Großpraxen und Zahnarztketten

Finanzinvestoren im Gesundheitswesen: Rendite vor Versorgung?

Stuttgart - 17.09.2018, 15:10 Uhr

Finanzinvestoren haben Zahnarztpraxen als Geldanlage erkannt, insbesondere mit Implantologie oder aufwendigem Zahnersatz lässt sich gutes Geld verdienen. (m / Foto: O.K. / stock.adobe.com)

Finanzinvestoren haben Zahnarztpraxen als Geldanlage erkannt, insbesondere mit Implantologie oder aufwendigem Zahnersatz lässt sich gutes Geld verdienen. (m / Foto: O.K. / stock.adobe.com)


„Finanzinvestoren haben das Gebiss der Deutschen als renditestarke Geldanlage entdeckt.“ Das war am Wochenende in der Süddeutschen Zeitung zu lesen. Sie kaufen vermehrt Zahnarztpraxen auf, um größere Zahnkliniken und schließlich Zahnarztketten zu gründen. Vertreter der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung betrachten diese Entwicklung mit Sorge, da ihrer Ansicht nach die Rendite im Vordergrund steht und nicht die umfassende Betreuung der Patienten. 

Bei Apotheken ist der Fremd- und der Mehrbesitz verboten. Zwar wird diese Regelung von Institutionen wie der Monopolkommission oder auch seitens der FDP gelegentlich angegangen, ernsthaft zur Disposition steht sie aber derzeit nicht. Was es für Folgen haben kann, wenn Finanzinvestoren im Gesundheitswesen das Sagen haben, war am vergangenen Wochenende in der Süddeutschen Zeitung am Beispiel der Zahnarztbranche zu lesen. 

Zahnarztpraxen dürfen nämlich seit 2015 als Medizinische Versorgungszentren (MVZ) betrieben werden in der Rechtsform einer Personengesellschaft, einer eingetragenen Genossenschaft oder als Gesellschaft mit beschränkter Haftung. Eröffnen dürfen solche MVZ laut Gesetz Zahnärzte, Kliniken und Kommunen. Vorteile eines solchen MVZ sind für die Zahnärzte, die sich nicht selbstständig machen wollen, dass in großem Ausmaß Stellen im Angestelltenverhältnis geschaffen werden – in einer „klassischen“ Gemeinschaftspraxis konnte ein Vertragszahnarzt am Vertragszahnarztsitz nur zwei vollzeitbeschäftigte Zahnärzte oder bis zu vier halbzeitbeschäftigte Zahnärzte anstellen. Das beschränkte die Expansionsmöglichkeiten einer Praxis. Zum Teil wurde daher mit Hilfskonstrukten wie etwa der Aufnahme von nichtkapitalbeteiligten Juniorpartnern gearbeitet, was aber mit Risiken verbunden war.

Mit der Erlaubnis, MVZ zu gründen, in denen theoretisch in unbegrenzter Zahl angestellte Zahnärzte beschäftigt werden dürfen, haben expansionswillige Zahnärzte nun alle Möglichkeiten. Doch diese Entwicklung hat offenbar auch weit größere Player auf den Plan gerufen – nämlich Finanzinvestoren. Der deutsche Gesundheitsmarkt werde ihnen von Beratungsunternehmen wie KPMG oder Price Waterhouse Coopers längst als Goldgrube empfohlen, schreibt die SZ. Ein verlässlich zahlender Sozialstaat und eine älter werdende Gesellschaft garantierten aus Sicht der Unternehmen stabile Gewinne, in Krankenhäusern, Pflegeheimen und neuerdings auch bei Zahnärzten, heißt es. 

Der Trick: Erst Klinik, dann Praxis

Um MVZ gründen zu können, bedarf es seitens der Investoren etwas Vorarbeit. Schließlich ist dieses Recht, wie erwähnt, Zahnärzten, Kliniken und Kommunen vorbehalten. Und so kaufen die Unternehmen laut SZ im ersten Schritt eine Klinik und mittels dieser dann Zahnarztpraxen, um daraus größere Zahnkliniken und schließlich ganze Zahnarztketten zu machen. Die Unternehmen seien oft global arbeitende Private-Equity-Firmen, die damit Geld verdienen, Firmen zu kaufen, sie umzustrukturieren und sie für einen höheren Preis weiterzuverkaufen. Diese Firmen können natürlich auch große Praxen finanzieren, die für einen einzelnen Zahnarzt, der sich selbständig machen will, in der Regel nicht zu stemmen sind.

