Provokanter Antrags-Vorschlag

DAT soll um Sterbehilfe für Apotheken bitten

Berlin - 26.07.2019, 17:45 Uhr

Wie viele Apotheken will die Politik wirklich? Ein Apotheker aus Niedersachsen sucht Aufmerkamkeit mit einem Vorschlag für einen DAT-Antrag. (Foto: Schelbert)

Wie viele Apotheken will die Politik wirklich? Ein Apotheker aus Niedersachsen sucht Aufmerkamkeit mit einem Vorschlag für einen DAT-Antrag. (Foto: Schelbert)


Der Apotheker Lorenz Weiler aus dem niedersächsischen Hemmingen hat genug davon, wie die Politik mit seinem Berufsstand umgeht. Der ABDA hat er nun einen Brief geschrieben, mit dem er sie bittet, beim kommenden Deutschen Apothekertag einen provokanten Antrag zu stellen: Die Politik soll ganz klar sagen, wie viele Apotheken sie noch in Deutschland sehen möchte – und dafür sorgen, dass die Härten der politisch gewollten „Aushungerung“ finanziell abgefedert werden. So sollten die Kassen ein Budget für „Apotheken-Schließungsprämien“ bereitstellen.

Beim Deutschen Apothekertag (DAT) gibt es strenge Regeln für den Ablauf der Hauptversammlung. Nicht jeder darf dort einen Antrag stellen. Ein einzelner Apotheker – oder auch Pharmaziestudierender – schon mal gar nicht. Man muss sich eine ABDA-Mitgliedsorganisation suchen, die den eigenen Antrag unterstützt. Mindestens fünf Delegierte gemeinsam können ebenfalls einen Antrag stellen.

Welchen konkreten Plan Lorenz Weiler, Inhaber der WeilerVital-Apotheke im real in Hemmingen bei Hannover, mit seinem Antragsvorschlag verfolgt, der er jetzt mit der Bitte an die ABDA geschickt hat, ihn beim kommenen DAT zur Abstimmung zu stellen, ist offen. Eine Diskussion dürfte er mit seinen provokanten Forderungen durchaus entfachen. Er selbst erhofft sich zumindest einen „Gesinnungswandel“ in der Politik und Öffentlichkeit.

Und so sieht Weilers Wunsch-Antrag für die Hauptversammlung aus:

Sie möge beschließen, die Politik aufzufordern,

- eine offizielle Zielgröße der verbleibenden Apothekenzahl in Deutschland zu veröffentlichen, welche durch die in den letzten Jahren verfolgte Strategie der systematischen Unterfinanzierung unter der Hand angestrebt wird

- eine gesetzliche Grundlage dafür zu schaffen, die Härten dieses politisch gewollten finanziellen Aushungerungsprozesses für die schuldlos darunter leidenden, persönlich haftenden Einzelhandelskaufleute abzufedern 

- es im Rahmen einer Einzelfallprüfung den Inhabern zu ermöglichen, insbesondere langjährige Mietverträge, die im Vertrauen auf politische Stabilität geschlossen wurden, außerordentlich zu kündigen, da die Interessenabwägung zwischen Vermieter, Mieter und Gemeinwohl in diesen Fällen zu Lasten des Vermieters ausfallen muss, zumal dieser in der Regel kurzfristig an eine andere Branche vermieten kann

- aus Krankenversicherungsgeldern oder hilfsweise Steuergeldern ein Budget für Apotheken-Schließungsprämien bereitzustellen. Diese wären in der Logik der Versandhandelsbefürworter auch für die Versichertengemeinschaft ein gutes Geschäft, da dadurch auf weitere Jahre hinaus durch Skaleneffekte eine Erhöhung der Apothekenhonorare vermieden werden könnte

Auch fordert Weiler von der ABDA Ehrlichkeit: Wenn sie bei ihren Verhandlungen mit dem Gesundheitsministerium den Eindruck bekommen habe, dass die Apotheke vor Ort mittelfristig abgewickelt werden soll, dann müsse sie das ihren Mitgliedern genau so sagen. „Nur so können wir Einzelunternehmer valide Entscheidungen treffen und verlieren keine kostbare Zeit, in der wir uns gegebenenfalls noch anderweitig orientieren können“.

Mit der „Mär des reichen Apothekers“ aufräumen

Für seinen Antrag liefert Weiler auch eine Begründung mit: Ein solcher Schritt sei nach den vergangenen zwei Jahren „weitgehend erfolgloser Bemühungen der ABDA, der Politik die Vorteile einer kleinteiligen Apothekenlandschaft verständlich zu machen“ konsequent und geeignet unverschuldete Privatinsolvenzen und Familientragödien zu vermeiden oder den Schaden zu begrenzen. Denn: „Das Vorgehen der Politik des achselzuckenden Aushungerns einer ganzen Branche, deren Akteuren man zuvor das volle unternehmerische Risiko persönlich aufgebürdet hat, ist inakzeptabel und menschenverachtend“.

