HCB-Studie zur „Zukunft der Apotheken“

Drei Zukunftsmodelle für die Apotheke

Berlin - 27.11.2018, 17:45 Uhr

Die weitere Evolution der Apotheke gelingt nur zusammen mit Verbänden, findet Gesundheitsökonom Boris Augurzky ( j/ Quelle: Twitter.com/Augurzky)

Die weitere Evolution der Apotheke gelingt nur zusammen mit Verbänden, findet Gesundheitsökonom Boris Augurzky ( j/ Quelle: Twitter.com/Augurzky)


Wie könnte die Apotheke der Zukunft aussehen? Etwa wie ein „Apple Store“, in dem man an runden Tischen intensiv berät? Dass das Konzept Apotheke ganz neu gedacht werden sollte, findet Prof. Dr. Boris Augurzky (hcb GmBH). Bei der Vorstellung seiner Studie „Zukunft der Apotheken“ am gestrigen Montag machte er aber auch deutlich, dass die einzelnen Apotheken aus seiner Sicht den anstehenden Veränderungen nicht gewachsen sind – dafür brauche es Verbände und Kooperationen.

Am gestrigen Montag wurde in der Berliner Vertretung des Landes Nordrhein-Westfalen die Studie „Zukunft der Apotheken“ von der RST Steuerberatung und dem Gesundheitsökonomen Professor Boris Augurzky in Berlin vorgestellt. Die RST Steuerberatungsgesellschaft aus Essen hatte die Studie bei Augurzky (hcb GmBH) in Auftrag gegeben. Auch der NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) hielt bei der Veranstaltung im kleinen Rahmen eine Rede pro Apotheke vor Ort. Auf die Frage, wie man die Ungleichbehandlung auflösen könnte, hatte Laumann aber keine Antwort und verharmloste den Versandhandel.

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NRW-Gesundheitsminister Laumann (CDU)

„Das bisschen Versandhandel, da besteht keine Gefahr“

Bei der Vorstellung der Studie warf Professor Augurzky zum Einstieg einen Blick auf die Zahl der öffentlichen Apotheken. Seit 2009 sinke diese pro Jahr um circa 1 Prozent. Gründe für Apothekenschließungen seien steigende Kosten, rückläufige Betriebsergebnisse, Schließungen von Arztpraxen. „Klar, wenn es sich nicht mehr lohnt, dann arbeitet man auch nicht mehr daran weiter“, erklärte Augurzky. Er führte auch andere, den Apothekern bekannte Gründe für die Situation an, etwa die zunehmende Bürokratisierung, eine schwierige Personalsituation und die insgesamt sinkende Attraktivität der Berufsbildes. Dennoch seien Apotheken derzeit im Durchschnitt für die Bevölkerung noch gut erreichbar. Der Versandhandel gewinne zwar langsam an Bedeutung (2008: 1,1 Prozent Anteil an allen Arzneimitteln, 2015: 3,0 Prozent), doch auch die Filialisierung nehme zu und Krankenkassen gewännen an Marktmacht. „So wird es für den einzelnen Apotheker schwieriger mitmachen zu können“, kommentierte Augurzky die Zahlen.

Digitalisierung und „Amazonisierung“

Trends, die sich heute schon abzeichnen, würden außerdem auch in Zukunft die Rahmenbedingungen für Apotheken verändern. Dazu zählten die veränderte Demografie, die Landflucht, sich verändernde Marktkonstellationen, veränderte Kundenpräferenzen, aber auch Innovationen – angeführt von Schlagworten wie der Patientenakte und der Digitalisierung. Auch wenn die Digitalisierung nicht so richtig in die Gänge zu kommen scheint, gibt sich Augurzky optimistisch: „Ich glaube sie wird jetzt dann kommen.“ Dass Kunden „per Knopfdruck“ eine Lösung erwarten, darauf müsse sich die Apotheke einstellen, weil die Kunden es im Einzelhandel so gewohnt seien.

