MDR-Bericht

Wie die „Mafia“ in Polen für Medikamentenmangel sorgt

Remagen - 17.02.2020, 15:45 Uhr

Einem Bericht des MDR zufolge haben die Lieferengpässe in Polens Apotheken auch oft mit illegalen Exporten zu tun. (s / Foto: imago images / Peters)

Einem Bericht des MDR zufolge haben die Lieferengpässe in Polens Apotheken auch oft mit illegalen Exporten zu tun. (s / Foto: imago images / Peters)


Auch unser Nachbarland Polen leidet unter den europaweiten Verknappungen von Arzneimitteln. Als Hauptgrund werden dort speziell massenhafte illegale Reexporte dafür verantwortlich gemacht. Daneben kommt auch die Abhängigkeit von den Herstellungsbetrieben in China zur Sprache. 

Der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) hat die Arzneimittelengpass-Situation in Polen aufgegriffen und die Hintergründe dafür beleuchtet. Laut MDR hat das polnische Gesundheitsministerium auf seiner Webseite eine Liste mit über 400 Medikamenten und medizinischen Produkten (Stand: Dezember 2019) veröffentlicht, bei denen die Gefahr besteht, dass sie ausgehen. Im Juli letzten Jahres hatte der Oberste Pharmarat Polens den Gesundheitsminister angeschrieben mit der Warnung, dass in Polen knapp 500 Arzneimittel fehlten. Nach den Erfahrungen der Apotheker soll das Problem anfangs fast ausschließlich bei teuren Originalarzneimitteln aufgetreten sein. Nun kämpfe man aber auch mit einem Mangel an gängigen Generika. Gesundheitsminister Łukasz Szumowski soll die Situation seinerzeit beschönigt und noch nicht als Krise bezeichnet haben.

Viele Fabriken in China geschlossen

Konkreter Anlass soll seinerzeit der Kurswechsel der chinesischen Politik in Richtung einer umweltfreundlicheren Pharmaproduktion gewesen sein. Seit 2017 sollen Regierungsinspektoren in systematischen, großangelegten Kampagnen Areale mit chemischen Herstellungsbetrieben durchkämmt und als Ergebnis fast 40 Prozent der chinesischen Fabriken in 30 industriellen Provinzen geschlossen haben, darunter auch solche für Arzneimittelwirkstoffe. 

Dies soll sich Ende Juni und im Juli 2019 in der EU in Form von Arzneimittelverknappungen niedergeschlagen haben. „Und wenn eine solche Krise erneut auftritt, werden die chinesischen Fabriken zuerst ihre eigenen Bürger beliefern, dann die Nachbarmärkte, dann die lukrativeren, das heißt, die USA, und erst dann, wenn überhaupt, die EU-Märkte", meinte Misiewicz-Jagielak vom polnischen Arbeitgeberverband der Pharmaindustrie Anfang Dezember letzten Jahres. Da war der Coronavirus-Ausbruch noch nicht in Sicht.

Lukrative Reexporte, auch nach Deutschland

Nach dem MDR-Beitrag liegt die Hauptursache für die Versorgungsengpässe in Polen jedoch nicht in der Abhängigkeit des Landes von Importen aus China, sondern in den „mafiösen Strukturen“, mit denen Arzneimittel in großem Stil illegal in Länder mit einem höheren Preisniveau befördert werden. Als Beispiele werden Deutschland, Schweden und Großbritannien genannt. Dabei gehe es um Medikamente, die auf dem polnischen Markt viel günstiger sind, das heißt lukrative Reexporte. Dabei sollen auch einige Apotheken mit am Werk sein.

„Die Beteiligten kommen so an großes Geld"

Es sei längst kein Geheimnis mehr, dass sich Ärzte, Apotheker und Großhändler an den mafia-artigen Machenschaften beteiligen. „Umgekehrte Lieferkette" werde das Prozedere genannt, über das auch andere Quellen berichten. Nach einer Literaturstudie aus dem Jahr 2018 sollen die illegalen Exporte 57 Prozent aller Arzneimittelausfuhren aus Polen ausmachen.

