Superinfektion bei Neurodermitis

Von Kopf bis Fuß: Einmal täglich mit Octenidin ansprühen

Heidelberg - 02.12.2019, 07:00 Uhr

Was haben Taucherbrillen mit Neurodermitis zu tun? (b/Foto: michael hampel / stock.adobe.com)

Was haben Taucherbrillen mit Neurodermitis zu tun? (b/Foto: michael hampel / stock.adobe.com)


Beim 42. Heidelberger Herbstkongress zum Thema Kinder und Jugendliche ging es auch um Neurodermitis. Den Vortrag dazu hielt die geschäftsführende Oberärztin am Universitätsklinikum des Saarlandes Prof. Dr. med. Claudia Pföhler. Neben neuen Forschungserkenntnissen zum Thema Juckreiz hatte Pföhler auch einige ungewöhnliche Praxis-Tipps im Gepäck: „Die Antiseptika kommen.“

Hatten Sie in der Apotheke schon einmal den Eindruck ein Kind beziehungsweise dessen Eltern haben einen ungewöhnlich hohen Verbrauch an Octenidin-Lösung? Dann könnte das an der Empfehlung des behandelnden Dermatologen liegen, das Kind in akuten Phasen einer Superinfektion bei Neurodermitis einmal täglich am ganzen Körper mit Octenidin einzusprühen. Solche Empfehlungen bekommen zumindest Kinder an der Klinik für Dermatologie des Universitätsklinikums des Saarlandes – und das bereitet den Kindern offenbar sogar Freude: „Taucherbrille auf“ und einmal von Kopf bis Fuß mit dem Antiseptikum Octenidin einsprühen lassen. So beschrieb die Geschäftsführende Oberärztin Prof. Dr. med. Claudia Pföhler auf dem 42. Heidelberger Herbstkongress das an ihrer Klinik praktizierte Vorgehen gegen Superinfektionen. Generell waren die Superinfektionen bei Neurodermitis Pföhler bei ihrem Vortrag ein Anliegen: Gerade bei immunsuppressiven Therapien solle man diese immer im Hinterkopf behalten.

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Wer angesichts der etwas radikalen Empfehlung noch skeptisch ist, DAZ.online hat einen Blick in die entsprechenden Fachinformationen geworfen. Dort steht, dass „dem Auftragen mittels Tupfern“ der Vorzug zu geben ist. „Auf schwer zugänglichen Stellen kann das Präparat auch aufgesprüht werden“, heißt es dort. Außerdem ist die kontinuierliche Anwendung ohne ärztliche Kontrolle auf 14 Tage beschränkt. Und Octenidin sollte nicht in größeren Mengen verschluckt werden. Jedoch scheint hier das Risiko gering zu sein: „Eine akzidentielle orale Einnahme von Octenisept® wird als nicht gefährlich erachtet. Octenidindihydrochlorid wird nicht resorbiert, sondern über die Faezes ausgeschieden. Reizungen der Magen-Darm-Schleimhaut bei oraler Einnahme von Octenisept® in höheren Dosen sind nicht auszuschließen.“ 

In einem FAQ-zu Octenisept® erfährt man, dass bei Kindern, Säuglingen und Frühgeborenen keine Anwendungseinschränkungen bestehen, wie z. B. für PVP-Iod: „Zur großflächigen und häufigeren Anwendung im Rahmen der Ganzkörper-Waschung bei Besiedlung mit multiresistenten Bakterien (z.B. MRSA) liegen bei Frühgeborenen und Neugeborenen mit unreifer Haut (z.B. eingeschränkte Barrierefunktion der Haut) allerdings keine Erfahrungen vor.“

Und so ist das beschriebene Vorgehen wohl tatsächlich eher eine ungewöhnliche Methode, aber – wenn man Pföhlers Ausführungen folgt – in den jeweiligen Situationen angebracht.

