Sächsischer Apothekertag

„Apotheker brauchen moralische und ökonomische Anerkennung“

Chemnitz - 15.04.2019, 17:45 Uhr

Maio meint, dass die Apotheke keinesfalls dem Marktkalkül überlassen werden darf – zu wichtig ist sie als soziale Anlaufstelle für Patienten und ihre Angehörigen. (m / Foto: DAZ.online)

Maio meint, dass die Apotheke keinesfalls dem Marktkalkül überlassen werden darf – zu wichtig ist sie als soziale Anlaufstelle für Patienten und ihre Angehörigen. (m / Foto: DAZ.online)


Eine Gesellschaft, die weitsichtig denkt, kann auf den Apotheker als Heilberufler nicht verzichten. Seine soziale Bedeutung kann gerade in Zeiten der Ökonomisierung und Digitalisierung nicht unterschätzt werden. Mit dieser Überzeugung traf der Medizin-Ethiker Professor Giovanni Maio beim Sächsischen Apothekertag in Chemnitz den Nerv der Apotheker. Die Frage ist nun – wie lässt sich diese Erkenntnis umsetzen? Und hilft dabei das Apotheken-Stärkungsgesetz?

Am vergangenen Wochenende trafen sich beim 17. Sächsischen Apothekertag in Chemnitz Pharmazeuten aus dem gesamten Freistaat. Thema am Samstagvormittag war die Frage, ob die flächendeckende Versorgung im Jahr 2030 Fiktion oder Realität sein wird. Der Arzt und Philosoph Professor Giovanni Maio, Medizinethiker an der Universität Freiburg, stimmte mit einem Impulsvortrag unter dem Titel und der These „Der Apotheker wird ein Heilberuf sein oder er wird nicht sein“ ein. Gerade am Apothekerberuf sehe man deutlich, dass man nicht alle gesellschaftlichen Bereiche dem Markt überlassen dürfe. Maio hob hervor, dass der Apotheker hinter jedem Kunden den Patienten sehe und diesem als freier Heilberufler Angebote mache. Oft werde die Leistung des Apothekers reduziert auf die Gewährleistung der Arzneimittelsicherheit. Aber es gehe um weit mehr: Um Patientenschutz sowie darum, Gesundheitskompetenz zu fördern – und das nicht nur über das Austeilen von Broschüren, sondern durch Gespräche, die helfen, sich zu orientieren, zu reflektieren und Probleme zu lösen. Zudem sei es Aufgabe der Apotheker, Adhärenz zu sichern und zu fördern und niedrigschwellig und für alle Menschen gleichsam zu sehr spezifischen Fragen ansprechbar zu sein. 

Dieses „Ansprechbarsein“ sei ein rares Gut geworden in Zeiten einer durchökonomisierten „Durchschleusungsmedizin“, betonte Maio. „Was Zeit kostet, wird wegrationalisiert – und das ist falsch.“ In dieser Situation wäre es aus Sicht des Medizinethikers fahrlässig, die Apotheke als Ort, in dem Gespräche stattfinden können, einem Marktkalkül zu überlassen und die Apothekenlandschaft auszudünnen. Zudem müsse man die Tatsache, dass die Apotheker etwas leisten, das zu einem knappen Gut geworden ist, nicht nur moralisch, sondern auch ökonomisch anerkennen. Sein Appell: „Die Apotheken dürfen sich nicht unter Wert verkaufen, sondern mit Rückgrat den heilberuflichen Charakter ihres Berufs hochhalten – im Interesse der Patienten.“ 

In der anschließenden Diskussionsrunde ging es darum, wie Apotheker als Heilberufler zwischen Webwirtschaft und Digitalisierung noch überleben können. Hilft die Digitalisierung möglicherweise bei der Versorgung in der Fläche oder wirkt sie eher als Brandbeschleuniger? Maio stellte zum Einstieg klar: Digitalisierung kann und sollte man nutzen – aber man darf nicht nur darauf setzen, sonst würden bestimmte Patientengruppen ausgegrenzt, gerade Alte und Multimorbide, die weniger internetaffin sind. „Die Beratungsleitung wird durch Digitalisierung nicht überflüssig“, betonte er. Das Gegenteil sei der Fall: Gerade weil Informationen aus dem Netz vielfach verunsicherten, bräuchten Patienten jemanden, der etwas verlässlich erklärt und in den richtigen Kontext setzt.



