Racecadotril auf Ausnahmeliste

Zahlen Kassen künftig wieder Tiorfan für Kinder?

Stuttgart - 01.08.2019, 06:59 Uhr

Ändert sich die Arzneimittel-Richtlinie Anlage 3 könnte künftig Racecadotril (Tiorfan) für Kinder ab dem vierten Lebensmonat und Saccharomyces Boulardii (zum Beispiel Perenterol junior) für Kinder ab dem siebten Lebensmonat bei Durchfall von den Krankenkassen bezahlt werden. (Foto: bonnontawat / stock.adobe.com)

Ändert sich die Arzneimittel-Richtlinie Anlage 3 könnte künftig Racecadotril (Tiorfan) für Kinder ab dem vierten Lebensmonat und Saccharomyces Boulardii (zum Beispiel Perenterol junior) für Kinder ab dem siebten Lebensmonat bei Durchfall von den Krankenkassen bezahlt werden. (Foto: bonnontawat / stock.adobe.com)


Antidiarrhoika erstattet die GKV prinzipiell nicht – nur in Ausnahmen tragen die Krankenkassen die Kosten für Arzneimittel bei Durchfall: zum Beispiel für Elektrolyte zur Rehydratation bis zum vollendeten zwölften Lebensjahr. Doch die AM-RL Anlage 3 soll sich ändern und Saccharomyces boulardii künftig auch für Säuglinge bereits ab dem siebten Lebensmonat erstattungsfähig werden. Ganz neu, beziehungsweise wieder, soll Racecadotril in den Leistungskatalog der Krankenkassen fallen. Wer bekommt Racecadotril künftig bezahlt?

Antidiarrhoika finden sich unter Punkt zwölf der „Übersicht über Verordnungseinschränkungen und -ausschlüsse in der Arzneimittelversorgung durch die Arzneimittel-Richtlinie und aufgrund anderer Vorschriften (§ 34 Absatz 1 Satz 6 und Absatz 3 SGB V)“ – kurz der Anlage 3 zur Arzneimittel-Richtlinie und zählt zu den Arzneimitteln, die die Gesetzlichen Krankenkassen (GKV) grundsätzlich erst einmal nicht erstatten. Nur für bestimmte Patienten oder Indikationen dürfen diese Arzneimittel in Ausnahmefällen zulasten der GKV vom Arzt verordnet, von der Apotheke beliefert und abgerechnet werden.

Erstattungsfähigkeit soll erweitert werden

Nun plant der Unterausschuss Arzneimittel des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), die Erstattungsfähigkeit bei den Antidiarrhoika zu erweitern. Konkret sollen zwei Punkte geändert werden. Es geht einmal um Saccharomyces boulardii-Präparate und außerdem um Racecadotril.

Bislang dürfen zulasten der GKV verordnet werden:

  • Elektrolytpräparate zur Rehydratation bei Säuglingen, Kleinkindern und Kindern bis zum vollendeten zwölften Lebensjahr
  • Escherichia coli Stamm Nissle 1917 mit mindestens 108 vermehrungsfähigen Zellen/Dosiseinheit bei Säuglingen und Kleinkindern zusätzlich zu Rehydratationsmaßnahmen
  • Saccharomyces boulardii nur bei Kleinkindern und Kindern bis zum vollendeten zwölften Lebensjahr zusätzlich zu Rehydratationsmaßnahmen
  • Motilitätshemmer nur nach kolorektalen Resektionen in der postoperativen Adaptationsphase, bei schweren und länger andauernden Diarrhöen, auch wenn diese therapie-induziert sind, sofern eine kausale oder spezifische Therapie nicht ausreichend ist

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Selbst für Kinder, die bis zum vollendeten zwölften Lebensjahr oder bei Entwicklungsstörungen bis zum vollendeten 18. Lebensjahr auch nicht-verschreibungspflichtige Arzneimittel erstattet bekommen, findet der Gesetzgeber „von den genannten Ausnahmen abgesehen, eine Verordnung auch für Kinder bis zum vollendeten zwölften Lebensjahr und für Jugendliche mit Entwicklungsstörung bis zum vollendeten 18. Lebensjahr unwirtschaftlich“.

Saccharomyces boulardii ab dem siebten Lebensmonat

Bei Elektrolyten und E. coli ändert sich auch künftig nichts. Allerdings soll Saccharomyces boulardii nun bereits ab dem siebten Lebensmonat verordnet und erstattet werden – das bedeutet, die AM-RL soll sich in diesem Punkt folgendermaßen ändern:

  • Saccharomyces boulardii bei Säuglingen ab dem siebten Lebensmonat, Kleinkindern und Kindern bis zum vollendeten zwölften Lebensjahr zusätzlich zu Rehydratationsmaßnahmen

Wieder mit an Bord: Racecadotril

Ganz neu, besser gesagt wieder, aufgenommen in die Liste der erstattungsfähigen Antidiarrhoika wird Racecadotril. Für Kinder steht der Wirkstoff in Form einer Suspension mit Tiorfan® 10 mg beziehungsweise 30 mg Granulat zur Herstellung einer Suspension zum Einnehmen zur Verfügung. Das Arzneimittel ist verschreibungspflichtig und wird seit April 2009 nicht mehr von der GKV erstattet. Das könnte sich wieder ändern. Denn nach Plänen des G-BA sollen die Krankenkassen Racecadotril künftig wieder erstatten, und zwar bei

  • Säuglingen ab dem vierten Lebensmonat und Kleinkindern zusätzlich zu Rehydratationsmaßnahmen

Hintergrund für die geplanten Änderungen sind laut dem BAH (Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller) „die Erweiterung der Zulassung eines Saccharomyces boulardii-haltigen Arzneimittels für Säuglinge und Kleinkinder im Alter von sechs Monaten bis zwei Jahren“ und ein Antrag beim G-BA zur Aufnahme racecadotrilhaltiger Arzneimittel zur Behandlung von Diarrhöen bei Säuglingen und Kleinkindern.

Bislang ist die Änderung der AM-RL nicht beschlossen, aktuell läuft ein Stellungnahmeverfahren bis zum 29. August 2019, in dem sich die verschiedenen Verbände – darunter der BPI, der vfa, die ABDA und die AkdÄ – zu dem Vorhaben äußern können.



Celine Müller, Apothekerin, Redakteurin DAZ.online (cel)
redaktion@daz.online


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