Aufgrund von zwei Fallberichten

AkdÄ warnt vor Stürzen unter Methadon

Berlin / Stuttgart - 27.05.2019, 12:00 Uhr

Seit Jahren wird der antiproliferative Effekt von Methadon bei Tumoren kontrovers diskutiert: Nun warnt die AkdÄ vor Stürzen unter Methadon bei Off-Label-Einsatz für Glioblastompatienten. (m / Foto: M.Rode-Foto / stock.adobe.com)

Seit Jahren wird der antiproliferative Effekt von Methadon bei Tumoren kontrovers diskutiert: Nun warnt die AkdÄ vor Stürzen unter Methadon bei Off-Label-Einsatz für Glioblastompatienten. (m / Foto: M.Rode-Foto / stock.adobe.com)


Methadon ist etabliert in der Substitutionstherapie opioidabhängiger Patienten. In der Tumortherapie ist Methadon derzeit nicht offiziell anerkannt und zugelassen, die antiproliferativen Effekte gelten als umstritten. Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) weist nun auf Risiken einer Off-Label-Tumorbehandlung mit Methadon hin: Zwei Fallberichte erreichten die AkdÄ, laut derer Methadon Stürze provozieren und entstandene Frakturen durch seine schmerzhemmende Wirkung verschleiern kann. Aber: Machen das nicht alle Opioide?

Methadon ist in Deutschland lediglich zugelassen zur Substitutionsbehandlung von Opiatabhängigen. Ob Methadon daneben noch antiproliferativ auf Tumoren wirkt, diskutieren Laien und Fachkreise seit Jahren kontrovers. Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) bewertet den antiproliferativen Effekt von Methadon derzeit als „fraglich“. Mit dieser Einschätzung ist die AkdÄ nicht allein

Methadon zählt zu den synthetischen Opioidrezeptoragonisten und greift vorwiegend am µ-Rezeptor an. Das enantiomerenreine Levomethadon, auch L-Polamidon genannt, darf neben der Substitutionstherapie zusätzlich auch bei starken Schmerzen eingesetzt werden.

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Dennoch setzen manche Ärzte Methadon auch in der Tumortherapie ein. Die AkdÄ warnt nun, „dass die hinsichtlich ihrer Wirksamkeit nicht belegte Tumorbehandlung mit Methadon zu schwerwiegenden Folgen für die Patienten führen kann". Die Patienten seien sturzgefährdet und Frakturen könnten durch die starke analgetische Wirkung verschleiert werden, so die AkdÄ im Deutschen Ärzteblatt vom 17.05.2019: Berichte an die AkdÄ über Stürze unter der Einnahme von Methadon: Was muss beachtet werden? „Aus der UAW-Datenbank“. „Diese Risiken sollten bei der Off-Label-Anwendung von Methadon in der Tumortherapie mit in Betracht gezogen werden“, erklärt die AkdÄ.

Zwei Fallberichte

Die von der AkdÄ vorgebrachten Sorgen stützt die Kommission auf zwei Fallberichte aus der Onkologie. Beide Glioblastompatienten erhielten nach operativen Eingriffen Bestrahlungen und Temozolamid und nahmen zusätzlich Methadon ein. Eine Patientin stürzte unter der Behandlung auf die Hüfte, die Schenkelhalsfraktur blieb zunächst unbemerkt, diese Symptomkaschierung führten die behandelnden Ärzte, so die AkdÄ, auf die Methadoneinnahme zurück. Diese lag bei 26 mg täglich und ist verhältnismäßig niedrig. Die Fachinformation zu methadonhaltigen Arzneimitteln (nur zur Substitution zugelassen!) informiert: „Die durchschnittliche initiale Tagesdosis beträgt bei Patienten, deren Opiattoleranzschwelle unbekannt oder unsicher ist, 20 mg Methadonhydrochlorid (…). In Extremfällen kann die initiale Tagesdosis bis maximal 100 mg Methadonhydrochlorid betragen“. Das zur Schmerztherapie zugelassene Levomethadon erlaubt eine Einzeldosis von 7,5 mg (entspricht 15 mg Methadon) bis maximal vier- bis sechsmal täglich, also 45 mg Levomethadon (entspricht 90 mg Methadon).
Im zweiten von der AkdÄ vorgestellten Patientenfall stürzte der Patient ebenfalls und erlitt ein schweres Schädelhirntrauma. Die tägliche Methadondosis war unbekannt.

Sturz: Klasseneffekt der Opioide?

Die AkdÄ stützt ihre wissenschaftliche Einordnung unter anderem auf eine dänische Fall-Kontroll-Studie „Fracture risk associated with the use of morphin and opiates“, veröffentlicht 2006 im Journal of Internal Medicine. Die Wissenschaftler fanden damals ein erhöhtes Frakturrisiko, und zwar jeglicher Art (unter anderem Hüfte, Wirbelsäule, osteoporotisch bedingt), bei allen Opiatanwendern:

  • Morphin 1,47 (95-Prozent-KI 1,37-1,58),
  • Fentanyl 2,23 (95-Prozent-KI 1,89-2,64),
  • Methadon 1,39 (95-Prozent-KI 1,05-1,83), 
  • Oxycodon 1,36 (95-Prozent-KI 1,08-1,69).

