Marktforschungsunternehmen „Dr.Kaske“

„Studie“: 7500 Apotheken weniger wegen des E-Rezeptes

Berlin - 24.04.2019, 07:00 Uhr

Die Marketingagentur Dr. Kaske prophezeit: Bis 2030 könnte die Apothekenzahl auf rund 11.900 sinken, wenn das E-Rezept flächendeckend eingeführt wird. (m / Foto: hfd)

Die Marketingagentur Dr. Kaske prophezeit: Bis 2030 könnte die Apothekenzahl auf rund 11.900 sinken, wenn das E-Rezept flächendeckend eingeführt wird. (m / Foto: hfd)


Das E-Rezept kommt, und zwar bald: In diesem Jahr laufen die ersten Tests, schon im kommenden Jahr könnte eine flächendeckende Einführung folgen. Aber welche Auswirkungen haben die digitalen Verordnungen auf den Apothekenmarkt? Die Marketingagentur Dr.Kaske ist dieser Frage nun in einer Studie nachgegangen und behauptet: Bis 2030 könnte die Apothekenzahl auf 11.871 sinken. Wie genau das Unternehmen diese Zahl berechnet hat, ist unklar. Klar ist nur: Dr. Kaske arbeitet intensiv mit Arzneimittel-Versandhändlern zusammen.

Mit dem aktuellen Entwurf zum Apotheken-Stärkungsgesetz will das Bundesgesundheitsministerium sicherstellen, dass die Einführung des E-Rezeptes zu keinen Verwerfungen im Apothekenmarkt führt. Das „Makeln“, also das Handeln mit den digitalen Verordnungen, soll verboten werden, außerdem soll klargestellt werden, dass weder Krankenkassen noch Ärzte die E-Verordnungen direkt an Versandhändler oder Apotheken weiterleiten dürfen.

Trotzdem verbinden gerade die Versandhändler große Hoffnungen mit dem E-Rezept. Insbesondere Zur Rose-CEO Walter Oberhänsli trommelt in den Medien für eine rasche Umsetzung und prophezeit, dass DocMorris bis zu 10 Prozent des Rx-Marktes erobern kann – durch die digitalen Rezepte. Aber auch der Bundesverband Deutscher Versandapotheker (BVDVA) ist aktiv in der Sache: Schon seit Jahren tituliert der Verband das E-Rezept als „Königsanwendung“. Erst kürzlich forderte BVDVA-Chef Christian Buse auf einem Digital-Kongress eine schnelle Einführung des E-Rezeptes.

Dass es nach dieser Einführung zu erheblichen Marktverschiebungen kommen könnte, will nun die PR- und Marketingagentur Dr. Kaske mit ihrer „E-Rezept-Studie“ 2019 beweisen. Die Agentur erachtet es als „wahrscheinlich“, dass die Apothekenzahl durch das E-Rezept bis 2030 auf 11.871 zurückgeht, was in etwa einen Rückgang von 4 Prozent pro Jahr bedeuten würde. Die Auswirkungen auf den Apothekenmarkt hat Dr. Kaske in drei Szenarien ausgerechnet:

Die Dr. Kaske-Szenarien

Szenario 1: (20 Prozent Eintrittswahrscheinlichkeit) „Das E-Rezept wird wider Erwarten doch nicht im Frühjahr 2020 eingeführt und Patienten müssen weiterhin ein Papierrezept einreichen. Grund dafür sind die anhaltenden starken Bedenken bezüglich des Datenschutzes. Die verzögerte Einführung wird begleitet von vielen Schutzmechanismen für die Apotheke vor Ort. Folgerezepte dürfen weiterhin nur vom Arzt ausgestellt werden.“

Szenario 2: (45 Prozent Eintrittswahrscheinlichkeit) „Das E-Rezept wird im Frühjahr 2020 eingeführt. Nach einigen Anfangsschwierigkeiten wird es von Ärzten und Patienten zunehmend genutzt. Online-Apotheken erleben durch die Verabschiedung des Gesetzes zur Folgerezept-Ausstellung durch Apotheker einen zusätzlichen Aufschwung. Zudem setzen sie auf Next-Day-Delivery und in Ballungszentren Same-Day-Delivery.“

Szenario 3: (30 Prozent Eintrittswahrscheinlichkeit) „Das E-Rezept wird wie geplant 2020 eingeführt. Ärzte, Patienten und Apotheker stellen sich mit technischen Erweiterungen auf die Digitalisierung des Rezeptes ein. Online-Apotheken werden wegen des Convenience-Faktors zunehmend zur ersten Wahl, auch dank Same-Day-Delivery und bequemer 1-Klick-Bestellung. In den nächsten 10 Jahren schließen jeden Tag durchschnittlich zwei stationäre Apotheken in Deutschland.“

Wie hat Dr. Kaske gerechnet?

