Die letzte Woche

Mein liebes Tagebuch

10.11.2019, 08:00 Uhr

Alles dreht sich ums E-Rezept? Nicht nur, es gibt auch noch anderes Schönes, aber auch Seltsames in dieser Woche. (Foto: Andi Dalferth)

Alles dreht sich ums E-Rezept? Nicht nur, es gibt auch noch anderes Schönes, aber auch Seltsames in dieser Woche. (Foto: Andi Dalferth)


6. November 2019

Mein liebes Tagebuch, die beiden AOK-Mitarbeiterinnen Sabine Beckmann und Sabine Richard, die vor Kurzem in der AOK-eigenen Zeitschrift „Gesundheit und Gesellschaft“ versuchten, Vorschläge für eine Apothekenreform à la AOK zu formulieren, sorgten für Diskussionsstoff und gelinde gesagt Kopfschütteln. Mit ihrem hohen Lied auf den DocMorris-Arzneimittelautomaten als Versorgungsalternative haben sie sich bei uns nicht allzu beliebt gemacht. DAZ.online fragte nach, wie sie die Sache mit dem Automaten und ihren anderen Vorschlägen, die nahezu allesamt wenig apothekenfreundlich daherkommen, eigentlich gemeint haben. Tja, mein liebes Tagebuch, sagen wir es mal so: So restriktiv wie man ihren Aufsatz in der AOK-Zeitschrift durchaus interpretieren kann, ja muss, wollen sie es nicht gemeint haben. Natürlich sei eine Ausgabestation mit Videoschaltung nicht gleichwertig zu einer Vor-Ort-Apotheke, mäandert  Sabine B., aber ein Automat sei aus ihrer Sicht in jedem Fall besser als ein Briefkasten. Mein liebes Tagebuch, was soll daran besser sein? Hat Sabine B. die Funktion einer Rezeptsammelstelle nicht verstanden? Bei einer Videoausgabestation muss der Patient zum Automaten, um seine Arzneimittel zu bekommen, bei einer Rezeptsammelstelle, vulgo Briefkasten, bekommt der Patient seine Arzneimittel persönlich nach Hause geliefert. Sabine B. aber bleibt dabei und sagt wörtlich: „Tatsächlich ist aus unserer Sicht ein Abgabeautomat wie in Hüffenhardt kein Modell für den städtischen Ballungsraum, sondern für die unterversorgte Fläche.“ Also, mein liebes Tagebuch, wenn das kein Votum pro Abgabeautomat ist. Und wenn sie sagt, in ihrem Artikel finde sich kein Beleg dafür, dass sie sich für den Abgabeautomaten eines ausländischen Versenders stark mache, dann müssen wir sie hier auf ihre Anmerkung aufmerksam machen: Über die Video-Beratung könne man sich mit der „Stammapotheke“ (!) in Heerlen verbinden lassen. Mein liebes Tagebuch: In Heerlen hat DocMorris seine Niederlassung, aber keine Apotheke. Da aber sehen Sabine B. und Sabine R. anders. Sie berufen sich dabei rein formal auf die Länderliste des Bundesgesundheitsministeriums: Demnach darf aus den Niederlanden ein Arzneimittelversand nach Deutschland erfolgen, wenn neben der Versandapotheke eine Präsenzapotheke unterhalten wird. Mein liebes Tagebuch, formaljuristisch richtig. Zu dumm nur, dass das keiner offiziell geprüft hat und sichtlich auch nicht prüfen will. DocMorris unterhält dort in Heerlen schlichtweg keine Präsenzapotheke, dort kann man vor Ort nicht in eine Offizin gehen, um ein Rezept einzulösen. Aber das kümmert die beiden AOK-Damen nicht. Ihr Credo: „Wir haben kein Interesse an einer Stärkung des Versandhandels, aber im Sinne der Patientinnen und Patienten an seinem Fortbestehen… Uns liegt die Versorgung der Versicherten am Herzen und nicht die Verbesserung von Marktchancen eines Anbieters oder Marktsegments.“ Und Boni sehen sie ja auch kritisch, denn bei diesen ausgeschütteten Geldern handele es sich schließlich um Mittel der Solidargemeinschaft. Tja, mein liebes Tagebuch, es geht den beiden ja überhaupt nicht darum, die vollversorgenden Apotheken abzulösen, nein, sie möchten doch nur durch Regelungsöffnungen die Möglichkeiten für Präsenzangebote für die Versicherten verbessern. Ach so – dass wir das noch nicht gemerkt haben!