Laut diesen Ergebnissen schnitt Methadon noch besser ab als Morphin oder Fentanyl. Bei der Aufschlüsselung nach osteoporotischen Hüftfrakturen, die mit Opioiden behandelt wurden, kamen die Wissenschaftler sogar zu dem Schluss: „Für Methadon und Ketobemidon wurde keine signifikante Erhöhung des Hüftfrakturrisikos festgestellt.“ (Anmerkung: In Deutschland ist laut der Gelben Liste, Stand 24.05.2019, kein Fertigarzneimittel mit Ketobemidon im Handel).

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Den Grund eines erhöhten Frakturrisikos vermuten die Wissenschaftler in vermehrten Stürzen aufgrund von zentralnervösen Wirkungen der Opioide, wie Schwindel.

AkdÄ korrigiert Formulierung

Die AkdÄ erklärt in ihrem Bericht zu der oben genannten Studie: „Eine dänische Fall-Kontroll-Studie zeigte ein erhöhtes Fraktur-Risiko unter der analgetischen Behandlung mit Opioiden, einschließlich Methadon.“ 
In einer früheren Version der AkdÄ war hier noch zu lesen: „Eine dänische Fall-Kontroll-Studie zeigte ein erhöhtes Fraktur-Risiko unter der analgetischen Behandlung mit Opioiden und speziell mit Methadon.“ Dies hatte die AkdÄ auf Nachfrage jedoch korrigiert, da erstere Formulierung Potenzial für Missverständnisse barg und suggerierte, dass die AkdÄ das Sturzrisiko für Methadon quantitativ im Vergleich zu anderen Opioiden bewertete. Auf Nachfrage von DAZ.online erklärt die AkdÄ: 

„Es ging uns nicht darum, Methadon in der Schmerzbehandlung im Vergleich zu den anderen Opioiden bezüglich des Sturz- und Frakturrisikos einzuordnen. In den berichteten Fällen wurde Methadon von den Patienten nicht als Analgetikum, sondern in der Hoffnung einer antiproliferativen Wirksamkeit eingenommen. Der Ausdruck „speziell mit Methadon“ sollte lediglich auf die Tatsache hinweisen, dass in der zitierten Studie Daten speziell auch zu Methadon ausgewertet wurden. Es sollte davon nicht abgeleitet werden, dass Methadon besonders viele Stürze oder Frakturen provoziert, sondern lediglich dass Methadon dieses Risiko ­– genauso wie die anderen Opioide – birgt."



Inka Müller-Seubert, Rechtsanwältin
redaktion@DAZ.online


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1 Kommentar

Die Argumente gegen Methadon werden zunehmend absurd ...

von W.Müller am 06.06.2019 um 17:36 Uhr

Wer die fortlaufenden Berichte und Argumente gegen Methadon liest, muss zunehmend den Kopf schütteln, vor soviel Unsinn.
Sind sich die Urheber dieser "Studien" nicht im Klaren, dass sie sich zunehmend zum Gespött in der Fachpresse machen? Es beginnt beim peinlich berührten nachträglichen “Richtigstellen" der Urheber zur Studie bei "Off-Label- Stürzen" mit Methadon (die offensichtlich bei zulassungsgemäßer Anwendung nicht stattfinden?!?), die zeitgleich aber die bekannten Schwindel-Nebenwirkungen der Temodal-Therapie vollkommen außer acht lässt.

Die unseriöse Leipziger Studie zur "Unwirksamkeit von Methadon bei Hirntumoren", die wohl als Kampagne bundesweit in Fachpresse publiziert und zeitgleich allen Entscheidern zugesandt wurde. Spannenderweise termingerecht zu einer Infoveranstaltung von Fr Dr. Friesen im deutschen Bundestag. Zufall? Eine Gegendarstellung, die die Studie als derart fehlerhaft entlarvt, dass laut Studienergebniss sogar die Richtlinien neu geschrieben werden müssten, da Methadon bessere Ergebnisse zeigt, als die Richtlinientherapie. Interessanterweise ist die Gegendarstellung zu der Studie von den „unabhängigen Fachmedien“ kaum aufgenommen worden. Auch die Universität Leipzig als Urheber der Studie hüllt sich in ungewöhnliches Schweigen.

Dramatische Nebenwirkungen, die aufgrund der geringen Dosen kaum glaubhaft wirken neben der Substitutionanwendung, in der diese Nebenwirkungen mit immens höheren Dosen sonderweise kaum zu beobachten sind. Oder Todesfälle in Verbindung mit Methadon, die juristisch als falsch aufgeklärt wurden.

Auch die Strategie derjenigen, die Methadon ablehnen, hat sich geändert. Waren es in der Vergangenheit fehlende Studien, die gegen Methadon in der Onkologie gesprochen haben, so gilt es nun plötzlich Studien mit allen Mitteln zu verhindern. Interessanterweise sollten gerade die Skeptiker an klinischen Studien interessiert sein, um endlich Klarheit zu bekommen. Somit nähren sie selbst den Verdacht, dass an Methadon mehr ist, als man der Öffentlichkeit glauben machen will.

Die Argumentation der Methadonkritiker, man möchte aufgrund der immensen Anstrengungen fast von Gegnern sprechen, scheint zunehmend ins Absurde abzugleiten, um Methadon jede Chance zu nehmen. Das dies nicht unbedingt im Sinne der Patienten ist, sollte sich jeder Mediziner im Klaren sein. Ein Dank an die DAZ, die als eine der wenigen Medien sich für eine offene Berichterstattung entschieden hat.

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