Digitale Gesundheitsakte

Gesundheitsapp „Vivy“ startet

Berlin / Stuttgart - 17.09.2018, 12:45 Uhr

14 gesetzliche Krankenkassen und zwei private Versicherungen stecken hinter „Vivy". ( r / Fotos: vivy.com)

14 gesetzliche Krankenkassen und zwei private Versicherungen stecken hinter „Vivy". ( r / Fotos: vivy.com)


Im Juni wurde sie vorgestellt, nun geht sie an den Start: die digitale Gesundheitsakte „Vivy". Per App sollen Patienten ihre Gesundheitsdaten verwalten können. Initiatoren von Vivy sind mehrere gesetzliche Krankenkassen und private Krankenversicherungen, darunter die Allianz, DAK, Bahn BKK, IKK Classic, Barmenia, Gothaer und die Süddeutsche Krankenversicherung.

Millionen Versicherte sollen ab dem heutigen Montag ihre Gesundheitsdaten über eine neue Handy-App verwalten können. In der digitalen Akte können etwa Befunde, Laborwerte und Röntgenbilder gespeichert und mit dem behandelnden Arzt geteilt werden, heißt es in einer Mitteilung. Die App soll außerdem an Impftermine und Vorsorgeuntersuchungen erinnern. Ein Medikamentencheck soll mögliche Wechselwirkungen anzeigen, nachdem man den Code auf der Packung oder dem Medikationsplan eingescannt hat. Auch Überweisungen, U-Hefte oder der Mutterpass könnten in der App gebündelt, Fitnesstracker mit ihr gekoppelt werden. Das Angebot ist kostenlos. Dahinter stehen 14 Krankenkassen, darunter die DAK-Gesundheit, die Innungskrankenkassen IKK classic, IKK Nord, IKK Südwest sowie mehrere Betriebskrankenkassen, und zwei private Krankenversicherungen, Allianz und Barmenia. Gemeinsam kommen sie auf 13,5 Millionen Versicherte.

Zum Vergleich: Die Techniker Krankenkasse, die ebenfalls eine eigene digitale Akte vorgestellt hat, kommt allein auf über 10 Millionen Versicherte. Die an „Vivy“ beteiligten Versicherungen wollen ihre Kunden ab diesem Montag informieren. Die App ist im App-Store und bei Google Play erhältlich. 

„Vivy wird im Praxisalltag vieles einfacher machen, Doppeluntersuchungen vermeiden helfen und mehr Transparenz für Behandler und Patienten schaffen“, sagte der Vorstandschef der beteiligten Kasse DAK-Gesundheit, Andreas Storm. Die App sei das erste entsprechende Angebot in Deutschland für Millionen Menschen. Die Daten der Nutzer seien sicher. Nur die Nutzer würden über deren Verwendung entscheiden, betonten die Verantwortlichen. Die Versicherer, der beteiligte IT-Dienstleister Bitmarck oder die Vivy GmbH hätten keinen Zugriff darauf. Bei jeder Datenübertragung gebe es mehrstufige Sicherheitsprozesse und eine Verschlüsselung, für die nur der Versicherte den Schlüssel habe. Es sei als sichere Plattform zertifiziert und als Medizinprodukt zugelassen.

Apotheken werden allerdings über der Beschreibung der Funktionalität nicht erwähnt. So heißt es, dass Vivy ein Teil eines neuen Gesundheitsökosystems sei und die Funktion übernehme, Nutzer mit Ärzten, Krankenhäusern, Laboren sowie Krankenkassen und Versicherungen zu vernetzen. 

Umfrage vor dem Start

Zum Start haben die Unternehmen den möglichen Bedarf mit einer Umfrage ermittelt. Mehr als zwei Drittel der Bundesbürger (69 Prozent) wissen laut der Forsa-Erhebung nicht, wann ihr nächster Impftermin ist. 43 Prozent kennen die für sie empfohlenen Vorsorgeuntersuchungen nicht. Jeder vierte Befragte hat bereits Mehrfachuntersuchungen erlebt, weil Ergebnisse aus anderen Praxen und Kliniken nicht vorlagen. Ein Fünftel der Deutschen wurde deshalb sogar mehrfach geröntgt. Jeder Dritte geht zwischen drei und zehn Mal im Jahr zum Facharzt, 44 Prozent gehen ebenso oft zum Hausarzt.