KZBV: Große Zentren verursachen höhere Kosten

Die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV) betrachtet diese Entwicklung mit Sorge. So zitiert die SZ deren Vorstandsvorsitzenden Wolfgang Eßer: „Der Ausverkauf der Versorgung an Spekulanten ist die größte Bedrohung, die es im zahnärztlichen Bereich je gab“, sagt er, „Wir haben den Eindruck, dass sich MVZ-Ketten auf besonders renditestarke Bereiche konzentrieren, zum Beispiel auf Implantologie oder auf aufwendigen Zahnersatz. Eine umfassende Betreuung der Patienten scheint eher nachrangig zu sein.“

Diesen Verdacht untermauert er mit Zahlen: So haben Mitarbeiter in einem großen Büro der KZBV, die unter anderem Abrechnungen für die zugelassenen Praxen organisiert, festgestellt, dass MVZ-Ketten höhere Behandlungskosten erzeugten als herkömmliche Praxen. In einer „normalen“ Praxis verursachten Patienten demnach im vergangenen Jahr Kosten von im Schnitt 87,50 Euro, in den großen Zentren waren es 103 Euro. Für den KZBV-Chef liegt der Verdacht nahe, dass die angestellten Ärzte unter Umsatzdruck stehen.

Und eine weitere Zahl deutet darauf hin, dass die Praxen in Händen von Finanzinvestoren vor allem nach der Rendite schielen. So haben nämlich einer Analyse der KZBV zufolge etwa 80 Prozent dieser Zentren, deren Anzahl seit 2015 rapide steigt, mittlerweile mehr als 540 Häuser, in Großstädten wie Köln, Hamburg, München oder Berlin eröffnet, sowie in Landkreisen mit einem relativ hohen Durchschnittseinkommen. Die Ost-Bundesländer wählten lediglich 8 Prozent der neuen Versorgungszentren als ihren Standort, heißt es. Teuren Zahnersatz müsse man sich schließlich leisten können.

Junge Ärzte bevorzugen oft Anstellung

Laut SZ würde die Zahnärztevertretung die Zentren am liebsten wieder ganz verbieten lassen. Doch ähnlich wie bei den Apotheken und den Hausärzten ziehen insbesondere junge Zahnärztinnen die Arbeit im Angestelltenverhältnis ohne finanzielles Risiko, mit geregelten Arbeits- und Urlaubszeiten sowie der Möglichkeit der Teilzeit, der Selbständigkeit vor. An eine Praxis möchten sie sich nicht binden. Für sie stellen die Zentren einen attraktiven Arbeitgeber dar.

Langfristig scheint das Engagement der Investoren übrigens oft nicht ausgelegt zu sein – bei Private-Equity-Firmen überrascht das wohl kaum. So beschreibt die SZ die Strategie von Summit Partners, einem der genannten Investoren, folgendermaßen: Die Strategie sei es, das Unternehmen so lange zu unterstützen, wie man zu seinem Wachstum beitragen könne, heißt es dort. Anschließend bleibe es den Zentren selbst überlassen, wie sie sich weiter finanzieren. Daraus mache die Firma kein Geheimnis. Sie habe bereits 2015 eine Zahnarztkette in Italien übernommen, um sie zwei Jahre später weiterzuverkaufen.

In der Politik scheint man sich zumindest teilweise der Problematik des Einflusses von Fremdkapital bewusst zu sein. So enthält der Entwurf für das Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) einen Passus, der es Investoren erschweren soll, in MVZ zu investieren. Dieser bezieht sich aber ganz konkret auf Erbringer nicht-ärztlicher Dialyseleistungen, die bislang zur Gründung von ärztlichen MVZ berechtigt sind. Um den Einfluss von Kapitalinvestoren ohne medizinisch-fachlichen Bezug zur vertragsärztlichen Versorgung auf die Versorgungsstrukturen zu begrenzen, soll die Gründungsmöglichkeit für Erbringer nicht-ärztlicher Dialyseleistungen künftig auf fachbezogene MVZ beschränkt werden. 



Julia Borsch, Apothekerin, Chefredakteurin DAZ.online
jborsch@daz.online


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„Überregionale MVZ-Strukturen verbieten“

1 Kommentar

Gewinnstreben

von Holger am 18.09.2018 um 8:29 Uhr

Stimmt, Zahnarzt ist ja ein dermaßen ethischer Job, die denken schließlich an Geld zu allerletzt. "Mühsam ernähren sie sich von den Speiseresten, die wir zwischen unseren Zähnen ... " (V. Pispers)//ironic mode off

Sorry, aber es braucht doch keine Finanzinvestoren, um die Geldgier ins deutsche Zahnarztwesen einziehen zu lassen?? Das kriegen die Damen und Herren auch selber hin. Aber man muss neidlos anerkennen, dass sie es als einzige Berufsgruppe im Gesundheitswesen geschafft haben, den Löwenanteil ihres Einkommens außerhalb der GKV zu erzielen.

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