Pharmacon Meran 2019

Warum ist Cefuroxim so beliebt?

Meran - 28.05.2019, 17:50 Uhr

Krankenhausapothekerin Edith Bennack mahnt vor der leichtfertigen Verordnung von Cefuroxim. (Foto: DAZ/ck)

Krankenhausapothekerin Edith Bennack mahnt vor der leichtfertigen Verordnung von Cefuroxim. (Foto: DAZ/ck)


Cefuroxim erfreut sich ungebrochener ärztlicher Verordnungsfreude. Warum ist das so? Obwohl Cefuroxim in keiner deutschen Leitlinie das Antibiotikum der ersten Wahl ist. Darüber wundert sich auch die Krankenhausapothekerin Edith Bennack beim Pharmacon in Meran. „Cefuroxim hilft im Bewusstsein vieler Ärzte gegen alles“, schätzt sie – dabei überzeugt das Cephalosporin noch nicht einmal durch seine Pharmakokinetik.

55 Millionen Tagesdosen Cefuroxim wurden laut AOK im Jahr 2017 verordnet. Das Cephalosporin  hat einen „irrsinnig rasanten Verordnungsanstieg“ in den letzten zehn Jahren erfahren, den stärksten aller antibiotischen Einzelsubstanzen, und lag 2014 auf Platz zwei der Verordnungshäufigkeit. Das erklärt Edith Bennack beim derzeitigen Pharmacon in Meran. Bennack leitet die Klinikapotheke des St. Elisabeth-Krankenhauses in Köln-Hohenlind.

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Der Krankenhausapothekerin ist diese Cefuroxim-Verordnungsfreude ein Rätsel. Warum? „Cefuroxim ist in keiner deutschen Behandlungsleitlinie das antibiotische Mittel der ersten Wahl und an vorderster Stelle positioniert“. Auch finanzielle Anreize schließt sie aus, da seit Jahren Cefuroxim-Generika (Original: Elobact) fest im Markt etabliert seien. Ihre Vermutung: „Cefuroxim hilft im Bewusstsein vieler Ärzte einfach gegen alles“, so Bennack.

Cefuroxim: therapeutischer Bereich zu kurz

Bennack ist von dem hohen Stellenwert, den Cefuroxim ihrer Ansicht nach ungerechtfertigterweise genießt, nicht begeistert. Ihre Bedenken bei Cefuroxim untermauert die Apothekerin mit pharmakokinetischen Daten zu diesem Cephalosporin: Die orale Bioverfügbarkeit von 30 bis 50 Prozent bewertet sie mit „eher schlecht“. Bereits nach sechs Stunden liege der Plasmaspiegel nur noch bei 0,96 µg/ml (maximale Plasmaspiegel 7,7 µg/ml nach zwei bis vier Stunden) und somit außerhalb des erwünschten therapeutischen Bereiches. 

Doch: Was sagt dieser Wert überhaupt aus? Ist für die Wirksamkeit eines Antibiotikums nicht vor allem die Konzentration im Zielgewebe relevant, mehr als die im Plasma? Das ist korrekt – jedoch sind diese Konzentrationen im Zielgewebe nur sehr schwer zu messen. Bennack erklärt: „Die minimale Hemmkonzentration liegt für die meisten Erreger laut EUCAST* bei 1-2 µg/ml im Zielgewebe“. Um diese Konzentrationen im Zielgewebe zu erreichen, sei das vier- bis achtfache der Antibiotikumkonzentration im Blut erforderlich.

Das bedeutet: „Im Blut sollte eine Konzentration von 4-8 µg/ml für mindestens 50 Prozent des Dosierintervalles – sprich bei Cefuroxim zwölf Stunden – angestrebt werden,“ erklärt die Krankenhausapothekerin. Bennack verdeutlicht: „Im therapeutischen Bereich sind Sie bei einer applizierten Cefuroximdosis von 500 mg jedoch gerade einmal 30 Prozent der Zeit“, und das sei ja immerhin noch die „gute Nachricht für die hohe Dosis Cefuroxim mit 500 mg zweimal täglich“. Bei einer geringeren Einzeldosis mit 250 mg zweimal pro Tag könne man die Antibiose „gleich lassen", so Bennecks Einschätzung.

