Gesundheitsministerin Agnès Buzyn

Frankreich streicht Kostenerstattung für Homöopathie

Berlin - 10.07.2019, 10:20 Uhr

Frankreichs Gesundheitsministerin Agnès Buzyn will einen stufenweisen Ausstieg aus der Kostenerstattung für Homöopathika. (s / Foto: imago images / IPS press)

Frankreichs Gesundheitsministerin Agnès Buzyn will einen stufenweisen Ausstieg aus der Kostenerstattung für Homöopathika. (s / Foto: imago images / IPS press)


Die nationale Krankenversicherung Frankreichs darf ab Januar 2021 keine homöopathischen Arzneimittel mehr erstatten. In einem Interview mit der Tageszeitung „Le Parisien“ erklärt Gesundheitsministerin Agnès Buzyn, dass die Kostenerstattung schon im kommenden Jahr von derzeit 30 Prozent auf dann 15 Prozent reduziert wird. 2021 gebe es dann gar keine Kostenerstattung mehr. Buzyn folgt damit der Empfehlung der obersten Gesundheitsbehörde Frankreichs.

Die Diskussion um die Kostenerstattung der Homöopathie in Frankreich ist entscheiden: Die nationale Krankenversicherung, in der etwa 80 Prozent aller Bürger Frankreichs versichert sind, soll ab dem 1. Januar 2021 keine homöopathischen Präparate teilerstatten. Das Gesundheitsministerium, das über das französische Erstattungsrecht entscheidet, wird dazu eine Regelung vorlegen. In dem Interview mit „Le Parisien“ erklärt Gesundheitsministerin Buzyn, dass sie sich für eine Übergangsregelung entschieden habe, weil die Patienten an die Umstellung herangeführt werden müssten.

Zur Begründung verweist Buzyn auf das Jahr 1984. Damals entschied das Gesundheitsministerium, dass Homöopathika erstattet werden sollen. „Es war eine Entscheidung, die die Industrie stärken sollte.“ Nun gebe es aber eine eine Studienauswertung der obersten Gesundheitsbehörde (HAS). Insgesamt hätten sich die Experten 800 Studien zum möglichen Nutzen der Homöopathie für den Patienten angeschaut. Die Schlussfolgerung sei gewesen, dass der Zusatznutzen mit Placebo vergleichbar sei.

Mehr zum Thema

Empfehlung der Obersten Gesundheitsbehörde

Daumen runter für die Erstattung von Homöopathika in Frankreich

Zur Erinnerung: Im letzten Jahr hatte sich das Ministerium für Solidarität und Gesundheit an die HAS gewandt. Sie sollte den Nutzen der derzeit erstattungsfähigen homöopathischen Arzneimittel beurteilen. In der hierfür zuständigen Transparenzkommission der HAS sind Ärzte, Apotheker, Epidemiologen, Methodologen, aber auch Patienten und Anwender vertreten. Ihr Fazit: Die Wirksamkeit der Homöopathie sei nicht ausreichend nachgewiesen, um die weitere Erstattung der Mittel zu rechtfertigen, so die Schlussfolgerung der Transparenzkommission. Es gebe keine Hinweise auf eine Wirksamkeit in den 24 untersuchten Symptomen oder Krankheiten, darunter postoperative Schmerzen, Vorbeugung von Entzündungen, Kopfschmerzen und Migräne, Asthma, Infektionen der Atemwege, allergische Rhinitis, Angstzustände, Depressionen, Schlafstörungen, Erkrankungen des Bewegungsapparates, Durchfall und viele mehr. Weiterhin kritisiert die Kommission methodische Mängel in den Studien und dass diese die Bevölkerung nur unzureichend abbildeten.

Homöopathie-Lobby übte großen Druck aus

Zuletzt hatten etwa 1 Million Franzosen an einer Petition teilgenommen und sich für den Erhalt der Kostenerstattung bei der Homöopathie ausgesprochen. Buzyn weist in diesem Zusammenhang daraufhin, dass schon jetzt einige Homöopathika nicht mehr erstattet werden und dass sich die ausgezahlten Gelder im Rahmen halten: 2018 habe der höchste Erstattungswert bei 25 Euro pro Jahr gelegen. „Ich glaube nicht, dass unsere Maßnahme die Homöopathie behindern wird“, resümiert die Ministerin.

Wie funktioniert die Kostenerstattung von Homöopathika in Frankreich?

Wenn es um die Rechtfertigung der Erstattung geht, sind homöopathische Arzneimittel sehr „speziell“. Während die HTA-Institutionen, wie die französische Haute Autorité de Santé (HAS) sich bei zugelassenen Arzneimitteln wenigstens darauf verlassen können, dass die Medikamente wirksam sind  – sonst wären sie nicht zugelassen – trifft das bei Homöopathika nicht unbedingt zu. Nach dem erleichterten Registrierungsverfahren, dass überall in der EU implementiert ist, reicht bei homöopathischen Arzneimitteln, die keine „allgemeingültige“ Indikation beanspruchen, ein abgespecktes Dossier, um die Verkehrsfähigkeit zu erlangen. Unterlagen zur Wirksamkeit brauchen nicht vorgelegt zu werden. Was wem wofür verschrieben wird, entscheidet der Arzt. Dies entspricht dem Prinzip der Homöopathie. Die Patienten bekommen Homöopathika direkt in der Apotheke und zahlen sie auch selbst. Sie können ihre Rechnung dann bei der Krankenversicherung einreichen.

Zuletzt hatten die Homöopathie-Unterstützer noch einmal Hoffnung gesehen, als Staatspräsident Emmanuel Macron sagte, dass eine Streichung der Kostenerstattung „unpopulär“ sein könnte. Zur Erklärung: Die Befürworter und Homöopathie-Industrie hatten ebenfalls starken Druck auf Macron ausgeübt. Ende Mai hatten Gewerkschaftsvertreter von Boiron dem Elysée-Palast rund 2.000 Briefe von Angestellten des Unternehmens übergeben, die bei einem Erstattungsausschluss um ihre Arbeitsplätze fürchteten.



Diesen Artikel teilen:


Das könnte Sie auch interessieren

Wird es in Frankreich keine Erstattung mehr geben?

Streit um die Homöopathie

Empfehlung der Obersten Gesundheitsbehörde

Daumen runter für die Erstattung von Homöopathika in Frankreich

Debatte über Satzungsleistungen

KBV: Kassen sollten keine Homöopathie erstatten

In Frankreich kein Kostenersatz mehr ab 2021 / Politiker von Union und SPD uneins über Streichung auch in Deutschland

Homöopathie-Erstattung unter Beschuss

Minister Lucha setzt sich für Homöopathie-Erstattung ein

Breites Therapieangebot ist wichtig

1 Kommentar

In Europa sind uns fast alle Länder voraus

von ratatosk am 11.07.2019 um 9:56 Uhr

Wir fallen immer mehr zurück. Eine klare vernünftige Entscheidung. Auch hier wieder die Frage - wo sind die sonst so unvermeidlichen sog. Experde Lauterbach und Glaeske ? sonst immer Klappe auf, hier hätten sie mal Grund, aber man hört nichts. Kein bezahltes Gutachten dazu im Auftrag, das man evaluieren und QMS technischer erstellten kann?

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

Kommentar abgeben

 

Ich akzeptiere die allgemeinen Verhaltensregeln (Netiquette).

Ich möchte über Antworten auf diesen Kommentar per E-Mail benachrichtigt werden.

Sie müssen alle Felder ausfüllen und die allgemeinen Verhaltensregeln akzeptieren, um fortfahren zu können.