2030 wird BerufsBild ganz verschwunden sein

DDR-Pharmazie-Ingenieure hinterlassen Lücken

Weimar/Berlin - 09.08.2019, 11:30 Uhr

                                            
                                            
                                                    
                                        
                                        
                                                    Immer mehr Pharmazie-Ingenieure erreichen das Rentenalter. In den ostdeutschen Kammern sieht man dies mit Sorge. (m / Foto: contrastwerkstatt / stock.adobe.com)

Immer mehr Pharmazie-Ingenieure erreichen das Rentenalter. In den ostdeutschen Kammern sieht man dies mit Sorge. (m / Foto: contrastwerkstatt / stock.adobe.com)


Pharmazie-Ingenieure sind ein DDR-Relikt in deutschen Apotheken. Die letzten so ausgebildeten Fachleute haben ihr Studium kurz vor dem Mauerfall begonnen. 30 Jahre später hinterlässt ihr allmähliches Ausscheiden Lücken.

Im weißgefliesten Labor hinter dem Verkaufsraum der Weimarer Classic-Apotheke rührt Sabine Fink eine Salbe an. Die 52-Jährige hat reichlich Erfahrung in der Fertigung von Medikamenten per Hand. Seit 1989 arbeitet Fink als Pharmazie-Ingenieurin – ein Berufsbild, das es nur in der DDR gab. 30 Jahre nach der deutsch-deutschen Grenzöffnung verschwindet es allmählich: Immer mehr der Ingenieure gehen in Rente. Ostdeutsche Apothekenkammern sehen das mit Sorge, sie fürchten Personalengpässe.

Pharmazie-Ingenieure, deren Qualifikation mit einem Fachhochschulabschluss vergleichbar ist, dürfen mehr als pharmazeutisch-technisches oder kaufmännisches Apothekenpersonal mit einer klassischen Berufsschulausbildung. Der wesentliche Unterschied zur PTA ist, dass sie auch den Notdienst in einer Apotheke übernehmen und bis zu vier Wochen die Inhaber vertreten dürfen. Vergleichbar sind die Befugnisse der Pharmazie-Ingenieure mit denen der im Westen der Republik ebenfalls verschwindenden Berufsgruppe der Apothekerassistenten beziehungsweise Vorexaminierten.

Die ostdeutschen Fachkräfte bedeuteten für die Apothekeninhaber eine große Entlastung, betont Christine Heinrich, Geschäftsführerin der Apothekerkammer Sachsen-Anhalt. „Anderenfalls müssten sie Apotheker einstellen, die aber gerade auf dem Land schwer zu kriegen sind.“ Noch etwa 4.400 Pharmazie-Ingenieure „made in DDR“ sind laut Bundesapothekerkammer heute noch in Deutschland tätig.

Lehre, Praxis und Studium an der Ingenieurschule

Sabine Fink hat ihre Ausbildung kurz vor dem Mauerfall 1989 beendet. „Erst zwei Jahre Lehre bis zum Facharbeiter, danach ein Jahr Arbeit in der Apotheke, anschließend zwei Jahre Direktstudium an der Ingenieurschule in Leipzig plus ein halbes Jahr praktische Ausbildung“, beschreibt sie ihren beruflichen Start. Auch die Variante als Fernstudium sei möglich gewesen. Anfang der 1990er Jahre sei der Ingenieur-Studiengang eingestellt worden.

Die Anerkennung von in der DDR erworbenen schulischen, beruflichen und akademischen Abschlüssen nach 1990 als gleichwertig regelte der deutsch-deutsche Einigungsvertrag. Fink stellte auf dieser Grundlage einen Antrag auf Anerkennung und Nachdiplomierung bei der zuständigen sächsischen Behörde. „Es kostete eine Gebühr, war aber problemlos“, erzählt sie. „Man musste nur wissen, dass man das beantragen kann.“ Zehntausende von DDR-Fachschulabsolventen der verschiedensten Fachgebiete gingen diesen Weg.

Ruf nach mehr Studienplätzen und besseren Rahmenbedingungen

In Thüringen arbeiten derzeit noch gut 700 Pharmazie-Ingenieure in rund 530 Apotheken – bei etwa 3.700 Beschäftigten vom Apotheker bis zum Azubi insgesamt. 2007 waren es noch 935 Ingenieure. Von den verbliebenen ist mehr als die Hälfte zwischen 56 und 65 Jahre alt. In Mecklenburg-Vorpommern kommen auf 894 Apotheker 418 Pharmazie-Ingenieure. In den rund 590 öffentlichen Apotheken Sachsen-Anhalts mit rund 1.200 Apothekern waren Ende vergangenen Jahres 665 Pharmazie-Ingenieure beschäftigt, in Brandenburg mit 574 Apotheken gut 700. „2030 gehen in Ostdeutschland die letzten Pharmazie-Ingenieure in Rente“, sagt die Kammergeschäftsführerin aus Sachsen-Anhalt.

Die Lücke müsse mit mehr Apothekern gefüllt werden – und das ist bekanntlich schwierig. Es herrscht ohnehin Apothekermangel. Die Kammern in den neuen Bundesländern hoffen auch auf mehr Studienplätze. Und in Brandenburg versucht die Kammer schon seit Jahren die Politik zu überzeugen, überhaupt einen Studiengang zu etablieren.

Ob das etwas bringt, ist aber auch in Pharmazeutenkreisen umstritten. Mit mehr Studienplätzen allein sei es nicht getan, findet Heinrich. „Es hängt auch von den Rahmenbedingungen ab, etwa Entlohnung, Infrastruktur und Konkurrenz durch ausländischen Online-Versandhandel.“



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