Niemegk, Brandenburg

Apotheke weg, Arzt weg – Bürger gehen auf die Straße

Berlin - 13.11.2019, 11:30 Uhr

Am 11.11.2019 trafen sich zahlreiche Bürger der kleinen Stadt Niemegk (Postdam-Mittelmark) zum Protest. Anlass ist die sich ständig verschlechternde medizinische Versorgung der Gemeinde. (m / Foto: Screenshot rbb Brandenburg aktuell)                                                                                                                 

Am 11.11.2019 trafen sich zahlreiche Bürger der kleinen Stadt Niemegk (Postdam-Mittelmark) zum Protest. Anlass ist die sich ständig verschlechternde medizinische Versorgung der Gemeinde. (m / Foto: Screenshot rbb Brandenburg aktuell)                                                                                                                 


In der brandenburgischen Kleinstadt Niemegk protestierten Anfang der Woche zahlreiche Bürger gegen die sich ausweitenden Probleme in der medizinischen Versorgung der Gemeinde. Seit Mitte des Jahres läuft die Arzneimittelversorgung nach Schließung der einzigen Apotheke über eine Rezeptsammelstelle. Akuter Anlass der Protestaktion ist der Wegzug einer Arztpraxis. DAZ.online hat sich nach Verlauf und Hintergründen des Bürgerprotestes erkundigt.

Nicht zum ersten Mal in diesem Jahr geht es in der brandenburgischen Kleinstadt Niemegk um die sich immer weiter verschlechternde medizinische Versorgung. Nach Schließung der einzigen Apotheke Ende April und Einrichtung einer Rezeptsammelstelle im Juli ist die medizinische Versorgung durch Wegzug einer der beiden Arztpraxen beeinträchtigt. Die verbleibende Praxis kann zudem keine neuen Patienten versorgen.

Die Niemegker Bürger wollen diese Situation nicht länger hinnehmen und versammelten sich aus diesem Anlass am 11. November zu einer Protestaktion auf dem Kirchplatz in Niemegk. Auf den Plakaten hieß es teilweise „Gesucht: Doc und DocMorris“. Auch auf großes mediales Interesse ist diese deutliche Äußerung des Unmutes getroffen. So berichtete unter anderem der rbb in seiner abendlichen Nachrichtensendung „Brandenburg aktuell“ von den Ereignissen. DAZ.online hat bei dem für Niemegk zuständigen Amtsdirektor Thomas Hemmerling nachgefragt, der während der Protestaktion vor Ort war.

Rezeptsammelstelle statt Apotheke – Situation seit Juli 

Wie DAZ.online bereits im Juli berichtete, gibt es in Niemegk seit Anfang Mai dieses Jahres keine Apotheke mehr. Die alteingesessene Robert-Koch-Apotheke konnte ihren Betrieb wegen fehlendem Nachfolger nicht weiterführen. Seitdem können die Niemegker auf eine Rezeptsammelstelle zurückgreifen, die von der Fläming-Apotheke aus dem benachbarten Straach, Ortsteil der Lutherstadt-Wittenberg (Sachsen-Anhalt), betrieben wird.

Foto: Screenshot rbb Brandenburg aktuell 

Die Niemegker Bürger trauern ihrer Apotheke verständlicherweise immer noch nach, dennoch habe sich nach Angaben von Amtsdirektor Thomas Hemmerling die Einrichtung der Rezeptsammelstelle bewährt. „Die Rezeptsammelstelle ist für uns eine sehr gute Übergangslösung. Die Leute können mit Medikamenten hier vor Ort versorgt werden. Es ist auch ein sehr guter Service, der da von der Fläming-Apotheke angeboten wird. Aber dieser Rezeptsammelkasten kann natürlich keine Apotheke ersetzen“, erläutert Hemmerling. 

Wegzug von Arztpraxis führt zu Protesten

Die Bürgerproteste in Niemegk richten sich in erster Linie gegen den Wegzug einer der beiden örtlichen Allgemeinarztpraxen. Seit ungefähr vier Wochen ist für das große Einzugsgebiet nur noch eine Arztpraxis in Niemegk zuständig – und die verfügt nicht über ausreichende Kapazitäten, um weitere Patienten zu versorgen. Andere Praxen sind weit entfernt und nur umständlich per Bus zu erreichen. „Es war schon mit zwei Arztpraxen so gewesen, dass die Wartezimmer immer voll waren, man lange Wartezeiten hatte. Weil wirklich tausende Leute aus der ganzen Region in Niemegk im Rahmen der Grundversorgung, die wir gewährleisten, hier zum Arzt gekommen sind. Mit einer Praxis ist das überhaupt nicht zu leisten“, beschreibt Hemmerling die Situation.

