USA: Neuer Impfstoff benötigt?

Mumps trotz Impfung – was steckt dahinter?

Stuttgart - 12.09.2019, 07:00 Uhr

Der Campus der US-amerikanischen Temple University war im März 2019 von einem Mumps-Ausbruch betroffen: Um einen weiteren Ausbruch von Mumps zu verhindern, bot das Philadelphia Health Department für eine Woche zwei kostenlose Walk-In-Kliniken an. (c / Foto: picture alliance / NurPhoto)

Der Campus der US-amerikanischen Temple University war im März 2019 von einem Mumps-Ausbruch betroffen: Um einen weiteren Ausbruch von Mumps zu verhindern, bot das Philadelphia Health Department für eine Woche zwei kostenlose Walk-In-Kliniken an. (c / Foto: picture alliance / NurPhoto)


Diverse Mumps-Epidemien haben in den USA in der jüngeren Vergangenheit dazu geführt, dass das ACIP (Advisory Committee on Immunization Practices) der Centers for Disease Control and Prevention (CDC) in den USA bereits zweifach gegen Mumps Geimpften eine dritte Mumps-Impfung empfiehlt – wenn sie bei einem Mumps-Ausbruch einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt sind. Daraus ergeben sich weitere Fragen: Ist die Schutzwirkung der Mumps-Impfung zeitlich begrenzt? Oder bestehen gar Lücken gegen bestimmte Mumps-Wildtypen? Letztere Frage wirft nun aktuell eine Studie auf, die am 3. September im Journal PNAS erschienen ist.

„Mumps-Studie zeigt Immunitätslücken bei geimpften Personen“, mit diesem Titel machte am 3. September 2019 das „Emory Woodruff Health Sciences Center“ in einer Mitteilung auf eine Studie aufmerksam, die im Journal PNAS (Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America) erschienen ist. In den letzten 15 Jahren seien unter College-Studenten, Sportmannschaften und engen Gemeinschaften in den USA mehrere Mumps-Ausbrüche aufgetreten, heißt es in der Mitteilung. DAZ.online berichtete bereits im April 2018 über die potenziell nachlassende Schutzwirkung der Mumps-Impfung: Untersuchungen in Science Translational Medicine kamen damals zu dem Schluss, dass eine zeitlich begrenzte Schutzwirkung der Mumps-Impfung für die Mumps-Epidemien der letzten Jahre, in den USA und Europa, verantwortlich sein könnte. Die Autoren rieten eine routinemäßige Auffrischung der Mumps-Impfung im Alter von 18 Jahren in klinischen Studien zu untersuchen.

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In den USA wird tatsächlich bereits seit 2017 eine dritte Mumpsimpfung empfohlen – wenn bereits zweifach Geimpfte bei einem Mumps-Ausbruch einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt sind. Gemeint sind damit Personen in Einrichtungen wie Universitäten oder im Gesundheitswesen.

Dass eine dritte Mumps-Impfung Abhilfe schaffen könnte, darauf wird auch in der Mitteilung zur aktuellen Studie eingegangen. Allerdings habe sich gezeigt, dass diese nur kurzfristig zu einer erhöhten Anzahl neutralisierender Antikörper gegen Mumps führe. Ein klarer Zusammenhang zwischen dem Zeitpunkt der Impfung und niedrigem Antikörper- oder B-Gedächtnis-Zellspiegel lässt sich aus der Studie offenbar nicht ablesen.

Mumps: Impfempfehlungen in Deutschland

Das Robert Koch-Institut (RKI) teilte DAZ.online im April 2018 mit, dass das größere Problem (im Vergleich zur Frage nach einer dritten Mumps-Impfung) die gar nicht Geimpften seien. Und auch auf erneute Nachfrage von DAZ.online ließ das RKI wieder verlauten, dass es derzeit keine Überlegungen zu einer dritten Mumps-Impfung in Deutschland gibt. Hierzulande hat man auch nicht mit Mumps-Ausbrüchen wie in den USA zu kämpfen.

Neben der Standardimpfung gegen Mumps im Kindesalter enthalten die aktuell gültigen Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) aber auch in Deutschland die Mumps-Impfung zusätzlich als Impfung der „Kategorie B“, was eine Impfung aufgrund eines beruflichen Risikos empfiehlt.

An die zweite Masernimpfung denken!