 

E-Rezept, E-Rezept, E-Rezept – das wird die Revolution der nächsten Monate, der nächsten Jahre für die Apotheke werden. Die Dimension, wie das E-Rezept den Apothekenmarkt verändern wird, lässt sich heute noch kaum abschätzen. Auf alle Fälle: Es wird wirklich eine Revolution auf uns zukommen. Und daher laufen sich schon jede Menge Unternehmen und Organisationen warm: Ein Modellprojekt nach dem andern wird ins Leben gerufen. Jeder will dabei sein und etwas abbekommen vom großen Kuchen. Markus Leyck-Dieken, der Chef der Gematik (das ist die Organisation, die letztlich die Spezifikationen und Spielregeln fürs E-Rezept festlegt) freut sich einerseits über mittlerweile 52 Pilotprojekte zum E-Rezept, denn daraus könne auch die Gematik lernen. Aber, und das fügt er deutlich hinzu: Am Ende zählen die Spezifizierung, die Vorgaben der Gematik – und darauf werden die Anbieter ihre Systeme aufbauen müssen. Tja, mein liebes Tagebuch, und das soll wohl heißen: Lass sie mal machen, am Schluss sagt die Gematik, wo’s lang geht. Und wann stehen die Spielregeln fest? Laut Leyck-Dieken schafft das die Gematik locker bis Ende Juni 2020. Und dann, ja dann werden wohl einige Anbieter kapitulieren, ihre Projekte in die Tonne befördern oder diejenigen, die auf der richtigen Spur sind, fieberhaft arbeiten, um sie so schnell wie möglich in den Markt zu bringen. Das wird noch richtig lustig.

 

Es gibt schon Apotheken, da kommt nichts mehr in die Tüte. Auf keinen Fall in eine Plastiktüte. Ja, die Abkehr von der Plastiktüte steht für das Umdenken in unserer Wegwerfgesellschaft, für mehr Umweltschutz und Klimaschutz. Die Bundesregierung hat ein Verbot von Plastiktüten auf den Weg gebracht, das Aus kommt. Und wie bringen die Apothekenkunden ihre Arzneimittel und Apothekeneinkäufe nach Hause? Vielleicht lassen sich die Kunden umerziehen und bringen eine Tasche mit! Oder die Apotheken geben Papiertüten aus. Sind die eigentlich umweltfreundlicher? Oder sind die Stoffsäckchen, die Jutebeutel besser? Mein liebes Tagebuch, wie wär’s stilecht mit Täschchen aus Hanf?

 

Liebes-Ge-Twitter: Unsere frühere Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries gratuliert auf Twitter dem DocMorris-Vorstandsmitglied Max Müller ganz herzlich zum Geburtstag: 
Brigitte Zypries: Lieber Max Müller, alles Liebe zum Geburtstag!
Max Müller:  Ganz herzlichen Dank! 
Ach, mein liebes Tagebuch, ist es nicht immer wieder schön zu erfahren, wie sich Politik und niederländisch-schweizerische Unternehmen verstehen. Da wird einem doch vieles klar. 



Peter Ditzel (diz), Apotheker
Herausgeber DAZ / AZ

redaktion@deutsche-apotheker-zeitung.de


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5 Kommentare

Rührend und naiv

von Karl Friedrich Müller am 10.11.2019 um 15:15 Uhr

Ist es, immer noch zu denken, aus dem BMG käme irgendwas, was fair wäre.
Der Bürger ist nicht interessant, nicht die Arbeitenden im Gesundheitswesen, nicht der Kranke.
Es geht anderen im Gesundheitswesen nicht viel anders als uns oder noch schlimmer. Ausgebeutet und mit ein paar warmen Sprüchen bedacht, interessant sind Gewinne, Renditen, Umsätze, Macht und Einfluss.
Wann sagt denen jemand, was Bismarck wollte? Ein Erzkonservativer, der immerhin so weit dachte, dass ein Kranker für die Gesellschaft nichts bringt und im Alter ein Überleben möglich sein sollte.
Solche Gedanken sind heute der reine Sozialismus oder Kommunismus. Weil unsere Politiker blind sind, überhaupt keine Vorstellung mehr vom Bürger haben.
Eine der größten Errungenschaften der Demokratie wird zerstört, ein unabdingbarer Teil der sozialen Gesellschaft

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Politik

von Anita Peter am 10.11.2019 um 15:14 Uhr

Meinen Glauben an die Politik habe ich diese Woche endgültig verloren, als sich Lauterbach und Co über die hohe Belastung der Politker beschwert haben.
Es bleibt aber Gott sei Dank noch genügend Energie für x Nebenjobs, sonstige Pöstchen sowie das Schreiben von Büchern.
Mich widert die deutsche Politik nur noch an. Wenn man sich die Wahlergebnisse anschaut geht es immer mehr Menschen so.

