Interpharm-Vorschau

Brauchen Männer spezielle Nahrungsergänzungsmittel?

Stuttgart - 11.02.2019, 13:05 Uhr

NEM speziell für Männer: Reines Marketing oder tatsächlich sinnvoll? ( r / Foto: denisismagilov / stock.adobe.com)

NEM speziell für Männer: Reines Marketing oder tatsächlich sinnvoll? ( r / Foto: denisismagilov / stock.adobe.com)


Das Angebot an Nahrungsergänzungsmitteln ist breit. Die unterschiedlichsten Zielgruppen werden hier adressiert: Schwangere, Sportler, Veganer und auch Männer. Doch ist das nur eine Marketingmasche oder unterscheiden sich die Bedürfnisse tatsächlich? Und wie steht es eigentlich überhaupt mit dem Gesundheitsbewusstsein der Männer? DAZ.online hat mit Professor Martin Smollich gesprochen, der auf der Interpharm einen Vortrag über Sinn und Unsinn von für Männer beworbene NEM hält.

DAZ.online: Ihr Interpharm-Vortrag trägt den Titel „Was Mann braucht und … was Nahrungsergänzungsmitttel leisten können“. Brauchen Männer tatsächlich etwas anderes als Frauen oder ist das nur eine Marketingmasche?

Smollich: Ich würde das nicht unbedingt „Marketingmasche“ nennen, sondern vielleicht genderspezifisches Marketing. Einerseits gibt es wirklich Indikationen, die objektiv männerspezifisch sind, wie die benigne Prostatahyperplasie oder die erektile Dysfunktion. Daneben kennen wir deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede im Ernährungsverhalten und daraus resultierend in der Mikronährstoffversorgung. Insofern unterscheiden sich die Bedürfnisse von Männern und Frauen aus epidemiologischer Sicht tatsächlich. Die entscheidende Frage ist allerdings, ob die Männer-spezifisch beworbenen NEM wirklich einen gesundheitlichen Vorteil bringen.

Am 15. und 16. März findet in Stuttgart die Interpharm statt. Ein Themenblock des wissenschaftlichen Kongresses befasst sich mit dem Thema Männerkrankheiten und ihre Pharmakotherapie, unter anderem NEM für Männer.

Das volle Programm und weitere Informationen finden Sie hier.

DAZ.online: Haben Männer diesbezüglich Nachholbedarf? Zumindest hat man den Eindruck, dass Frauen eher „etwas für ihre Gesundheit tun“ oder ist das eine Generationenfrage?

Smollich: In Bezug auf gesundheitliche Prävention haben Männer im Vergleich zu Frauen definitiv Nachholbedarf, z. B. auch dort, wo es um eine gesundheitsförderliche Ernährung geht. Das bedeutet natürlich nicht, dass Männer mehr NEM einnehmen sollten, um einen im Vergleich zu Frauen gesundheitschädlicheren Lebensstil vermeintlich zu kompensieren. Grundsätzlich werden NEM häufiger von Frauen als von Männern eingenommen.

DAZ.online: Stimmt ihrer Meinung nach der Eindruck, dass vor allem die Menschen NEM nehmen, die sie am wenigsten bräuchten? Also solche, die ohnehin gesundheitsbewusst leben und sich entsprechend ernähren.

Smollich: Dieser Eindruck stimmt und ist durch zahlreiche Studien belegt. Tatsächlich werden NEM besonders häufig von Frauen über 40 Jahren, mit höherem Bildungsstatus und einem insgesamt eher gesundheitsbewussten Lebensstil konsumiert. Umgekehrt nutzen gerade jene Bevölkerungsgruppen, die im Einzelfall vielleicht doch von NEM profitieren würden, diese Präparate eher nicht. Das heißt: Da die typischen NEM-Konsumenten meist ohnehin schon sehr gut mit Mikronährstoffen versorgt sind, ist die Sinnhaftigkeit besonders fraglich.  

Sind Kombinationspräparate sinnvoll?

DAZ.online: Nicht wenige NEM sind Kombinationspräparate, die eine Vielzahl von Vitaminen und Mineralstoffen enthalten. Ist das sinnvoll? Schließlich hat jeder Mensch einen anderen Bedarf, auch innerhalb des gleichen Geschlechts.

Smollich: Einerseits enthält die übliche Nahrung zwar auch eine Vielzahl von Vitaminen und Mineralstoffen, sodass diese Konstellation eigentlich nichts Besonderes ist. Allerdings sind die Mikronährstoffe in der Nahrung in eine biologische Matrix eingebettet und von Makronährstoffen, Ballaststoffen und sekundären Pflanzenstoffen begleitet, was eine komplett andere Situation darstellt. Daher sind Kombinationspräparate à la „Multivitamine“ für die unspezifische Primärprävention nicht nur definitiv unwirksam, sondern auch keine Simulation physiologischer Verhältnisse. Liegt dagegen ein diagnostizierter Mikronährstoffmangel vor, kann dieser spezifisch durch ein Monopräparat therapiert werden.

Professor Martin Smollich, Institut für Ernährungsmedizin, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein

DAZ.online: Was erwartet die Teilnehmer bei ihrem Vortrag auf der Interpharm?

Smollich: Es gibt sehr viele NEM, die explizit für Männer beworben werden. Für die Beratung in der Offizin ist es essenziell, zwischen sinnvollen, unwirksamen und gesundheitsgefährlichen Präparaten unterscheiden zu können. Dazu fasse ich die aktuellste Studienlage aus den Indikationsgebieten Prostata, erektile Dysfunktion und Kardioprotektion zusammen. Neben den alten Bekannten wie Kürbiskernextrakten oder Sägepalmfrüchten gebe ich einen Ausblick auf jene NEM, die in nächster Zeit stark an Bedeutung gewinnen und deshalb nachgefragt werden – z. B. Maca-Extrakte, Pinienrindenextrakte oder sog. „Testosteron-Booster“. Da der Markt – insbesondere durch die Angebote aus dem Internet – sehr unübersichtlich ist, halte ich es für extrem wichtig, seriöse Informationsquellen zur Beurteilung von NEM zu kennen, um Marketingaussagen überprüfen zu können. Auch diese praxisrelevanten Informationsquellen werde ich darstellen.

„Männer sind allzeit bereit“? – Männerkrankheiten und ihre Pharmakotherapie

Was Mann braucht und … was Nahrungsergänzungmittel leisten können



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