Dosis reduziert werden.
  • Cyproteronhaltige Arzneimittel sollten bei Männern nur dann zur Reduzierung des Sexualtriebs bei Sexualdeviationen eingesetzt werden, wenn andere Behandlungen nicht angezeigt sind.
  • Angehörige von Heilberufen sollten die Patienten entsprechend der klinischen Praxis auf klinische Anzeichen und Symptome des Meningeoms überwachen. Die Symptome können unspezifisch sein und Veränderungen des Sehvermögens, Hörverlust oder Ohrensausen, Verlust des Geruchssinns, Kopfschmerzen, die sich mit der Zeit verschlimmern, Gedächtnisverlust, Krampfanfälle oder Schwäche in den Extremitäten umfassen.
  • Wenn bei einem mit Cyproteronacetat behandelten Patienten ein Meningeom diagnostiziert wird, muss die Behandlung mit allen cyproteronacetathaltigen Arzneimitteln dauerhaft eingestellt werden.
  • Cyproteronacetat (1 und 2 mg) in Kombination mit Ethinylestradiol oder Estradiolvalerat ist bei Patienten mit einem Meningeom oder einer Vorgeschichte von Meningeomen kontraindiziert. Zulassungen mit höheren Stärken cyproteronhaltiger Arzneimittel weisen diese Kontraindikation bereits auf.
  • Es gibt keine Änderung bei der Anwendung von cyproteronhaltigen Arzneimitteln bei Prostatakrebs. Diese Arzneimittel werden als Antiandrogene bei inoperablem Prostatakrebs eingesetzt, auch zur Verhinderung des anfänglichen „Flare-up“-Phänomens bei der Behandlung mit LHRH (Luteinisierendes Hormon Releasing Hormon)-Agonisten.
  • Der Zusammenhang zwischen hochdosiertem (50 mg/Tag) Cyproteronacetat und dem Risiko der Entstehung eines Meningeoms wurde erstmals 2009 in die Produktinformation für Arzneimittel mit einer Cyproteron-Tagesdosis von 10 mg oder mehr aufgenommen. Für Patienten mit einer Vorgeschichte von Meningeomen sind die Arzneimittel kontraindiziert.


Celine Müller, Apothekerin, Redakteurin DAZ.online (cel)
redaktion@daz.online


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