Auch wenn die Apotheker die Veränderungen spüren und sich sorgen: Noch wachse das Umsatzvolumen – und die Alterung der Gesellschaft soll zu weiterem Wachstum führen. Das wirft jedoch neue Fragen auf: Wer wird dieses Umsatzwachstum erwirtschaften? Verteilen sich Marktanteile neu? Setzt sich das Apothekensterben fort? Droht die „Amazonisierung“ des Gesundheitswesens?

„Vision 2030“: Eine zentralisierte Gesundheitsversorgung?

Unter dem Titel „Vision 2030“ zeichnete Augurzky ein Bild von einer zentralisierten Gesundheitsversorgung: Das klassische Krankenhaus und die klassische Arztpraxis könnten verschwinden, an deren Stelle würden integrierte Gesundheitszentren treten. Gleichzeitig müsse man aber das Angebot dezentralisieren und digitalisieren: „Herr Laumann, dann müssen Sie die Krankenhäuser öffnen, was ich durchaus für sinnvoll halte“, griff Augurzky einen Punkt seines Vorredners, dem NRW-Gesundheitsminister, auf, „allerdings muss man dann auch wieder dezentral die Fläche versorgen – und da kommt wieder die Apotheke ins Spiel.“ Es brauche moderne Technik und moderne Angebote.

Man könne auch von anderen Ländern lernen. So sei beispielsweise die elektronische Patientenakte wie in Dänemark auch in Deutschland ein „Muss“. Am Beispiel der Schweiz erwähnte Augurzky Projekte wie Medgate.

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„Neue Arten von Apotheken denken“

Augurzky gab nicht nur wieder, wie es aktuell um die Apotheken steht und was daraus in Zukunft folgen könnte – er bot der Apothekerschaft auch konkrete Lösungsoptionen an. Und zwar genau drei neue Apothekenformen:

  • die Apotheke als Teil einer zentralisierten Gesundheitsverwaltung in Form von „Campus- oder MVZ-Apotheken“
  • die Apotheke als Manager der Gesundheitsversorgung in Form von „Integrierten Apotheken“ oder „Land- und Pflege-Apotheken“
  • die Apotheke als moderner Dienstleister, in Form von „Beratungsapotheken“ oder „Komfortapotheken“

Dabei müsse man sich in Zukunft nicht für eine dieser drei Optionen entscheiden. Je nach individueller Ausgangslage passe das eine oder das andere Modell besser. Jedoch könne der einzelne Apotheker nicht alles alleine umsetzen. Hier kämen Kooperationen und Verbände ins Spiel: „Wenn wir das so haben wollen, müssen wir uns Gedanken machen, dass das für Apotheker spannend wird.“ Man müsse Möglichkeiten schaffen, dass sich Apotheken individueller aufstellen können – auch mit primärärztlichen Leistungen. Was genau hinter diesen „drei Szenarien gegen die Zukunftsangst“ steckt, lesen sie in der kommenden DAZ Nr. 48. Dort finden Sie auch eine Tabelle, die optisch verdeutlicht, welche Maßnahme in welcher Situation helfen könnte. 

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Dass man diese Lösungsoptionen auch bald nutzen sollte, unterstrich Augurzky am Ende seines Vortrags: „Die Not macht erfinderisch. Im Moment haben wir noch genug Geld, um auch Ineffizienzen zuzuschütten.“

In der anschließenden Diskussionsrunde mit Moderator Dr. Benjamin Wessinger (Geschäftsführer des Deutschen Apotheker Verlages)  ging es auch lange um die Digitalisierung. Auch hier betonte Augurzky, dass die einzelne Apotheke nur reagieren könne. Verbände und Verbünde seien unheimlich wichtig, wenn man kreativ sein wolle. ABDA-Vizepräsident Mathias Arnold gab zu, dass es bei der ABDA in puncto Digitalisierung schneller gehen müsse, verwies aber zur Erklärung auf die Struktur der ABDA.