Die Arztpraxis, die jetzt in Niemegk fehlt, gehört zum Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) Bad Belzig. Der Träger des MVZ, die Klinik Ernst von Bergmann Bad Belzig GmbH, habe sich aufgrund eines akuten Ärztemangels gezwungen gesehen, die Hausarztpraxis von Niemegk nach Bad Belzig zu verlegen, um dort den Betrieb weiter aufrechterhalten zu können – berichten sowohl Amtsdirektor Hemmerling gegenüber DAZ.online als auch der Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg Christian Wehry gegenüber dem rbb.

Amtsdirektor Hemmerling zu dem Bürgerprotest: „Ich war hoch erfreut und überrascht, wie viel Resonanz die Sache gefunden hat, dass so viele Leute trotz der klirrenden Kälte – also alle waren durchgefroren auf dem Kirchplatz in Niemegk – doch da hingefunden haben und sich an der Demonstration beteiligt haben, weil auch wirklich eine große Betroffenheit der Menschen hier vor Ort ist.“

Die Demonstration sei zudem gut organisiert und nicht reißerisch gewesen: „Die Organisatorin der Demonstration war Gabi Eisenberger, eine Bürgerin aus einem kleinen Dorf hier in der Nähe von Niemegk, die auch wirklich persönlich von diesem Wegbruch betroffen ist. Sie ist außerdem Gemeinderatsmitglied und hat das toll organisiert. Das war auch nicht reißerisch. Das war ein progressiver, ein nach vorne gerichteter Protest.“

Bessere medizinische Versorgung erwünscht – und Apotheker gesucht

Nicht nur der Wegzug der Arztpraxis schmerzt, auch die fehlende Apotheke ist nicht optimal, berichtet Hemmerling. Er beobachtet: „Wir haben in Niemegk gemerkt, dass es sowohl in der Apothekenversorgung als auch in der ärztlichen Versorgung offensichtlich einen großen Fachkräftemangel gibt beziehungsweise auch wenig Bereitschaft, hier im noch ländlichen Raum für die Versorgung der Bevölkerung Verantwortung zu übernehmen.“ Dabei entwickle sich die Gemeinde ansonsten gut, was auch an der Nähe zur Metropolregion Berlin liege. Die Gemeinde investiere zudem in die Infrastruktur – auch in die soziale, so Hemmerling.

Der Ort wünsche sich einen Apotheker, der bereit sei, eine Apotheke zu eröffnen. „Wir warten darauf, dass sich jemand hier bei uns meldet, der sagt, ich bin Apotheker, ich würde gerne eine Apotheke eröffnen. Da stehen wir auch mit Rat und Tat seitens der Stadt Niemegk zur Seite“, erläutert – und wünscht sich – der Niemegker Amtsdirektor.



Inken Rutz, Apothekerin, Autorin DAZ.online
redaktion@daz.online


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8 Kommentare

über Alternativen nachdenken

von Uwe Hüsgen am 13.11.2019 um 19:28 Uhr

Wäre eine Zweigapotheke eine Alternative?

» Auf diesen Kommentar antworten | 3 Antworten

AW: über Alternativen nachdenken

von Wolfgang Müller am 14.11.2019 um 9:17 Uhr

Danke. Dieser Hinweis kann sich vielleicht einmal als entscheidend erweisen. Weil er auf der Basis der bekannten, funktionierenden Einrichtung „Zweigapotheke“ das Denken auch der Beharrungs-starrsten in Richtung "Leichtere Apotheke" öffnen könnte.

Aber, "Zweig"-Apotheke: Das wäre ja für etablierte Inhaber mit Filial-Erfahrung noch mal ein prima Filialisierungs-Turbo. Sehr schön für eher betriebswirtschaftliche Kollegen wie mich, mit einer gefüllten Kriegskasse, nochmal Danke dafür.

