Achtung CYP-Induktoren

Wenn der Rauchstopp gefährlich wird

Stuttgart - 10.01.2020, 17:45 Uhr

Mit dem Rauchen aufzuhören ist ohne Frage gesund, aber bei Einnahme von über CYP1A2 abgebauten Medikamenten können die Blutspiegel in gefährliche Höhen schnellen. ( r / Foto: Osterland/stock.adobe.com)

Mit dem Rauchen aufzuhören ist ohne Frage gesund, aber bei Einnahme von über CYP1A2 abgebauten Medikamenten können die Blutspiegel in gefährliche Höhen schnellen. ( r / Foto: Osterland/stock.adobe.com)


Dass Rauchen langfristig das Risiko für eine Reihe von Erkrankungen erhöht, ist gut belegt. Verantwortlich dafür sind unter anderem die beim Rauchen entstehenden Verbrennungsprodukte. Zusätzlich zu ihrer langfristig schädigenden Wirkung sind einige davon in der Lage, die Elimination von Arzneistoffen maßgeblich zu beeinflussen. Hört der Patient dann zu Rauchen auf, fällt dieser Einfluss weg, teils mit klinisch relevanten Auswirkungen auf den Blutspiegel.

Mit dem Rauchen aufzuhören – diesen Vorsatz haben vermutlich die meisten Raucher schon einmal gefasst. Dass das nicht einfach ist, ist wohl genauso wenig umstritten wie der gesundheitliche Benefit. Schließlich ist gut dokumentiert, dass langjährige Raucher ein signifikant höheres Risiko unter anderem für chronisch-obstruktive Lungenerkrankung (COPD) und eine Vielzahl von Tumorerkrankungen haben. Verantwortlich für die Langzeitschäden sind neben dem pharmakologisch wirksamen Suchtstoff Nicotin die Verbrennungsprodukte. Dazu zählen polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK), Nitros­amine, aromatische Amine, Dioxine, Formaldehyd, Acrolein, Benzol und Schwermetalle wie Cadmium. Ihre Schadwirkung ist hinlänglich bekannt. Was allerdings weit weniger bekannt ist, dass manche dieser Substanzen den Metabolismus bestimmter Arzneistoffe maßgeblich beeinflussen können und zwar insbesondere deren Elimination. Bei Arzneimitteln, die eine geringe therapeutische Breite haben, können Veränderungen beim Tabakkonsum schnell klinisch relevant werden.

Und das ist nicht das einzige Problem … 

Neben dieser pharmakokinetischen Wechselwirkung verursacht Rauchen auch pharmakodynamische Effekte. Mehr zu beiden Interaktionen lesen sie in der aktuellen DAZ „Gecheckt: Tabakrauch – Interaktionen erkennen und vermeiden“.

Relevante Interaktionen bei über CYP1A2 abgebauten Wirkstoffen 

Klinisch relevante Interaktionen mit Tabakrauch wurden vor allem bei hauptsächlich und sehr stark über CYP1A2 abgebauten Wirkstoffen beobachtet. Ein Raucher benötigt somit von betroffenen Wirkstoffen eine höhere Dosis, um denselben Blutspiegel zu erreichen, wie jemand der das Arzneimittel normal metabolisiert. Bei einer Neueinstellung ist das zu berücksichtigen. Wobei die CYP-Induktion dosisabhängig ist. Eine bis fünf, sechs bis zehn beziehungsweise mehr als zehn Zigaretten pro Tag steigern die CYP1A2-Aktivität jeweils um den Faktor 1,2 beziehungsweise 1,5 beziehungsweise 1,7. Der volle Induktionseffekt liegt bereits bei einem täglichen Konsum von zehn Zigaretten vor. Rauchen ist also vergleichbar mit der gleichzeitigen Einnahme eines enzyminduzierenden Arzneimittels. Fällt diese Induktion plötzlich weg, weil der Patient beschließt, mit dem Rauchen aufzuhören, geht der Blutspiegel unter Umständen durch die Decke, und das in Abhängigkeit vom Ausmaß der CYP-Induktion.

Welche Wirkstoffe sind kritisch?

Betroffen sind beispielsweise folgende Wirkstoffe, Unterschiede sind jeweils im Vergleich zu Nichtrauchern angegeben. (n. s., nicht signifikant).

WirkstoffeRauchstatus (Zigaretten/Tag)pharmakokinetische Änderung
Clozapinstarke Raucher (7 bis > 20)Serumspiegel um 50 Prozent reduziert, p = 0,058
Duloxetin?Serumspiegel um 53 Prozent reduziert, p < 0,05
   
Estradiolstarke Raucher (> 5)endogene Estradiol-Spiegel um 43 Prozent reduziert, p < 0,01
Mirtazapin?Serumspiegel um 41 Prozent reduziert, p < 0,03
Olanzapinleichte Raucher (1 bis 4)AUC0-120h um 45 Prozent reduziert, p < 0,05; Cmax um 26 Prozent reduziert, n. s.
 starke Raucher (> 5)AUC0-120h um 67 Prozent reduziert, p < 0,05; Cmax um 61 Prozent reduziert, p < 0,001
 starke Raucher (7 bis > 20)Serumspiegel um 67 Prozent reduziert, p < 0,01
Propranolol?Serumspiegel um 25 Prozent reduziert, p < 0,05
Theophyllin?Clearance um 58 bis 100 Prozent erhöht, Halbwertszeit um 63 Prozent reduziert
Verapamilstarke Raucher (> 5)Serumspiegel und AUC um 20 Prozent reduziert, p < 0,05
  Tabelle ursprünglich erschienen in DAZ 2020, Nr. 1/2

Bei den genannten Wirkstoffen kommen Raucher auf niedrigere Serumspiegel als Nichtraucher. Es gibt Hinweise darauf, dass sie zwar weniger Nebenwirkungen aufweisen. Das ist aber möglicherweise den subtherapeutischen Serumspiegeln geschuldet und somit ein zweifelhafter Vorteil. Hört der Patient jedoch zu Rauchen auf, können die Serumspiegel je nach Ausmaß der CYP-Induktion in toxische Bereiche kommen. Etwa drei Tage nach Rauchstopp klingt der Induktionseffekt ab. Es drohen vermehrt Nebenwirkungen oder gar Toxizität der Arzneistoffe.

Neue DAZ-Serie „Gecheckt“

In unserer neuen Serie „Gecheckt“ widmen wir uns klinisch relevanten Wechselwirkungen. Dazu nimmt Priv.-Doz. Dr. Stefan Oswald häufige Wirkstoffkombi­nationen unter die Lupe. Kern­element jeder Folge ist eine grafische Zusammenfassung der wesentlichen Punkte, die einen schnellen Überblick über Interaktionspartner, die Art der Interaktion, Risiken und mögliche Maßnahmen bietet.

Basis für diesen Artikel war der „Gecheckt“-Beitrag in der aktuellen DAZ.

 Nicotinersatzpräparate lösen das Problem nicht

Kommunizieren also betroffene Patienten in der Apotheke, dass sie planen mit dem Rauchen aufzuhören, sollte man sie unbedingt auf das Problem hinweisen und an ihren behandelnden Arzt verweisen, damit sie mit diesem gemeinsam das weitere Vorgehen festlegen, beispielsweise ein enges Monitoring. Nicotinersatzpräparate lösen das Problem übrigens nicht, denn Nicotin selbst hat keine enyzminduzierende Wirkung.



Julia Borsch, Apothekerin, Chefredakteurin DAZ.online
jborsch@daz.online


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