Im dazugehörigen Schaubild fügt die Agentur hinzu, dass die Szenarien stark davon abhängen würden, wie die regulatorischen Weichenstellungen verlaufen würden. Außerdem spielten auch der „tatsächliche Convenience-Faktor“ und das „Patientenvertrauen“ in den digitalen Bestellweg eine Rolle. Tatsächlich bleibt es aber völlig unklar, auf welchem Rechenweg die Agenturmitarbeiter zu diesen Zahlen kommen. Auf Nachfrage von DAZ.online erklärte eine Sprecherin von Dr. Kaske: „Die Prognose zu den Apothekenzahlen beruht im Kern auf der Annahme zum benötigten OTC- und Rx-Mindestumsatz pro Apotheke, der Prognose zur Entwicklung des Online-Rx- und OTC-Umsatzes mit korrespondierender Abnahme des stationären Umsatzes auf Basis unserer Verbraucher-Umfrage, der historischen Entwicklung der Apothekenanzahl (negative Wachstumsrate der letzten Jahre) sowie der historischen Entwicklung des Apothekenmarkts in Ländern mit E-Rezept.“

Dr. Kaske: Versender wachsen erheblich bei OTC und Rx

Das starke Absinken der Apothekenzahl geht laut Dr. Kaske übrigens einher mit erheblichen Verlusten der Apotheker im Rx-Markt. Auch hier hat die Agentur erneut drei Szenarien aufgemalt. Im für die Apotheker günstigsten Szenario werde das E-Rezept doch nicht eingeführt und Rx-Boni würden wieder verboten. Die Zusammenschlüsse Noweda/Burda und „Pro AvO“ würden die Apotheke stärken. In diesem Fall würde der Rx-Marktanteil der Versender bei etwa 1,5 Prozent verbleiben. Im zweiten Szenario kommen die Apotheken laut Dr. Kaske mit der Digitalisierung „nur schleppend voran“, EU-Versender gewähren trotzdem Rx-Boni und das E-Rezept würde schleichend eingeführt. Die Dr. Kaske-Prognose hier: 5 Prozent Marktanteil für die Versandhändler bis 2030. Im dritten Szenario wird das E-Rezept ein „voller Erfolg“, die Ärzte senden ihre Rezepte „direkt an DocMorris, Shop Apotheke oder Amazon“. Außerdem würden die digitalen „Vor-Ort-Konzepte“ nicht zünden, weil sich die Apotheker in „Grabenkämpfen“ verlieren. Die Prognose: 10 Prozent Marktanteil für die Versender, was einem Verlust von 4,3 Milliarden Euro im Rx-Markt entspräche. Was den OTC-Markt betrifft, so rechnet Dr. Kaske mit noch schnelleren Verwerfungen. „30 Prozent OTC-Versandhandelsanteil können bis 2023 erreicht werden“, heißt es in der Studie – bis 2023.

Umfrage zur Umgehung der freien Apothekenwahl

Passend dazu hat die Agentur auch eine Umfrage unter Verbrauchern, Herstellern und Apothekern durchgeführt. Dr. Kaske befragte dazu eigenen Angaben zufolge 5000 Verbraucher im Netz in einer repräsentativen Online-Umfrage. Den gleichen Fragebogen füllten 235 Apotheker aus einem eigenen „Apotheker-Panel“ aus, ebenso wie 107 Pharmaunternehmen. Auf die Frage, ob das E-Rezept das Papierrezept „ablösen“ sollte, antworteten insbesondere die Hersteller positiv: 82 Prozent antworteten hier mit „Ja“ oder „Eher ja“. Bei den Verbrauchern ist die Skepsis noch höher als bei den Apothekern: 60 Prozent können sich eine Ablösung „eher nicht“ oder gar nicht vorstellen. Bei den Apothekern können sich laut Dr. Kaske 52 Prozent nicht vorstellen, dass das Papierrezept komplett abgeschafft wird.  

Ebenso mussten die Verbraucher, Hersteller und Apotheker ein Zukunftsszenario bewerten, das zumindest aus heutiger Sicht illegal ist, weil es von der Umgehung der freien Apothekenwahl ausgeht: „Der Arzt sendet nach der Untersuchung das E-Rezept direkt an die Online-Apotheke der Wahl und das Medikament wird einfach und bequem nach Hause geliefert?“ Die Antworten der Verbraucher sind zwiegespalten: Genau die Hälfte tendiert zu einer Ablehnung, die andere Hälfte kann sich das durchaus vorstellen. Bei den Apothekern antworteten zwei Drittel, dass dies kein schönes Szenario sei.