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Kein Grund zu Optimismus

von Karl Friedrich Müller am 10.11.2019 um 11:48 Uhr

„ Wer das Rennen macht? Ganz klar derjenige, der die endgültigen Spielregeln fürs E-Rezept am besten umsetzt. Aber diese Regeln, die gibt’s von der Gematik erst Mitte 2020. Und ein Makelverbot haben wir immer noch nicht.“

1. lese ich immer wieder, dass das BMG Hauptanteileigner der Gematik ist.
2. erstellt die Gematik die Spielregeln und legt fest, wer den Zuschlag bekommt.
3. kein Makelverbot
1+2+3= stinkt erheblich nach Korruption.
Ich bin sicher, dass DocMorris den Zuschlag bekommt, weil es das BMG so will und sicherlich Infos rechtzeitig an DM fliessen werden. Dazu wird DM machen können, was es will.
Es besteht kein Grund zum Optimismus, was die Apotheken vor Ort an geht. Der Plan ist weiterhin, uns zu behindern und zu zerstören.
Wer blickt bei der Digitalisierung noch durch? Ich nicht. Das ist vielleicht kein Wunder, aber bei vier Vielzahl der Anwendungen, Apps, Platformen, Anbieter blickt bestimmt der Normalo auch nicht mehr durch. Die Digitalisierung geht an den Wünschen und Möglichkeiten der Bürger vorbei.
Da wird dann durch den Bundestag das DVG beschlossen, das mal zuerst den Datenschutz aufhebt, den Anfang für die komplette Überwachung der Bürger bietet. Daten werden kaum verschlüsselt zur „Forschung“ frei gegeben. Wer profitiert? Spahn direkt? Das BMG? Auf jeden Fall Datenkraken und Konzerne, die uns zu Opfern und Objekten machen, die es auszunehmen gilt.
Der Datenschutz existiert nicht mehr.
Die AOK ist schon ein seltsamer Verein. Keine Schuld an Lieferengpässen. Wenn man bei den Rabattpartnern gut liefernde Firmen gegen andere austauscht, deren Namen man vorher nie gehört hat und die nicht liefern können, ist man schon schuld. Die alten haben Lager und Produktion reduziert. Die Neuen können nicht.
Da macht es schon Sinn, auf die einzuprügeln, die noch erhebliche Energien investieren (müssen), damit die Kunden versorgt werden. Mit Versand und Automaten wäre das Ganze schon zusammengebrochen. Wäre evtl. ganz gut, dann gingen die Leute mal auf die Barrikaden.
Aus Missachtung oder Verachtung hat der Bundestag unsere Frist zur Anbindung an die TI nicht verlängert. Unser schlafender Verein der Schweiger hätte da auch ein wenig früher reagieren können. Die Ärzte sind schon dran gewesen. Da ist es keine Überraschung, dass wir auch mal müssen...
Viele Ärzte verweigern die Anbindung, aus Datenschutz. So.
Ich wäre auch für ein mehr analoges Leben. Wir sind Spielball fremder Interessen, weder Regierung noch Bundestag verhindern das. Das ist ein Bruch ihrer Aufgaben und des Eids. Diese Leute können zurücktreten, wie die ABDA, und dürften nie wieder kandidieren oder ein öffentliches Amt bekleiden.
Ich sehe vor allem Unehrlichkeit und Korruption, wobei es Spahn ganz ungeniert auf die Spitze treibt. Er verbirgt es nicht mal. Und trotzdem verschließen alle die Augen.
Wie gesagt. Es gibt keinen Grund für Optimismus. Der Zug ist Richtung Versand abgefahren, die Weichen gestellt. Von Spahn. Und desinteressierten Abgeordneten und naiver ABDA.

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Es wird Zeit…

von Gunnar Müller, Detmold am 10.11.2019 um 9:14 Uhr

... dass die Apothekerschaft nicht länger wie der Hase den Igeln hinterher läuft!
Viele unserer „langjährig bewährten“ Spitzen haben den Berufsstand Stück für Stück abgewirtschaftet.
Die Zeit ist reif für einen Wechsel!

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