Aber wäre es nicht fairer, dem Nachwuchs hier endlich wieder Selbständigkeits-Chancen zu geben? Um überhaupt wieder mehr Nachwuchs/Nachfolger zu bekommen, mit einer erneuerten, viel kostengünstigeren und risiko-ärmeren freiberuflichen Perspektive? Also keine "Zweig"-Apotheke für alte, Besitzstands-wahrende Schlachtschiff-Kapitän/innen, sondern "Eine leichte Apotheke wie eine Zweigapotheke", aber eigenständig?

Momentan steht dem berufspolitisch/organisatorisch nur die religiöse Tabuisierung von "Defizitäre Rezeptur und Prüfung in jeder noch so damit überforderten Apotheke" entgegen. Die sowohl 2HM als auch viele Andere (letztens sogar diese AOK-Apothekerin) im Namen der "Großen Politik" sowieso längst in Frage stellen.

Soll deshalb wirklich das Netz der Vor-Ort-Apotheken immer weiter, immer schneller verstümmelt werden? Weil "Wir" den intelligenteren von uns mal wieder – wie bei 2HM - das Zu-Ende-Denken verbieten?

AW: über Alternativen nachdenken

von Uwe Hüsgen am 14.11.2019 um 9:48 Uhr

In einigen Punkten: volle Zustimmung.
Aber das Problem scheint dringlich; und bevor "andere" aktiv werden, könnte man vielleicht Ihre Kollegin, Frau Antje Aepler aus Wittenberg, fragen, was sie von der Idee hält. Denn eine Zweigapotheke wäre - zumindest aus Sicht der betroffenen Patienten - besser als eine Rezeptsammelstelle.

AW: über Alternativen nachdenken

von Wolfgang Müller am 14.11.2019 um 10:17 Uhr

Ganz bei Ihnen. Es wäre zunächst mal die benötigte Hilfe in sinnvoller Form. Und darüberhinaus der erste Schritt, die sich daraus ergebenden weiterführenden, guten Möglichkeiten ganz praktisch zu demonstrieren. Und den mutigen Willen dazu, Erneuerungs-Möglichkeiten für das Vor-Ort-Netz zu finden.

Die Ernte wird eingefahren

von ratatosk am 13.11.2019 um 18:27 Uhr

Die Politik und die sog. Experten wie Glaeske und Konsorten, die mit den Milliarden, die man nur heben müßte, fahren jetzt die Ernte der Apothekenvernichtung ein. die MFZ sind sicher nicht unpraktisch, aber für die Fläche eben tödlich. Aber jeder der die SPD - CDU oder gerade die Grünen gewählt hat, hat auch das mitgewählt.
Die Kassen werden hinterfotzig daraufhinweisen, wie toll es ist, daß man sich ja was schicken lassen kann. Die Ortskrankenkasse ist ja gegen die örtlichen Apotheken, der Irrwitz schlechthin. Verwaltung kann man in Indien auch billiger machen als in den Palästen der GKV. Aber deren Funktionärsposten sind natürlich für die Politiker zu gute Pfründe.

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

Erleichterung: Für die Jungen, für Orte wie Niemegk

von Wolfgang Müller am 13.11.2019 um 12:34 Uhr

Die bis jetzt selbstmörderisch halsstarrige traditionelle Apothekerschaft wird sich entscheiden müssen: Will sie die Flächendeckung mit eigenen Vor-Ort-Apotheken überhaupt noch aufrecht erhalten?

Oder will sie „Die Politik“ quasi weiter dahin treiben, ihr Gewissen zur bestmöglichen Arzneimittelversorgung von einfacheren städtischen Kiezen und ländlichen Gemeinden notgedrungen mit „dem Versand“ bzw. „Kästen“ und „Boten“ zu beruhigen?

Natürlich ist die naheliegende Lösung eine "leichte" Apotheke. "Leichter" zu betreiben.

Was spricht außer Standes-interner Missgunst und Beflissenheits-Trutschigkeit der Privilegierten sowie schiere Angst der Etablierten denn dagegen, dass z. B. zwei junge Kolleg/innen, vielleicht noch mit einer PTA und/oder PKA, auf bestens organisierten 80 qm ohne großes unternehmerisches Risiko eine ordnungsgemäße, vernünftige Arzneiversorgung in Niemegk aufziehen? Vor Allem ohne besonders teure Labor-Räumlichkeiten? Mit minimiertem Klima-Aufwand, viel weniger bedrohlichen „Revisionen“ etc.?