Dr. Kaske ist Mitglied im BVDVA

Unabhängig ist die Marketingagentur Dr. Kaske in dieser Angelegenheit aber auf keinen Fall. Das Unternehmen ist sogar Mitglied im Versandapotheker-Verband BVDVA. Die Agentur bietet den Versendern einige Services an und zählt die „Versandapotheken-Optimierung“ und das „Rx-Marketing“ zu ihren Fachgebieten. Firmen-CEO Fabian Kaske ist regelmäßiger Sprecher auf dem Kongress des BVDVA.



Benjamin Rohrer, Chefredakteur DAZ.online
brohrer@daz.online


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4 Kommentare

Den Wald vor lauter Bäumen nicht ......

von Wolfgang Müller am 24.04.2019 um 14:03 Uhr

Es gibt doch einen viel naheliegenderen Weg, auch schon ganz ohne „E-Rezept“ ALLE Rezepte eines multimorbiden Patienten direkt aus der Praxis zu DocMorris zu lotsen. Da kann "Rezepte makeln" oder die willkürliche, selbst vom Arzt entschiedene Versendung eines Rezeptes in eine bestimmte Apotheke noch so strikt und strafbewehrt verboten sein:

Einfach die Patienten mit sowas wie Fahrrädern oder Grillgeräten als Prämie in ein kurioserweise gerade von „unserer“ ABDA propagiertes "Hausapotheken-Einschreibepatienten-System" für die „Neue Dienstleistung Umfassende AMTS-Betreuung" locken. Da ist die Versendung der Rezepte, am liebsten natürlich auf elektronischem Weg, automatisch und legal mit drin enthalten. Hat der Patient ja schließlich unterschrieben, dass er seine Rezepte wenn irgend möglich nur bei dieser einen einzigen "Hausapotheke" einlösen wird.

Die eigentliche „Hausapotheken“-Dienstleistung kann DocMorris den GKVen dann für einen symbolischen Preis von sagen wir mal 5 Euro pro Quartal erbringen, sehr viel mehr möchte und kann Kiefer für uns, glaube ich, sowieso nicht herausholen. Es gibt ja als Kompensation ALLE Rezepte, und „AMTS“ läuft zunächst mal sowieso weitgehend mit KI. Notfalls mit einem "freundlichen, kompetenten und zugewandten Hausbesuchs-Partner-Apotheker" des DocMorris-Einschreibepatienten-Außendienstes.

Es wäre jetzt mal Zeit, dass DAS als unser größtes, sehr konkretes Problem verstanden wird. Das wir einfach beseitigen können, indem wir Kiefer, FS und ein paar andere ansonsten ja sicher sehr kluge und angenehme Kolleg/innen in dieser „Einschreibepatienten“-Angelegenheit endgültig ausbremsen würden.

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Studie Dr. Kaske

von Roland Mückschel am 24.04.2019 um 9:24 Uhr

Um diese Zahlen zu erreichen brauchen wir
dringend ein Gesetz: Gesetz zur Stärkung von Versand-
Apotheken um die Online- und Briefbestellung
sicherzustellen.
Spahn soll gerüchteweise schon dran sein.

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AW: Studie Dr. Kaske ... Abteilung Verunsicherung ...

von Christian Timme am 24.04.2019 um 9:58 Uhr

Befragen wir doch mal alle „sowohl als auch Apotheker“ ...oder „ ... „Präsenz-Apotheke schon verkauft, wenn ... ?“, was auch geht: „Sicher ist sicher, drei Apotheken-Kooperationen gleichzeitig ... sind besser als ...“ oder was jeder kennt: „Die Renten sind sicher ...“ deshalb gab es ja auch schon von Ulla ein „Sicherungsgesetz“ ....

Hauptversammlung

von Carsten Moser am 24.04.2019 um 8:51 Uhr

Am 23.05. steht bei "Zur Rose Group" die Generalversammlung mit Kapitalerhöhung aus.

Da ist es jetzt nicht weiter verwunderlich, dass man mit einem "tollen Ausblick" die katastrophalen Zahlen zu überdecken versucht.

Ich helfe mal:

'Gewinne'
2016: -12,8 Mio.
2017: -36,2 Mio.
2018: -39,0 Mio

Klar braucht man da gekaufte 'Analysen' von 'Marketing(!)-agenturen' um das Aktionärsvertrauen nicht noch weiter zu belasten.

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

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