USA

Isotretinoin: Hunderte Schwangerschaften trotz Verhütungsprogramm

Stuttgart - 23.07.2019, 09:00 Uhr

Mit jeder Schwangerschaft sind auch Sorgen verbunden. Vor allem, wenn die Mutter Arzneimittel einnehmen muss oder eingenommen hat, die das Kind schädigen können. (Foto: WavebreakMediaMicro / stock.adobe.com)

Mit jeder Schwangerschaft sind auch Sorgen verbunden. Vor allem, wenn die Mutter Arzneimittel einnehmen muss oder eingenommen hat, die das Kind schädigen können. (Foto: WavebreakMediaMicro / stock.adobe.com)


Isotretinoin ist teratogen. Deshalb gelten nicht nur in Deutschland besondere Auflagen bei der Verordnung für Frauen im gebärfähigen Alter. Erst vor etwa einem Jahr hatte die Europäische Kommission eine EU-weite Harmonisierung entsprechender Maßnahmen verordnet. Und auch in den USA ist Isotretinoin nun wieder ein Thema: Eine Studie wirft dort die Frage auf, wie viel Schwangerschaftverhütungsprogramme tatsächlich erreichen können.

In einer Pressemitteilung des Brigham and Women’s Hospital in Boston, Massachusetts wird von mehreren hundert Schwangerschaften pro Jahr in den USA berichtet bei Frauen, die Isotretinoin einnahmen. Bemerkenswert ist das, weil ähnlich wie in Deutschland in den USA seit 2006 verschärfte Auflagen für die Verordnung von Isotretinoin gelten. Forscher des Brigham and Women’s Hospital haben untersucht wie sich das Schwangerschaftsverhütungsprogramm iPLEDGE in den USA seit 2006 ausgewirkt hat und die Ergebnisse im Journal JAMA vergangenen Mittwoch veröffentlicht.

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In der Studie wurden Nebenwirkungsdaten der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA von den Jahren 1997 bis 2017 ausgewertet. In diesem Zeitrahmen sollen 6.740 Schwangerschaften unter Isotretinoin in den USA registriert worden sein. Seit der Einführung des iPLEDGE-Programms 2006 seien die Zahlen von Schwangerschaften unter Isotretinoin-Einnahme zwar gesunken. Doch sollen auch im letzten Jahrzehnt mehrere hundert Schwangerschaften pro Jahr unter Isotretinoin berichtet worden sein: Nach 2011 sollen 218 bis 310 Schwangerschaften pro Jahr unter Isotretinoin-Therapie registriert worden sein. Zu Spitzenzeiten (2006) waren es noch 768 Schwangerschaften pro Jahr gewesen.

Auch 200 Schwangerschaften unter Isotretinoin sind noch zu viel

Seit Einführung von iPLEDGE konnte nicht nur die Zahl der Schwangerschaften unter Isotretinoin in den USA reduziert werden, auch die Zahl der Abtreibungen und fetaler Defekte soll sich reduziert haben. Doch den Studien-Autoren scheint dieser Erfolg nicht groß genug zu sein: Auch 200 Schwangerschaften unter Isotretinoin-Therapie pro Jahr seien noch zu viele, schreiben sie. Zudem halten die Wissenschaftler es für möglich, dass der positive Trend nicht unbedingt nur auf den Erfolg von iPLEDGE zurückzuführen ist. Auch der insgesamte Rückgang an Teenager-Schwangerschaften, die verstärkte Nutzung von Langzeitverhütungsmethoden und der Notfallverhütung könnten zur positiven Entwicklung beigetragen haben. Und so scheinen die Wissenschaftler noch Verbesserungspotenzial für den Schutz der Frauen, die Isotretinoin einnnehmen oder -nahmen, und deren Kinder zu erkennen.