Impfschutz bei Schulanfängern nicht ausreichend

1976 wurde in Deutschland die einmalige Mumps-Impfung (ab dem zweiten Lebensjahr) erstmals empfohlen, (in der DDR wurde nicht gegen Mumps geimpft). Ab 1991 galt schließlich gesamtdeutsch die Empfehlung zu zwei Impfdosen (zweites Lebensjahr und sechstes Lebensjahr). Seit 2001 gilt die aktuell bestehende Impfempfehlung: die erste Dosis im Alter von 11 bis 14 Monaten, gefolgt von der 2. Dosis im Alter von 15 bis 23 Monaten. 

Wer nur einmal geimpft wurde, muss aufpassen

Nach 1970 Geborenen „mit unklarem Impfstatus, ohne Impfung oder mit nur einer Impfung in der Kindheit“ sollen sich einmalig mit einem MMR-Impfstoff impfen lassen (Kategorie B), wenn diese in Gesundheitsdienstberufen in der unmittelbaren Patientenversorgung, in Gemeinschaftseinrichtungen oder Ausbildungseinrichtungen für junge Erwachsene tätig sind. 

Zudem sollten „Ungeimpfte bzw. in der Kindheit nur einmal geimpfte Personen oder Personen mit unklarem Impfstatus mit Kontakt zu Mumpskranken; möglichst innerhalb von 3 Tagen nach Exposition“ einmalig mit einem MMR-Impfstoff geimpft werden. Diese Impfung versteht sich als postexpositionelle Prophylaxe, auch wenn es keine Daten darüber geben soll, ob eine postexpositionelle Impfung nach Mumps-Exposition einen Schutz bietet. Man nimmt aber an, dass die rechtzeitige postexpositionelle Impfung Sekundärfälle verhindern kann und dazu beiträgt, einen Ausbruch zu beenden. 

Die Entwicklung der Mumpsfälle wird also auch in Deutschland beobachtet. Seit dem 29. März 2013 besteht in Deutschland eine Meldepflicht für Mumps-Erkrankungen

Auch in Europa: Hinweise auf nachlassende Wirkung

Nicht nur in den USA, auch in Europa gibt es Hinweise auf eine nachlassende Wirkung der Mumps-Impfung beziehungsweise Fallberichte über Mumpsausbrüche (beispielsweise in der Tschechischen Republik, Polen, Spanien und Großbritannien). Etwa die Hälfte der Erkrankten soll mit zwei oder mehr Impfdosen gegen Mumps geimpft worden sein. Das European Centre for Disease Prevention and Control (ecdc) betont in diesem Zusammenhang die Bedeutung einer hohen Impfrate, um Mumps-Ausbrüche zu verhindern. Die Epidemiologie könne in Europa aber auch weitgehend durch das Phänomen der „waning immunity“ erklärt werden.

Auch das RKI äußert sich auf seinem Internetauftritt zu der Frage „Wie ist es zu erklären, dass ein Patient an Mumps erkrankt, obwohl er eine 2-malige Mumps-Impfung erhalten hat?“ und geht dort auf die „waning immunity“ ein (Stand: 15.12.2016).

Die „waning immunity“: Keine natürliche Boosterung

Zunächst stellt das RKI klar, dass die Mumps-Impfung, wie jede andere Impfung auch, nicht zu 100 Prozent vor einer Erkrankung schützt. Es kann also durchaus vorkommen, dass Personen trotz zweimaliger Impfung erkranken – meist mit einem leichteren Krankheitsverlauf. Mumps wird mit dem Kombinationsimpfstoff MMR geimpft, welcher eine Mumps-Erkrankung nach zweimaliger Impfung bei 83-88 Prozent der Geimpften verhindern soll. Man spricht von einem „primären Impfversagen“, wenn eine Immunantwort auf eine Impfung ausbleibt oder mangelhaft ist.

Es gibt aber auch ein sogenanntes sekundäres Impfversagen – und dieses bezieht sich unter anderem auf die „waning immunity“: Diese tritt auf, „wenn der Immunschutz über die Zeit abnimmt und keine natürliche Boosterung stattfindet, weil die Zirkulation von Wildviren bei steigenden Impfquoten in der Bevölkerung verringert ist“.

Ebenfalls als sekundäres Impfversagen wird der „Mismatch“ erwähnt: Besteht zwischen den antigenen Strukturen des Impfstammvirus und denen des zirkulierenden Wildvirus eine große Differenz, könne dies ebenfalls ein Grund für mangelhaften Impfschutz sein.

