Zuckersüßes Beratungswissen – Teil 4

Süßes Versteckspiel – Zucker hat viele Namen

Stuttgart - 17.02.2020, 08:59 Uhr

In der Zutatenliste von industriell hergestellten Lebensmitteln findet sich Zucker in verschiedensten Formen. . (Bild: Privat/ danako / stock.adobe.com)

In der Zutatenliste von industriell hergestellten Lebensmitteln findet sich Zucker in verschiedensten Formen. . 
(Bild: Privat/ danako / stock.adobe.com)


„Ungesüßt“ heißt nicht „ohne Zucker“

Auch wenn der Verbraucher nicht in die Irre geführt werden soll: gerade die Hersteller von Süßigkeiten versuchen, ihre Produkte schön zu reden. Denn Zucker hat ein angekratztes Image als Dickmacher und Verursacher von Karies. So findet man Aussagen wie „ohne Zuckerzusatz“, „ohne Zusatz von Kristallzucker“ oder „ungesüßt“. In solchen Fällen sollte man als Verbraucher die Zutatenliste schon genauer studieren. Trockenfrüchte enthalten zum Beispiel von Natur aus reichlich Zucker, auch Fruchtzucker. Das Produkt kann also (sehr) süß sein, obwohl weder Zucker noch Kristallzucker zugesetzt wurden. Auch Honig oder diverse Frucht-Dicksäfte hören sich auf der Zutatenliste „gesund“ an, bringen aber reichlich Zucker mit. „Mit der Süße von Früchten“ muss nicht heißen, dass in einem Produkt Obst enthalten ist. Vielmehr ist es ein Hinweis auf den Zusatz von Fructose oder Fructose-Sirup.

Agavensirup & Co.

Agavensirup, auch als Agavendicksaft oder Agavennektar bezeichnet, wird häufig als „gesunder Zucker“ gepriesen, ebenso wie Apfel- oder Birnendicksäfte. Es wird argumentiert, dass der Blutzuckerspiegel nach Genuss dieser „reinen Naturprodukte“ nicht so stark ansteigt. Das stimmt – ist aber teuer erkauft, nämlich durch einen sehr hohen Anteil an Fructose. Agavennektar kann zum Beispiel bis zu 90 % Fructose enthalten. Der Fructose-Anteil von Apfelsirup liegt bei 60 %, der von Birnendicksaft dürfte mindestens genauso hoch sein, wenn nicht höher, je nach Süßegrad der verwendeten Birnen. Ahornsirup enthält Saccharose sowie Glucose und Fructose als Einfachzucker.

Was man sonst noch findet

Dextrose ist ein eher veralteter Name für Glucose (= Traubenzucker). Lactose ist Milchzucker, ein Zweifachzucker aus Glucose und Galactose.

Unter dem Begriff Stärkezucker werden Zuckerarten zusammengefasst, die industriell aus Stärke hergestellt werden. Ausgangsstoffe sind Mais, Weizen, Kartoffeln etc. Zu den Stärkezuckern zählen Isoglucose, Glucose- und Fructose-Sirupe, Maissirup, Maltodextrin.

Süßmolkenpulver besteht hauptsächlich aus Lactose.

Apfelmark enthält den im Apfel enthaltenen Zucker und ist in der Regel nicht zusätzlich gesüßt. Es wird zum Beispiel für Gebäck verwendet.

Rezepturvielfalt und erlaubte Täuschung

Gibt es nun eine Erklärung dafür, dass Zucker so viele Namen hat? Nun, zum einen spiegeln die vielen Namen auch die Vielfalt der Süßungsmittel wider. Dass die Lebensmittelproduzenten außer herkömmlichem Zucker weitere Süßungsmittel in ihren Produkten verwenden, lässt sich noch nachvollziehen. Einerseits soll das Lebensmittel gut schmecken, andererseits möchte man die technologischen Eigenschaften der einzelnen Bestandteile nutzen, um Rezeptur und Ergebnis zu optimieren und sich vom Mitwettbewerber abzugrenzen. Und dann ist da noch der Preis, der auch zählt. Die industriell hergestellten Glucose-Fructose-Gemische, in den USA zum Beispiel aus Maisabfällen hergestellt, sind am kostengünstigsten.

Man könnte auch den Verdacht hegen, dass es dem Hersteller wichtig ist, eine Zutatenliste möglichst attraktiv aussehen zu lassen. Das gelingt durch Inhaltsstoffe, die „Natur“ suggerieren. Dass die Nährwertangaben und damit die Angabe des Zuckergehalts verpflichtend sind, ist ein Schritt in Richtung Transparenz. Leider rechnen auch hier manche Hersteller ihre Angaben „schön“, indem sie die Nährwertangaben auf eine „Portion“ herunterbrechen. Wobei die genannten Portionen häufig nicht der Realität entsprechen. Nicht jeder Verbraucher kann Größenordnungen richtig verstehen oder sich eine „50-Gramm-Portion“ vorstellen. Sich in solche Angaben richtig hineinzudenken, verlangt Motivation und Erfahrung. Vielleicht schauen Sie in Zukunft genauer auf die Zutatenliste und suchen auch nach den „Big Seven“? Viel Spaß und Erfolg bei der Detektivarbeit.



Reinhild Berger, Apothekerin
redaktion@daz.online


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1 Kommentar

Zucker hat viele Namen...

von Armin Heller am 19.02.2020 um 13:57 Uhr

SEHR viele sogar: Arnica C30, Chamomilla D6... ;)

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