Masern löschen Immungedächtnis

Masernimpfung schützt auch vor anderen Infektionen

Stuttgart - 08.11.2019, 09:00 Uhr

Die erste Masern-Teilimpfung sollte zwischen vollendetem 11. und 14. Lebensmonat gegeben werden. Die zweite Impfung soll spätestens gegen Ende des zweiten Lebensjahres, mit 23 Monaten, gegeben werden. (Foto: itataekeerati / stock.adobe.com)

Die erste Masern-Teilimpfung sollte zwischen vollendetem 11. und 14. Lebensmonat gegeben werden. Die zweite Impfung soll spätestens gegen Ende des zweiten Lebensjahres, mit 23 Monaten, gegeben werden. (Foto: itataekeerati / stock.adobe.com)


Dass Masern schwere Krankheitsverläufe verursachen und auch tödlich enden können, ist bekannt. Dass die Impfquote zu wünschen übrig lässt, auch. Eine entsprechende Impfpflicht wird kommen und wird aktuell medial breit diskutiert. Nun haben Forscherinnen und Forscher des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) bestätigt, dass (nicht geimpfte) Erkrankte noch über die Zeit einer Masern-Infektion hinaus Nachteile erfahren können. Denn Masernviren löschen einen Teil des immunologischen Gedächtnisses – bislang ungeklärt war jedoch, wie und für wie lange.

„Masern sollten längst ausgerottet sein – stattdessen nehmen sie wieder zu. In den ersten sechs Monaten 2019 wurden weltweit fast dreimal mehr Fälle gemeldet als im gleichen Zeitraum des Vorjahres“, schrieb das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) am vergangenen Freitag in einer Pressemitteilung. Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (European Centre for Disease Prevention and Control, ECDC) spreche von einem Wiederaufleben der Masern in der Europäischen Union bzw. im Europäischen Wirtschaftsraum (EEA). Verantwortlich hierfür seien vor allem fünf Länder, darunter auch Deutschland.

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Dabei sei schon lange bekannt, dass die Maserninfektion „nicht nur selbst durchaus schwer und sogar tödlich verlaufen kann, sondern zusätzlich das Masernvirus das Immunsystem des Erkrankten gegenüber anderen Krankheitserregern schwächt“. Beispielsweise komme es bei einer Maserninfektion häufiger auch zu weiteren Infektionen wie bakteriell bedingten Lungen- oder Mittelohrentzündungen.

So berichtete zum Beispiel bereits im Juni 2015 das Portal der Kinder- und Jugendärzte im Netz über eine Studie (aus der Zeitschrift „Science“), die gezeigt habe, dass eine Masernerkrankung das Immunsystem bis zu drei Jahre lang schwächen könnte: „Eine Masernerkrankung hatte anscheinend sogar auf die durch Impfungen gegen andere Infektionskrankheiten erworbenen Abwehrkräfte einen negativen Einfluss. Die Schutzwirkung der Impfungen verlor an Kraft“, hieß es damals. Allerdings konnte zu diesem Zeitpunkt noch kein kausaler Zusammenhang belegt werden.

Frühere Studien sollten zwar auch schon davon ausgegangen sein, dass Masern eine Art kurzfristiger „Immun-Amnesie“ bewirken würden, man war aber nur von einem Zeitraum über Wochen oder Monate nach der Infektion ausgegangen.

Immunsystem noch fünf Jahre nach Masern-Infektion beeinträchtigt

Nun berichtet das PEI von einer „kürzlich im Vereinigten Königreich (UK) durchgeführten Masern-Kohortenstudie“. Darin sei nachgewiesen worden, dass 10 bis 15 Prozent der Kinder noch fünf Jahre nach einer Maserninfektion Anzeichen einer deutlichen Beeinträchtigung des Immunsystems hatten. Das habe zu einem erhöhten Auftreten sekundärer (weiterer) Infektionen geführt.

Die Wissenschaftler um Prof. Veronika von Messling, bis September 2018 Leiterin der Abteilung Veterinärmedizin des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI), haben laut PEI außerdem (innerhalb des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF) und mit Förderung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF)) gemeinsam mit Forschern aus Großbritannien und den Niederlanden untersucht, welche Mechanismen zu dieser Immunsuppression führen.

Masern beeinträchtigen Vielfalt der Immunzellen

Dazu sollen sie die Rezeptorvielfalt der Immunzellen und die Entwicklung der B-Gedächtniszellen untersucht haben – bei ungeimpften Personen mit und ohne vorangegangener Maserninfektion sowie bei gegen Masern geimpften Personen. Während die genetische Zusammensetzung und Vielfalt der B-Gedächtniszellen bei Personen ohne Maserninfektion und bei geimpften Personen stabil gewesen sei, fand sich bei Personen nach Maserninfektionen „eine signifikante Zunahme der Mutationsfrequenz in diesen Zellen sowie ein verändertes Isotypen(Variations)-Profil“.

Bei etwa 10 Prozent der mit Masern infizierten Personen sei in der Untersuchung die Vielfalt der Immunzellen sogar sehr stark beeinträchtigt gewesen. Zudem habe sich eine Verschiebung hin zu immunologisch unreifen B-Zellen gezeigt, was auf eine beeinträchtigte B-Zellreifung im Knochenmark hinweise. 

Frettchen verlieren Antikörper gegen Influenza

Forscher im PEI sollen außerdem die Befunde im Tiermodell (Frettchen) bestätigt haben. Dafür wurden die Tiere zunächst gegen Influenza immunisiert und einige Tiere mit einem mutierten Hundestaupevirus (canine distemper virus, CDV), das mit dem Masernvirus verwandt sei, infiziert. Das Ergebnis: Die mit CDV infizierten Tiere verloren die meisten Antikörper gegen Influenza. Als sie zu einem späteren Zeitpunkt mit dem Influenzavirus infiziert wurden, hatten die Frettchen, die zuvor mit CDV infiziert wurden, einen schwereren Krankheitsverlauf.

Dem PEI zufolge bestätigen die Ergebnisse, dass das Immunsystem nach einer Maserninfektion „quasi vergisst, mit welchen Erregern es zuvor in Kontakt gekommen war“. Die Rede ist von einer „Immun-Amnesie“. Prof. Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, betont in der Mitteilung des PEI, dass die Masernimpfung nicht nur für den Schutz vor Masernviren wichtig sei, sondern auch vor dem Auftreten oder schweren Verläufen anderer Infektionskrankheiten.



Diana Moll, Apothekerin, DAZ.online
redaktion@daz.online


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