Sie sollen von den Großhändlern über verschiedene Beschaffungsmechanismen organisiert werden. So würden Bestände wegen angeblich falscher Lagerbedingungen als entsorgungsbedürftig deklariert, Retouren von Apotheken gefakt, Arzneimittel zwischen Lagerhäusern im Besitz des gleichen Unternehmens verschoben, tatsächlich nichtexistierende Gesundheitseinrichtungen geschaffen, um einen künstlichen Bedarf zu erzeugen und falsche Patienten in Apotheken kreiert. Hinzu kämen doppelte Buchführung und die Umgehung von Kontrollen.

„Die Beteiligten kommen so an großes Geld", sagt der Warschauer Apothekenbesitzer Tomasz Jędrzejewski in dem MDR-Bericht. 2018 seien zwanzig Personen deswegen festgenommen worden, von denen einige mit dem Schmuggel monatlich bis zu 600.000 Zloty (ca. 150.000 Euro) verdient haben sollen.

Regierung geht dagegen vor

Dem polnischen Gesundheitsministerium sei das Problem bekannt und es gehe auch dagegen vor. „Wir haben neue Regelungen eingeführt, damit der illegale Export von Medikamenten nicht so einfach ist“, erklärt Wojciech Andrusiewicz, Pressesprecher des polnischen Gesundheitsministeriums, gegenüber dem MDR. „Es ist jetzt beispielsweise verboten, eine Apotheke, einen Großhandel und eine medizinische Einrichtung unter dem Dach eines Unternehmens zu betreiben. Das wird jetzt strenger kontrolliert.“ Apothekenbesitzer Jędrzejewski meint, dass sich die Situation gegenüber der vor fünf Jahren schon gebessert habe. Den Schmuggel völlig zu bekämpfen, hält er jedoch für schwierig.



Dr. Helga Blasius (hb), Apothekerin
redaktion@daz.online


Diesen Artikel teilen:


6 Kommentare

Apotheke

von Peter Helgert am 25.02.2020 um 6:26 Uhr

Naja,Medikamentenmangel gibt es doch überall.es wird bestimmt in China gesteuert.das ist ein Geschäft und damit will China noch mehr geld machen.fragt man zehn Fachleute bekommt man zehn verschiedene Antworten.

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

schlecht recherchiert

von Jörg Geller am 19.02.2020 um 9:06 Uhr

Polen ist der am stärksten wachsende Importmarkt in Europa. Der dortige Gesundheitsminister liebt Importe nach Polen. Darin sieht er eine hervorragende Chance, das Preisniveau in Polen zu drücken. Die wichtigsten Einkaufsmärkte sind die großen westeuropäischen Länder.
Derselbe Minister haßt aber Exporte aus Polen. Das liegt wohl daran, dass er den Herstellern im Gegenzug zu günstigen Preisen vesprochen hat, den Export durch Verbote zu behindern. Unter völliger Mißachtung europäischen Rechts, das die Kommission in einem aktuellen Schreiben an die österreichische Bundesregierung nochmals treffend zusammengefasst hat, werden in Polen Exportverbote erlassen. Es gibt nicht einmal eine klare Definition, was eigentlich eine Knappheit ist.
Daher stimmt es, dass es Exporte gibt, die nach polnischer Rechtslage illegal sind, nach den übergeordneten europäischen Rechtsnormen, an die sich Polen eigentlich halten müsste, sind diese Exporte allerdings legal. Darin liegt das Problem. Mit Versorgungsengpässen hat das alles nichts zu tun.

» Auf diesen Kommentar antworten | 1 Antwort

AW: schlecht recherchiert

von Dr. C. Klotz am 23.02.2020 um 11:56 Uhr

woher wissen Sie das so genau? Sind Sie in dem Geschäft tätig? Was unsere dt. Kolleginnen und Kollegen betrifft, ich denke Graumarktgeschäfte haben Hochkonjunktur.