„Mismatch“: Passt der Impfstoff nicht mehr zum Wildtyp?

Den Faktor „Mismatch“ hat nun die neue Studie aus dem Journal PNAS näher betrachtet. In der zugehörigen Pressemitteilung wird Srilatha Edupuganti, Professorin an der „Emory University School of Medicine“ und medizinische Direktorin der Hope Clinic des „Emory Vaccine Center“, zitiert. Sie beschreibt den MMR-Impfstoff als insgesamt äußerst wirksam in der Reduzierung von Masern-, Mumps- und Röteln-Erkrankungen sowie deren Komplikationen, erklärt aber: „Was wir jetzt im Rahmen der Mumps-Ausbrüche beobachten, ist eine Kombination zweier Dinge – ein paar Menschen zeigten von Beginn an keine starke Immunantwort, zudem hat sich der zirkulierende Stamm von dem Stamm im Impfstoff entfernt.“ 

In der Studie waren 71 Menschen zwischen 18 und 23 Jahren untersucht worden. Fast alle (69 von 71) sollen zwei MMR-Dosen erhalten haben, wovon 80 Prozent ihre zweite Dosis zehn Jahre vor Aufnahme in die Studie erhielten. Rekrutiert wurden sie bereits 2010. Bei 93 Prozent der Teilnehmer sollen schließlich Antikörper gegen Mumps nachgewiesen worden sein. 10 Prozent hatten jedoch keine nachweisbaren mumpsspezifischen B-Gedächtnis-Zellen. Zudem soll die Häufigkeit von B-Gedächtnis-Zellen im Blut der Teilnehmer fünf- bis zehnmal niedriger gewesen sein, als für die gegen Masern oder Röteln. Außerdem sollen die Antikörper der Teilnehmer den Wildtyp des Mumps-Virus nicht so effizient neutralisiert haben wie den Virus im Impfstoff. Zur Erklärung heißt es in der Mitteilung, dass es zwar nur einen Serotyp des Mumpsvirus gibt, der aktuell zirkulierende Stamm (Genotyp G, auch in Deutschland) sich jedoch vom Impfstamm unterscheidet. Wie sich die Unterschiede letztlich aber auswirken, sei nicht vollständig verstanden. 

Braucht es einen neuen Impfstoff gegen Mumps?

Mindestens sechs Studienteilnehmer könnten potenziell anfällig für eine Infektion mit dem derzeit zirkulierenden Mumps-Wildtyp gewesen sein, heißt es abschließend in der Studie. Um die Frage zu beantworten, ob die Entwicklung eines neuen Mumps-Impfstoffs gerechtfertigt wäre, brauche es aber zusätzliche Studien, die die Immunantwort auf die verschiedenen Stämme charakterisieren. Denn die Entwicklung eines neuen Mumps-Impfstoffs würde große Investitionen in klinische Studien erfordern. Diese Entscheidung bleibt also wohl letztlich der pharmazeutischen Industrie überlassen – Merck hat die aktuelle Studie übrigens finanziell unterstützt. Beim Unterpunkt „Reviewer“ wird Glaxo Smith Kline genannt.

Auch das RKI geht im Internet auf die Frage ein, wie zu verfahren ist, wenn trotz regulärer zweifacher Mumps-Impfung serologisch keine Immunität besteht (Stand: 15.12.2016). Dort liest man allerdings, dass Antikörper-Bestimmungen zwar vielfach als Surrogat benutzt werden, aber: „Bei der Immunantwort gegen Mumps sind sowohl die humorale wie auch die zelluläre Immunantwort beteiligt, für die bisher kein definitives serologisches Korrelat identifiziert werden konnte.“

Nach der Verabreichung von zwei Impfdosen könne deshalb davon ausgegangen werden, dass eine zellulär vermittelte Immunität ausreichenden Schutz vor Erkrankung bietet, auch wenn niedrige Antikörpertiter vorliegen: „Wurde bei einer Person, die eine zweimalige MMR-Impfung im empfohlenen Mindestabstand erhalten hat, ein negativer oder grenzwertiger Antikörpertiter bestimmt, ist es daher nicht empfohlen eine dritte Impfung durchzuführen. Es sollte vielmehr davon ausgegangen werden, dass die Person immun ist.“ Hat die Person aber eine berufliche Indikation, soll vom Arzt individuell entschieden werden.



Diana Moll, Apothekerin, DAZ.online
redaktion@daz.online


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