Klar, Rezepturen müssten wie in so vielen anderen Ländern aus einem anderen Betrieb kommen, der dafür auskömmlich bezahlt wird.

Das würde für unsere "leichte" Apotheke dann bedeuten: Einfach nur beste Pharmazie machen. Mit leidenschaftlicher, vollkommen bedarfsgerechter Beratung, ohne den Stress wegen Kosten und Aufwand durch sowieso oft bescheuerte Neben-Komplexität. Im Niveau eher Richtung Allgemeinmedizin, weil der andere Kümmer- und Kummer-Kram entfällt. Dann vielleicht auch endlich mit freien Kapazitäten für Pharmazeutische Betreuung. Entspannt auf Augenhöhe, nicht gequält nebenbei.

Mir fallen sofort ganz viele „Junge“ ein, die die Selbständigkeit oder Filialleitung unter diesen Bedingungen als hoch attraktiv erneut ins Auge fassen würden. Nachdem man ihnen das ja in den letzten Jahren gekonnt abgewöhnt hat.

» Auf diesen Kommentar antworten | 1 Antwort

AW: Erleichterung: Für die Jungen, für

von Thomas Kerlag am 13.11.2019 um 20:14 Uhr

Man braucht diese falsche Politik nicht noch unterstützen, indem man die Apotheke verstümmelt.
Mehr qualifizierte Tätigkeiten die zukunftsentscheidend sind, wie beispielsweise das Medikationsmanagement etc. werden uns so auch nicht leichter gewährt.
Und Entschuldigung, klar man weiß wie das Plakat gemeint ist, aber ich finde es herabwürdigend als DoMo bezeichnet zu werden.
Gut, wenn man nicht alles mitmachen muss.

Apotheke weg

von Peter Bauer am 13.11.2019 um 12:02 Uhr

Wenn die Politik die Apotheker endlich wieder Geld verdienen lassen würde ,dass ein Auskommen möglich wäre,das auch eine ordentliche Bezahlung der Arbeitnehmer ermöglicht,dann würde sich auch ein Apotheker finden der die ersehnten Worte in den Mund nehmen würde und eine Apotheke eröffnet.Es ist definitiv ein politisches Problem des Wegleugnens und Verleugnens um den Apothekern nicht mehr zahlen zu müssen,dass sein Auswirkungen zeigt.Diesen gesetzlichen Schwachsinn und Firlefanz mit Btm-gebührerhöhung und Apothekenstärkungsgesetz ist doch nur ein Alibi für politische Ignoranz des Problems.Bei diesem geringen Einkommen eines durchschnittlichen Apothekeneigentümers einer öffentlichen Apotheke heutzutage,kann eigentlich nur noch ein betriebswirtschaftlich vollkommen Blinder
oder jemand der Geld zu verschenken hat eine Apotheke eröffnen.Apothekenschulden abbezahlen,ein auskömmliches Auskommen haben,Arbeitskräfte bekommen und diese dann auch noch bezahlen können ,und für die Altersvorsorge sorgen,ist heute mit einer neu zu eröffnenden Apotheke vor Ort nahezu ausgeschlossen.Ich sperre meine Apotheke ,trotz Anfragen von Kollegen Ende des Jahres einfach zu,weil ich keine Zukunft für einen möglichen Nachfolger sehe.Ich persönlich habe keine Lust mehr auf 6Tagewoche,keinen Urlaub ,keine Arbeitskräfte ,Notdienste für weniger als meine Putzfrau verdient.Je näher der Termin rückt desto größer wird das Jammern der Kunden,was durchaus verständlich ist..Ein Allgemeinmediziner hat dieses Jahr auch wegen Nachfolgermangel zugemacht.Ein zweiter ist über siebzig. und das ganze spielt sich in Oberbayern im Einzugsgebiet von München ab,wo eigentlich sehr viel Geld und Kaufkraft zuhause ist.Ich mache jeden Tag zehn Kreuze und bin froh ,dass ich keine dreissig mehr bin.

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