Dabei handelt es sich bei bei iPLEDGE um ein recht strenges Schwangerschaftsverhütungsprogramm: Wie in Deutschland muss vor Beginn der Einnahme eine Schwangerschaft mittels eines Schwangerschaftstests ausgeschlossen werden. Zudem sollen die Frauen im gebärfähigen Alter zwei Verhütungsmethoden miteinander kombinieren. Wollen sie das Medikament weiterhin einnehmen, müssen sie jeden Monat erneut einen Schwangerschaftstest machen – die Ärzte müssen die Testergebnisse wiederum bei iPLEDGE eingeben und auch die abgebende Apotheke muss durch iPLEDGE eine Genehmigung einholen.

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In Deutschland ist Isotretinoin beispielsweise in Präparaten wie Aknenormin® oder Isoderm® zur oralen Einnahme bei schwerer Akne enthalten. Laut www.embryotox.de ist der Erfahrungsumfang mit Isotretinoin in der Schwangerschaft „hoch“ – es gibt also viele Daten dazu. Demnach waren die ausgeprägten teratogenen Eigenschaften von Retinoiden tierexperimentell bereits bekannt, „bevor Isotretinoin 1982 in den USA als erstem Land zugelassen wurde“.

Zur Einordnung: Nach Thalidomid gelten Retinoide als am stärksten teratogen wirkende Arzneimittel. Sie können bei Einnahme im 1. Trimenon zu Fehlbildungen, kardiovaskulären Defekten und neurologischen Schäden führen. Das Risiko für Fehlbildungen soll laut www.embryotox.de im 1. Trimenon bis zu 25 Prozent betragen. Zur Anwendung nach dem 1. Trimenon gibt es kaum Daten.

In der EU: Gerahmter Warnhinweis für Retinoide

Auch die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) hat – seit Juli 2016 – die teratogene Gefahr der Retinoide neu evaluiert. Bereits zuvor war das Inverkehrbringen von oral anzuwendenden Arzneimitteln mit dem Wirkstoff Isotretinoin seit 2003 in der EU an mehrere Auflagen geknüpft worden. Ähnlich hatten diese Auflagen auch davor schon in den USA und zum Teil auch in Deutschland bestanden. 2016 hieß es dann, ähnlich wie aktuell in den USA, auf den Seiten des BfArMs: „Eine Überprüfung der Effektivität des Schwangerschaftsverhütungsprogrammes (unter Auswertung von Daten nach der Zulassung und von publizierten Studien) ließ Fragen aufkommen, wie gut das Schwangerschaftsverhütungsprogramm in der Praxis eingehalten wird und ob es in den einzelnen EU-Mitgliedsstaaten in gleicher Weise befolgt wird. Außerdem sind angemessene Maßnahmen zur Schwangerschaftsverhütung im Zusammenhang mit der Anwendung von Retinoiden auf der Haut zu eruieren.“ Zudem rückten neuropsychatrische Nebenwirkungen in den Fokus der Wissenschaft.

Vor etwa einem Jahr wurde dieses 2016 begonnene Risikobewertungsverfahren durch das BfArM (Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte) – nach Bescheid der Europäischen Kommission – abgeschlossen: Seit dem 21.09.2018 müssen alle acitretin- alitretinoin- oder isotretinoin-haltigen Arzneimittel in der oralen Anwendung neu einen gerahmten Warnhinweis auf der Packung tragen, der auf das teratogene Risiko hinweist und auf die Notwendigkeit einer effektiven Schwangerschaftsverhütung. Neben der Aktualisierung von Schulungsmaterialien müssen die Zulassungsinhaber acitretin-, alitretinoin- oder isotretinoin-haltiger Arzneimittel außerdem eine Arzneimittelanwendungsstudie durchführen. Diese dient dazu, die Wirksamkeit der aktualisierten Risikominimierungsmaßnahmen zu bewerten. Das BfArM erwartet diese Ergebnisse bis 2022.



Diana Moll, Apothekerin, DAZ.online
redaktion@daz.online


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