Warum Mafia ? in D wäre dies völlig normal

von ratatosk am 17.02.2020 um 19:07 Uhr

Unsere Ulla hat doch das alles maßgeblich so angestoßen und sitzt dafür belohnt bestens dotiert im Bundestag.
Arzneimittel nur mehr als normale Ware war ihr Konzept, alte Strukturen aufbrechen. Jetzt sind die AM eben politisch gewollt und der Handel über Grenzen ist dabei völlig normal. Wird bei jedem Stahlblech so gemacht. Und Ulla hat es eben so umgestaltet um ihre anderen Machenschaften gegen die Apotheken durchzubekommen, mit AM als besonderen Produkten wäre es eben nicht so leicht gewesen. Wir als Pharmazeuen haben das immer schon anders gesehen, aber die Politik eben nicht, daher diese Situation. Die Politik hat jedes Recht auf Beschwerden verloren, die fürchten nur, daß trotz Nebelkerzen ihre Machenschaften doch noch auf sie zurückfallen. Auch jetzt hat die Politik noch nichts gelernt und glaubt mit kleinen Verordnungsspielchen durchzukommen. Leider werden wir erst nach großen Katastrophen eine Chance und auch nicht mehr als dies, bekommen, wieder die Interessen der Bürger über die Interessen des Großkapitals stellen zu können. Die Chance ist leider aber nur sehr klein, ein Minister Gröhe wurde ja bei dem Versuch durch den Möchtegern Kanzler Spahn verdrängt, der gerade der Versandliga eben sehr willig ist und das Ministerium darauf auch eingenordet hat.

» Auf diesen Kommentar antworten | 1 Antwort

AW: Warum Mafia ? in D wäre dies völlig

von evelin am 20.02.2020 um 8:49 Uhr

Sie liegen ein bischen daneben. In Polen sind die Medikamente mit den Zuschüssen vom Staat/die von den Krankenbeiträgen und Steuer der Burger kommen/unterstützt. Deswegen sind die Medikamente für polnische Bürger relativ billig/andere Modell vom Gesundheitssystem /.Zusätzlich versuchen die Staaten wie Polen, Tschechien und Slovakei zusammen die Preise für die Medikamenten bei Fharma Konzerne zu verhandeln- deswegen auch eine bessere Kondition für die Preis Niveau und die Endpreisen für einzeln Bürger. Es ist nicht ein Problem der Polen , dass z. B. deutsche Pharma -Risen , die deutsche Bürger/Kassen ausbeuten und die Preise nach oben treiben, naturlich mit der Genehmigung von Politik/Pharma Lobbisten leisten in deutsche Politik sehr gute Arbeit/. Ich selbst kaufe mir nach der Möglichkeiten die Medikamente in Polen und ich kann nicht verstehen warum z:B Aspirin von Bayer in DE zwei Mal teurer ist als in Polen? Fragen Sie vielleicht die Verantwortliche in Bayern? oder einige Politiker, die sie wahlen?Und warum sollen die polnische Bürger aus eigene Steuer und Beiträgen die Medikamente für deutsche Markt und fremde Länder finanzieren? Die Medikamenten Einkauf und Vertrieb in Polen ist keine private Firma, sondern staatlich regulierte und finanzierte Unternehmen von Bürger finanziert und sollte den Bürger zu Gute kommen. Heutige polnische Regierung hat angefangen die internationale Medikamente- Mafia zu bekämpfen. Die Ergebnisse sehen wir schon in DE und anderen Länder EU. Es ist nur Schade, dass wieder Pharma Firmen/Reexport/ und Apotheker und Ihre Gierigkeit in Mittelpunkt dieses Skandal stehen.

Medikamentenmafia

von Roland Mückschel am 17.02.2020 um 17:41 Uhr

So so, na ja.
Empfehle diesen Artikel unseren Politikern zur
Lektüre.
Mal schauen wenn sie sich hier mit der Mafia rumschlagen
dürfen. Gottseidank gibt es Personenschutz.

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

Das Kommentieren ist aktuell nicht möglich.