Bei manchen Kindern kann man die Superinfektion schon riechen

Natürlich soll nicht jedes Kind mit Neurodermitis von Kopf bis Fuß mit Octenidin eingesprüht werden. Vielmehr ging es in Pföhlers Vortrag um die Kinder, die so stark von Superinfektionen befallen sind, dass man diese schon riechen könne. Superinfektionen sollen bei Kindern nicht selten vorkommen und können zudem auch selbst wiederum Ekzeme begünstigen. Besteht also ein Risiko für wiederholte Superinfektionen hält Pföhler auch die präventive Anwendung der Octenidin-Sprühmethode für möglich. Pföhler sprach auch eine passende Rezepturempfehlung aus dem NRF (Neues Rezeptur-Formularium) aus: „Hydrophile Prednicarbat-Creme 0,08% mit Octenidindihydrochlorid 0,1% (NRF 11.145.)“ zur Anwendung bei entzündlichen und prurginösen Hauterkrankungen mit bakterieller Infektion. Sie warb insgesamt dafür, auf Bewährtes aus dem NRF zurückzugreifen.

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In der aktuell noch gültigen Leitlinie zu Neurodermitis liest man zudem: „Es gibt bislang kaum Evidenz aus kontrollierten Studien, dass Antiseptika bei Neurodermitis nützlich sind, wenn sie ohne zusätzliche Zeichen einer Superinfektion der Haut auf die Haut oder ins Bad gegeben werden.“ Dort steht aber auch: „Bei Nichtansprechen auf topische Glukokortikosteroide/Calcineurininhibitoren und/oder evidenter Superinfektion kann der Einsatz einer zusätzlichen antimikrobiellen Therapie (topisch antiseptisch) bei chronisch rezidivierenden bzw. chronischen Ekzemen erwogen werden.“

„Die Realität hinkt nach“

In der anschließenden Fragerunde zeigte sich, dass das Thema Rezepturen die Apotheker beschäftigt. So lautete eine Frage aus dem Publikum, wie denn mit Gentamycin-Rezepturen zu verfahren sei? Pföhler bezeichnete solche Rezepturen als „No-Go“ bei Neurodermitis. Sie warb insgesamt dafür, auf die Anwendung topischer Antibiotika aus Gründen der Resistenzentwicklung zu verzichten. Auch laut Leitlinie bringen antibiotische Zusätze im Vergleich zur alleinigen Glucocorticoidtherapie keinen zusätzlichen Nutzen. 

Die Realität hinkt hier laut Pföhler noch nach, ihrer Meinung nach werden die Antiseptika kommen.

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Aus dem Publikum kam sodann auch die Frage, wie das Antiseptikum Triclosan einzuschätzen sei. Hier verwies Pföhler vor allem auf die Umweltproblematik, weshalb sie Octenidin aktuell für die bessere Alternative hält.

Wer dazu einen Blick in die Leitlinie wirft, findet dort: „Triclosan kann in einer Konzentration von 1% bei Säuglingen und 2% bei älteren Kindern und Erwachsenen auf entzündeter Haut eingesetzt werden. Alternative Wirkstoffe sind Chlorhexidin, rezeptiert z.B. 1%-ig in Basiscreme DAC (welches aber selten Kontaktallergien auslöst); Silber oder auf nässenden Ekzemen auch Octinidinlösung. Die früher häufig eingesetzten antiseptischen Farbstofflösungen Gentianaviolett (0,5%) oder Eosin (1%) werden im ambulanten Setting aufgrund ihrer Eigenfärbung nur noch begrenzt verwendet.“

Pföhler sprach in der Fragerunde von sich selbst als einem „großen Fan von Farbstofflösungen“, sie seien aber vom Markt verschwunden. Auch sonst gab Pföhler viele praxisnahe Empfehlungen. So ging es um die konsequente Basistherapie nach dem bekannten Motto „feucht auf feucht, fett auf trocken“. Außerdem zeigte sich Pföhler als Fan von fett-feuchten Verbänden



Diana Moll, Apothekerin, DAZ.online
redaktion@daz.online


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