EFPIA, BAH, BPI, VCI

Pharmaverbände läuten die Alarmglocken nach Brexit-Beschluss

Berlin - 16.01.2019, 12:40 Uhr

Plan abgelehnt: Die britische Premierministerin Theresa May ist mit ihrem mit der EU ausgehandelten Brexit-Plan im eigenen Parlament gescheitert. (s / Foto: imago)

Plan abgelehnt: Die britische Premierministerin Theresa May ist mit ihrem mit der EU ausgehandelten Brexit-Plan im eigenen Parlament gescheitert. (s / Foto: imago)


Das britische Unterhaus hat den von Premierministerin Theresa May vorgelegten Brexit-Plan am gestrigen Dienstagabend abgelehnt. Neben einer britischen Regierungskrise droht somit ein „harter“, also ungeordneter, Brexit. Auch auf den Arzneimittelsektor könnte ein solcher unvorbereiteter Austritt des Königreichs aus der EU verheerende Folgen haben. Pharmaverbände warnen unter anderem vor Lieferengpässen.

Das Schreckensszenario eines ungeregelten Brexits zum angepeilten Austrittsdatum am 29. März ist wahrscheinlicher geworden: Am Dienstagabend hat das britische Parlament deutlich gegen den vorgeschlagenen Deal von Premierministerin Theresa May mit der EU gestimmt. 432 Abgeordnete sprachen sich gegen die May-Lösung aus, nur 202 Parlamentarier standen hinter ihr. Im Anschluss an die Abstimmung brachte Oppositionsführer Jeremy Corbyn sogar noch ein Misstrauensvotum ein, über das das „House of Commons“ am heutigen Mittwoch abstimmen will. May führt eine Minderheitsregierung und ist auf die Mithilfe weiterer kleiner Parteien angewiesen.

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Schon im Vorfeld der Abstimmung hatten die Pharmaverbände in Europa immer wieder auf die Gefahren eines No-Deal-Brexits hingewiesen. Schon am gestrigen Dienstagabend teilte der europäische Verband EFPIA mit, dass man mit „unmittelbaren, sehr realen und spürbaren“ Bedrohungen der Patientensicherheit rechne. Der Verband rief die Politik jetzt dazu auf, eine Reihe von Not-Maßnahmen zu ergreifen, damit die Arzneimittelversorgung gewährleistet bleibe. Dazu gehören:

  • Arzneimittelstudien und -tests, die aus dem Vereinigten Königreich stammen, sollen weiterhin anerkannt bleiben.
  • Hersteller aus dem Königreich sollen weiterhin Zugriff auf Plattformen haben, auf denen wichtige wissenschaftliche Daten geteilt werden.
  • Die Diskussion und Abstimmung mit europäischen Behörden über Kontingentierungspläne für Arzneimittel sollen weitergehen können.
  • Arzneimittel und Materialien, die in klinischen Studien verwendet werden, sollen von neuen Zollkontrollen ausgenommen werden. Auch für den Handel mit Roh- und Wirkstoffen soll das geprüft werden.
  • Bürokratischer Briefverkehr über die Ein- und Ausfuhr von Arzneimitteln soll schon vorab und nicht erst an der Grenze erfolgen können.

BPI: Großbritannien wird im Handel zum Drittstaat

Und auch bein den deutschen Verbänden läuten die Alarmglocken. Ohne Übergangsphase oder Regelungen für die komplexen Lieferketten für Arzneien könne die Versorgung in Großbritannien und der übrigen EU „empfindlich“ gestört werden, mahnte der Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller (BAH). Großbritannien und die EU müssten dringend Maßnahmen ergreifen, damit gerade schwer kranke Patienten weiter ihre Medikamente bekämen.

Fast jedes vierte Arzneimittel für die EU werde in Großbritannien freigegeben und dort in den Verkehr gebracht, so der BAH. Entsprechend groß sind die Sorgen vor einem ungeordneten Brexit: „Medikamente, die für ganz Europa in Großbritannien zugelassen wurden, dürfen von jetzt auf gleich nicht mehr in Europa vertrieben werden“, warnte auch der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI). Im Falle eines Brexits ohne Abkommen werde Großbritannien im Handel zum Drittstaat, inklusive damit verbundener Zölle und anderer Beschränkungen, sagte Vorstandschef Martin Zentgraf.

vfa: UK könnte es härter treffen als Europa

Jährlich wird laut dem Verband Forschender Arzneimittelhersteller (vfa) eine Milliarde Arzneimittelpackungen zwischen Großbritannien und der übrigen EU gehandelt. Von möglichen Arznei-Engpässen wäre aus vfa-Sicht aber in erster Linie Großbritannien betroffen. Das Land könne einen „Stresstest für das Gesundheitssystem“ wesentlich schwerer wegstecken als die EU, sagte Hauptgeschäftsführerin Birgit Fischer. Pharma-Firmen hätten zwar ihre Arzneivorräte auf der Insel erhöht. Ob das aber für einen Brexit ohne Deal genüge, sei ungewiss.

VCI: Arzneimittelhandel eingebrochen

Der Handel der deutschen Chemie- und Pharmabranche mit Großbritannien ist derweil eingebrochen. 2018 sank das Handelsvolumen mit dem Vereinigten Königreich um fast 10 Prozent auf 16 Milliarden Euro, zeigen Zahlen des Branchenverbands VCI, die der Deutschen Presse-Agentur vorliegen. 2017 wurden noch Chemieprodukte und Arzneien im Wert von 17,7 Milliarden Euro zwischen Deutschland und Großbritannien ausgetauscht.

Der Einbruch im Handel hänge stark mit Arzneien zusammen, erklärte der VCI. Möglicherweise hätten deutsche Pharmafirmen weniger Medikamente von der Insel importiert und stattdessen zur Sicherheit Verträge mit anderen Zulieferern in Europa als Ersatz für britische Produkte abgeschlossen. Bei den Pharma-Exporten nach Großbritannien wiederum habe sich der Rückgang seit 2016 fortgesetzt.

Die Sorgen der Pharmabranche sind auch deshalb so groß, weil die EU-Arzneimittelagentur bisher in London verankert war. Die EMA siedelt wegen des Brexits nach Amsterdam über. Der Umzug mit 850 Mitarbeitern begann jüngst. 

Tipps für Bürgerinnen und Bürger



Benjamin Rohrer, Chefredakteur DAZ.online
brohrer@daz.online


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