Diana Moll, Apothekerin, DAZ.online
redaktion@daz.online


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2 Kommentare

*Facepalm*

von gabriela aures am 28.11.2018 um 9:53 Uhr

„ABDA-Vizepräsident Mathias Arnold gab zu, dass es bei der ABDA in puncto Digitalisierung schneller gehen müsse, verwies aber zur Erklärung auf die Struktur der ABDA.“
AAAHHHHH
Dann wäre es doch allerhöchste Zeit, die Strukturen der 50er Jahre ins Heute und Morgen zu verlagern !!!!

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Nachtdienst-Gedanken

von Andreas P. Schenkel am 27.11.2018 um 22:46 Uhr

Ergänzend zu diesem Artikel: Die drei wichtigsten Aufgabenfelder zur Etablierung in der nahen Zukunft der Apothekerschaft sehe ich derzeit:

1) Eigener massiver IT-Aufbau: Vernetzungsfähigkeit mit Ärzten, weiteren Behandlungsbeteiligten, Kassen und Berufsorganisationen durch definierte Schnittstellen, Transformation der Rechenzentren zu Big-Data-Zentralen, wodurch jeder Patient, der es wissen will, korrelationsgestütze Gesundheitsprädikationen abfragen kann. Hier ließen sich auch Ärzte als Kunden (und als Quelle zugleich) der Daten gewinnen.

2) Schärfung und Stärkung des Apothekerstands durch weitestgehende Aufrechterhaltung der derzeitigen universitären Ausbildung auch -Jawoll! - in den "klassischen" Fächern der medizinischen Chemie, Analytik etc.: Begründung: Nur so haben wir die solide wissenschaftliche Basis für Klinische Pharmazie und patientenorientierte Pharmazie-Leistungen. Zugleich bleiben wir insgesamt und als einzelne Personen flexibel, egal wo wir arbeiten werden: in der eigenen Apotheke, als Angestellte dort, als Kettenangestellte, als verbeamtete Offizin-Apotheker, Industrie, Verwaltung, ..., in Portal-Spitälern (Stichwort Zentralisierung - aus meiner Sicht die "wahrscheinlichste Zukunft": Die "Portal-Spitäler" sind relativ dicht (etwas weniger als heute) überall im Lande verstreut und sammeln per Rettungswagen oder Eigentransport die Erkrankten auf. Leichte Fälle werden dort kuriert, schwerere Fälle oder Patienten mit Spzialdiagnose-Bedarf werden per Heli-Transport in Spezial-Kliniken (3 - 10 pro Bundesland) transportiert. Hört man unter der Hand immer wieder mal als angedachtes Zukunftsszenario).

3) Eigeninitative Entwicklung berufseigener neuartiger Dienstleistungen in Verbindung mit Zukunftsthemen wie z.B. Big-Data-Voraussagen (s.o.), auch verknüpft mit Genom-Analysen und vorausschauende Arbeit gegenüber den Gesetzgebern zur rechtlichen, sozialgesetzgeberischen Flankierung unserer neuen Dienstleistungen inklusive angemessener Kostenerstattung. Mitarbeit und Mitgliedschaft im G-BA sollte da schon obligat sein, und als Berufsstand mit dieser langen Existenz und Beharrlichkeit verstehe ich das Zaudern da überhaupt nicht.

Wer jetzt zu zaghaft ist, läuft Gefahr, die Zukunft des Berufsstands zu verplempern. Wir müssen ja nicht nach dem Motto "Mistbauen first, Bereuen second" verfahren. Alleine schon unsere naturwissenschaftliche Ausbildung verhilft uns zu klarem und systematischen Denken. Wir sollten es auch hier kühl nutzen und zugleich mit heißem Herzen für unsere Standeszukunft streiten.

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