Sozialpharmazie

„Mit jedem Euro mehr, leben die Menschen länger“

Dortmund - 15.05.2019, 09:00 Uhr

Armut geht mit einer höheren Mortalität einher, auch an Arzneimitteln wird gespart - die Möglichkeit der Zuzahlungsbefreiung scheint teilweise recht unbekannt. (Foto: Alexander Raths / stock.adobe.com)

Armut geht mit einer höheren Mortalität einher, auch an Arzneimitteln wird gespart - die Möglichkeit der Zuzahlungsbefreiung scheint teilweise recht unbekannt. (Foto: Alexander Raths / stock.adobe.com)


Rezepte „aufschieben“, wenn das Geld knapp ist

Laut dem Düsseldorfer Medizinsoziologen kommen beispielsweise auf 1.000 Einwohner in Hamburg Wilhelmsdorf 1,06 Ärzte, im schönen Blankenese versorgen 5,6 Ärzte die gleiche Bevölkerungszahl. Zurückführt Dragano dies darauf, dass zum einen Privatpatienten Ärzte in bestimmte Regionen „lockten“, zum anderen sich auch Akademiker vielleicht vorzugsweise in ihrem akademischen Umfeld bewegten und ihre Kinder dort aufwachsen sehen wollten.

Doch teilweise „mangelnde Ärztedichte“ ist nicht die einzige Hürde in der Arzneimitteltherapie sozial Schwacher. „Zu systemseitigen Einflüssen kommen patientenseitige Einflüsse, die die soziale Lage beeinträchtigen, der evidenteste ist da Geld“, so Dragano. Güterabwägungen, direkte Kosten (Busfahrt zum Arzt, Zuzahlung) und indirekte Kosten (Verdienstausfall) würden gegeneinander abgewogen, die Frage gestellt: „Kann ich mir ,Kranksein' überhaupt leisten?“.

80.000 Menschen ohne Krankenversicherung

Gibt es solche Situationen überhaupt im deutschen Gesundheitssystem? Das deutsche Gesundheitssystem genießt international nicht den allerschlechtesten Ruf. Basierend auf Bismarck sind die meisten Menschen durch dieses System gut abgesichert. Die Strukturprinzipien beinhalten unter anderem das Solidar- und Bedarfsdeckungsprinzip. Schwierig wird es allerdings, wenn Menschen gar keine Krankenversicherung haben. Laut dem Medizinsoziologen leben in Deutschland schätzungsweise 80.000 Menschen ohne Krankenversicherung.

Ist das Geld knapp, werden Menschen kreativ – auch bei ihren Arzneimitteln. Das zeigte bereits im Jahre 2013 der Bertelsmann-Monitor: Rezepte werden nicht eingelöst oder erst im neuen Monat, Dosierungen verringert, die Selbstmedikation „gespart“. Dragano weiß von Patienten, die eine halbe Antibiotika-Packung aufsparten – für den nächsten Infekt. Dies bestätigt eine aktuelle Studie an knapp 700 überschuldeten Menschen in Nordrhein-Westfalen, die Prof. Dr. oec. troph. Eva Münster vorstellte. Daten hierzu zu erfassen, sei besonders herausfordernd, da man an die Betroffenen nur schwer herankomme, zusätzlich sei die Motivation, bei existenziellen Ängsten noch Studienfragebögen auszufüllen, verständlich gering.

Münster übt ihre Forschungstätigkeit am Institut für Hausarztmedizin der Universität Bonn aus.



Celine Müller, Apothekerin, Redakteurin DAZ.online (cel)
redaktion@daz.online


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