Kirsten Sucker-Sket (ks), Redakteurin Hauptstadtbüro
ksucker@daz.online


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Die Reaktionen auf den Entwurf zum Apotheken-Stärkungsgesetz gehen weit auseinander

Die einen sind zufrieden, die anderen enttäuscht

3 Kommentare

Anerkennung

von Roland Mückschel am 16.04.2019 um 10:47 Uhr

Da kann der liebe Gott persönlich für die
Apotheker predigen, würde einfach ungehört
verhallen.
Lieber dem Ruf des Geldes folgen, wo sind die
Anschlussverwendungen?

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

Herr R. Rodiger hat das Ziel hier definiert ...

von Christian Timme am 16.04.2019 um 8:35 Uhr

„Stärkung der Apotheken wäre die Herausführung aus der defizitären Lage des Versorgungsauftrags.“

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

Welche Richtung stimmt?

von Reinhard Rodiger am 16.04.2019 um 0:02 Uhr

Entweder ist es die vermeintliche Unterstützung des eigentlichen Ziels oder die Verkennung der Realität, auf die Unterstützung von Politikern wie Herrn Krauß zu bauen.Impfen ist etwas zum "...ausprobieren" . Also Nutzung der genial plazierten Sprengbombe von Spahn ? Das empfiehlt man seinem Feinden. Wenn es wirklich um Engstellen geht, so ist die fehlende Integration der Apotheken in das Gesundheitssystem das eigentliche Thema. Impfen ist ein geschicktes Surrogat, um das zu umgehen. Wie kann das einfach angenommen werden ?
Als eigentliches Ziel kann verortet werden, dass es für die Strategie eines 20-30%- Apothekenbestands anscheinend mehr Ideen gibt als für die Erhaltung "Vor-Ort". Wenn es anders wäre, würden Fragen nach der politisch nicht erwünschten Sicherung der Basisfinanzierung und den Versandschutz- Massnahmen nicht aussen vor bleiben. Stärkung der Apotheken wäre die Herausführung aus der defizitären Lage des Versorgungsauftrags. Stattdessen soll die Ankündigung zusätzlicher, undefinierter, wirtschaftlich nicht erkenntlich fundierter Leistungen ein Schritt in die richtige Richtung sein ?
Das stimmt nur, wenn das Auspressen der Grundleistung und die Förderung weniger Starker das Ziel ist.

Es ist die Nebelwand vor der richtigen Richtung, die zutiefst verunsichert.Es kann doch kein Zweifel bestehen, dass Spahn alles getan hat, viele Massnahmen auszuschalten ,den kapitalgesteuerten Versand zu bremsen und Zwietracht zu säen. Oder gibt es valide Aussagen ,geltendes Recht auch umzusetzen? Oder Basisleistungen nicht defizitär zu halten?
Oder Sanktionen im Ausland auch umzusetzen?

Richtig ist, dass Apotheken das bezahlt bekommen sollen, was sie einzigartig macht. Das meiste tun sie schon heute. Nur, niemand will es wahrhaben.Erst nach der Anerkennung dessen kann eine Richtung stimmen oder es gilt ein anderes Ziel.

Jedenfalls handelt es sich hier nicht um ein Apothekenstärkungsgesetz. das sollten auch Abgeordnete sehen.Die Grundleistung bleibt defizitär
und die Bezahlung zukünftiger Leistungen ist kein Honorarplus, sondern selbstverständlich.

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

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