Spahn: Bis 2021 sollen Patientendaten per Handy abrufbar sein

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will, dass gesetzlich Versicherte spätestens ab 2021 generell auch per Handy und Tablet ihre Patientendaten einsehen können. Eigene Angebote für elektronische Gesundheitsakten hatten bereits die AOK und die Techniker Krankenkasse (TK) vorgestellt. TK-Chef Jens Baas sprach bei der Vorstellung von „TK-Safe“ im April von einer  „Revolution“: Daten würden zu neuen hilfreichen Informationen zusammengeführt. Mittlerweile nutzten mehr als 30.000 Versicherte die digitale TK-Akte, wie Baas der Deutschen Presse-Agentur sagte. „Wir befinden uns derzeit im erweiterten Testbetrieb, da man mit Patientendaten keine Schnellschüsse machen darf.“ Die Resonanz sei positiv, jeden Tag kämen 500 neue Nutzer hinzu. Die Testphase sei auf 100.000 Benutzer ausgelegt. Die AOK will ihr Gesundheitsnetzwerk nach Pilotprojekten in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin bis Anfang 2019 in den anderen Ländern starten. Je nach regionalen Gegebenheiten soll es unterschiedliche Anwendungen geben.



dpa-afx / jb
redaktion@daz.online


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5 Kommentare

Wegen Sicherheits- und Datenschutzbedenken ...

von Kritiker am 17.09.2018 um 19:15 Uhr

... werden mein Umfeld und ich derartige Innovationen unter keinen Umständen nutzen.

Sind die Daten erst einmal erfasst, wollen irgendwann GKV/PKV, Versicherungswirtschaft, Wirtschaftsauskunfteien, Werbewirtschaft etc Zugriff.

» Auf diesen Kommentar antworten | 2 Antworten

AW: Schaute mir die Android App ...

von Kritiker am 17.09.2018 um 22:39 Uhr

... nebst Kleingedrucktem näher an.

Sicher sind weder die App noch die Cloud und die Firma hat vermutlich nicht zum Spaß einige höchst dubiose Analytikmodule (können Daten für die Werbewirtschaft sammeln) integriert.

Wer dieser App Gesundheitsdaten anvertraut, der glaubt IMO auch, das Zitronenfalter Zitronen falten.

AW: Posting eines Sicherheitsbloggers zur App:

von Kritiker am 18.09.2018 um 10:39 Uhr

https://www.kuketz-blog.de/gesundheits-app-vivy-datenschutz-bruchlandung/

Megatrend verpasst

von Dr. Christian Gerninghaus am 17.09.2018 um 14:23 Uhr

Ist das nicht wunderbar? Wieder machen Andere vor, wie es geht. Und die neue Gesundheitsapp verwaltet nicht nur Daten und Termine, sondern prüft auch Medikamente oder den Mediplan auf Interaktionen. Eigentlich Aufgabe von Apothekern. Aber manche unserer Kollegen glauben ja immer noch an den Weihnachtsmann, bzw. daran, dass Apotheker irgendwann für Dienstleistungen wie Medikationsanalyse honoriert werden. Bevor das nicht geklärt ist, fangen wir gar nicht erst an. Lächerlich. Wir sollten jetzt der Politik und den Kassen zeigen, wie häufig wir schon heute Wechselwirkungen vermeiden und viel Geld sparen, weil wir für eine kontinuierliche Versorgung mit Arzneimitteln sorgen. Das können wir schon heute, dazu braucht es kein ARMIN oder Kammer-AMTS sondern GMV. Stattdessen laufen wir nur hinterher. Wir versuchen, Konzepte zu entwickeln und zu etablieren, die nicht nur realitätsfern sind, sondern auch um Jahre zu spät kommen. Und dann wundern wir uns, wenn andere Marktteilnehmer plötzlich vernünftige Lösungen präsentieren, während wir dem Megatrend Digitalisierung noch eher skeptisch gegenüberstehen. Wenn wir so weitermachen, sind wir bald lebendige Fossilien mit fragwürdiger Zukunftsperspektive.

» Auf diesen Kommentar antworten | 1 Antwort

AW: Megatrend verpasst

von Dr. Ralf Schabik am 17.09.2018 um 19:50 Uhr

Ob diese App "vernünftig" ist, werde ich mir mal näher anschauen, sobald mich meine KV dazu einlädt. Bin wirklich gespannt - als Insider sehe ich sowas natürlich immer unter dem Aspekt, dass sich die Kassen davon mehr Macht versprechen.
Aber um so wichtiger wäre es gewesen, sowas aus der Hand der Leistungsanbieter zu päsentieren. Die Ideen waren / sind ja durchaus da, aber die Kommunikation ist grottig und vor allem haben wir kein ganzheitliches Konzept, sondern eine furchtbare Kleinstaaterei.

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