Weiler empfiehlt dieses Vorgehen „nicht zuletzt auch in der Hoffnung mit einer solchen durchaus Aufsehen erregenden offiziellen Forderung seitens der Apothekerschaft in der Politik wie auch der Öffentlichkeit einen – wenn auch späten – Gesinnungswandel herbeizuführen“. Bitte die eigene Branche offiziell um „Sterbehilfe“, könne ein für alle Mal mit der „Mär des reichen Apothekers“ aufgeräumt werden. Weiler ist überzeugt: Wenn z.B. die Bild-Zeitung titeln würde „Apotheker bitten um Sterbehilfe“, dann würde sich dem Thema sicher keiner entziehen können.

Ferner, so Weiler in seinem Antrag, würden die „langfristigen verheerenden Folgen für die Arzneimittelversorgung, die diese Regierung aktuell durch Nichthandeln (kein RxVV) herbeiführt, aber eben wegen dieser Langfristigkeit später selbst nicht verantworten muss“, in die unmittelbare Gegenwart geholt. Der Pharmazeut meint: Dann muss die Politik hier und heute Stellung beziehen. Auch dem Lamentieren über „zu viele Apotheken“ werde „der Wind aus den Segeln genommen und stattdessen die berechtigte Verlustangst erzeugt, ein gewohntes Kulturgut endgültig zu verlieren“.

Nicht zuletzt würde der politisch offenbar gewünschte Prozess der „Marktbereinigung“ seitens der Apothekerschaft aktiv begleitet anstatt unwürdig erlitten. Und: „Es werden gerade noch rechtzeitig dringend benötigte pharmazeutische Fachkräfte dem Markt zur Verfügung gestellt, bevor noch mehr gut gehende profitable und gesellschaftlich notwendige Betriebe mangels Personal schließen müssen, anstatt dass ohnehin todgeweihte Betriebe diese Ressourcen zu lange blockieren“.

Zum Schluss seines Briefes an die ABDA ruft Weiler nochmals dazu auf, die Bundestags-Petition von Benedikt Bühler mitzuzeichnen.



Kirsten Sucker-Sket (ks), Redakteurin Hauptstadtbüro
ksucker@daz.online


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6 Kommentare

Manche Übertreiben

von Mike72 am 28.07.2019 um 14:43 Uhr

Manche Übertreiben hier wirklich furchtbar. In manchen Ecken gibt es einfach klar zuviele Apotheken. Ich wohne in der Stadt und habe im Umkreis von 750 Meter genau 10 Apotheken.
Bei mir 5 weniger und diese dafür dann auf dem Land würde niemandem Schäden...

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

Was die ABDA kann ... können die Apotheker besser ...

von Christian Timme am 27.07.2019 um 17:48 Uhr

"den Sand im Getriebe spielen" und dieses "Konstrukt" selbst zum einstürzen bringen.

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

Karten auf den Tisch

von Norbert Veicht am 27.07.2019 um 11:13 Uhr

Sehr gut! So legt vielleicht ja doch mal der eine oder andere die Karten auf den Tisch und sagt, was angestrebt wird. Es macht schlichtweg keinen Sinn Unternehmer mit uneingeschränktem Risiko zu sein, ohne halbwegs klare Sicht auf die weitere Entwicklung.

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Glaeske

von Conny am 27.07.2019 um 10:11 Uhr

Na ja, Glaeske wird nicht mehr alles erleben , zu alt

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Super Idee

von Dr Schweikert-Wehner am 26.07.2019 um 18:25 Uhr

Und noch eine: Bitte mal über Verstaatlichung der Apotheken nachdenken. Alle unter 1.500.000 € Umsatz bekommt der Staat geschenkt, inclusive Warenlager. Dafür werden Inhaber und alle Mitarbeiter Beamte auf Lebenszeit.

» Auf diesen Kommentar antworten | 1 Antwort

AW: Super Idee

von ratatosk am 26.07.2019 um 18:36 Uhr

Tolle Idee, mache mit, sogar wenn der Karl dann für ein paar Jahre mein Chef sein könnte, als Beamten juckt mich das dann nicht mehr. Dann können die Laiendarsteller von Gesundheitspolitikern ja endlich die dutzenden von Milliarden an Wirtschaftlichkeitsreserven heben. In Frankreich hat man eine vergleichbare Abschlachtprämie vor einigen Jahren erfolgreich durchgezogen. In manchen Gegenden fährt man jetzt zwar ein paar Stunden, aber Karl und Glaeske können das sicher besser .

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