*EUCAST (European Committee on Antimicrobial Susceptibility Testing): standardisiert antimikrobielle Empfindlichkeitsprüfung im Rahmen einer europäischen Norm, Netzwerk unter der Schirmherrschaft der European Society of Clinical Microbiology and Infectious Diseases (ESCMID) und des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC).

Besser zweimal Cefuroxim als gar keine Antibiose?

Kein Cefuroxim, dafür plädiert Bennack vor allem auch bei unkomplizierten Harnwegsinfektionen (HWI). Abgesehen davon, dass die Leitlinie zu Harnwegsinfektionen das Cephalosporin nicht berücksichtigt, besticht es negativ auch mit hohen Resistenzen gegen E. coli – dem häufigsten Erreger bei HWI – im ambulanten und stationären Setting. Das Robert Koch-Institut (RKI) ermittelte E. coli-Resistenzen für 2017 (veröffentlicht September 2018) und fand 11,5 Prozent Cefuroxim-resistente E. coli und 36,5 Prozent intermediär resistente E. coli-Stämme für Cefuroxim (ambulant). In der Klinik waren 17,2 Prozent der E. coli resistent und 34 Prozent intermediär resistent gegen Cefuroxim. Bennack erklärt: „Bei intermediär resistenten Keimen bräuchte man eigentlich höhere Dosen, um eine ausreichende Wirksamkeit von Cefuroxim gegen E. coli zu gewähren“. Das Problem hierbei: „Eine Dosiserhöhung bei Cefuroxim ist außerhalb der Zulassung", so die Krankenhausapothekerin.

Patientenangst vor Penicillinen

Die Antibiotika der ersten Wahl bei Harnwegsinfektionen sind Fosfomycin, Nitrifurantoin, Nitroxolin und Pivmecillinam – und zwar gleichberechtigt, die Reihenfolge in der Leitlinie fußt rein auf dem Alphabet. Nach Ansicht Bennacks ist Pivmecillinam das Mittel der Wahl, hinsichtlich Wirksamkeit und Verträglichkeit.

Warum aber verordnen viele Ärzte das Penicilinderivat nicht? Erika Fink, ehemalige Präsidentin der Bundesapothekerkammer und der Landesapothekerkammer Hessen, gibt in der Diskussion nach Bennacks Vortrag zu bedenken, dass manche Ärzte Cefuroxim wegen der nur zweimal täglichen Einnahme bevorzugen könnten. Ihrer Erfahrung nach stünde die arbeitsame Bevölkerung einer dreimal täglichen Einnahme, wie bei Penicillinen aufgrund der kurzen Halbwertszeit üblich, kritisch gegenüber. Somit könnten Ärzte eine zweimal tägliche Cefuroximgabe noch als kleineres Übel vor gar keine Antibiose sehen, gibt Fink zu bedenken. Auch mahnt Fink, dass die Angst bei Patienten vor Penicillinen, meist das einzige Antibiotikum, das sie überhaupt kennen, in der Bevölkerung weit verbreitet sei, und Patienten aus diesem Grund „alles was ,-cillin' enthält nicht einnehmen wollen". Auch wenn diese Argumente Apothekern vielleicht fachlich unverständlich seien, könnten diese dennoch zum Verordnungsverhalten der Ärzte beitragen.



Celine Müller, Apothekerin, Redakteurin DAZ.online (cel)
redaktion@daz.online


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1 Kommentar

Cefuroxim - PPI

von Heike Nickolay am 29.05.2019 um 6:36 Uhr

Zusätzliches Problem: Vielen Ärzten scheint die Wechselwirkung mit PPI´s (Bioverfügbarkeit sinkt unter wirksame Dosis) nicht bekannt zu sein. Macht immer wieder Spaß, vor allem ab Freitagmittag, wenn die Ärzte in Ihrem wohlverdienten Wochenende sind.

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