Doping

Wie sich Sportler Rx-Arzneimittel illegal aus dem Internet beschaffen

Berlin - 13.09.2018, 11:15 Uhr

Einer Forschergruppe aus Kaiserslautern zufolge ist es für Sportler recht einfach, sich im Internet auf illegalem Wege Rx-Arzneimittel fürs Doping zu kaufen. (s / Foto: Pocus LTD/adobe.stock.com)

Einer Forschergruppe aus Kaiserslautern zufolge ist es für Sportler recht einfach, sich im Internet auf illegalem Wege Rx-Arzneimittel fürs Doping zu kaufen. (s / Foto: Pocus LTD/adobe.stock.com)


Sportler können sich im Internet ohne Arztbesuch rezeptpflichtige Medikamente auch auf dem EU-Binnenmarkt problemlos bestellen. In ihrem Bericht über diese kriminellen Praktiken stützt sich die ARD-Dopingredaktion auf Ergebnisse eines Forschungsprojekts der Hochschule Kaiserslautern um den Pharmakologie-Professor Niels Eckstein. Die Forscher hatten ihre Analysen zuvor auch in der DAZ vorgestellt.

Unter dem Titel „The price you pay“ hatte die Forschergruppe aus Kaiserslautern kürzlich in der DAZ-Ausgabe 32 ihre Forschungsergebnisse vorgestellt. Die Wissenschaftler wollten herausfinden, wie sich der freie Warenverkehr in der EU und die Abschaffung von Grenzkontrollen auf den (illegalen) Handel mit Arzneimitteln, insbesondere im Dopingbereich, auswirkt. Sie kamen zu dem Schluss, dass es einen erheblichen Graumarkt gibt. Zwar ergaben die Untersuchungen an den Arzneimitteln, dass es sich um regulär hergestellte Arzneimittel handelt, die über illegale Distributionswege verteuert vertrieben werden. Allerdings waren die Vertriebsstrukturen meistens illegal.

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So konnten Pseudo Customer über das Internet problemlos zahlreiche Dopingsubstanzen in beliebiger Menge beziehen. Um welche Wirkstoffe ging es? Durch Testosteron Enantat und Amfepramon wäre ein erheblicher Muskelzuwachs mit gleichzeitigem Fettverlust möglich. Zudem könnten die durch steigende Belastungen auftretenden Schmerzen des Bewegungsapparats mittels Codein bzw. Dihydrocodein (nach Demethylierung zu Morphin) gelindert werden. Dabei lagen die Gesamtkosten einer solchen Kombination in einem Bereich, der für viele Breitensportler realisierbar sein dürfte: Weniger als 800 Euro für eine dreimonatige Anwendung.

Auch die Sportschau hat nun über die Forschungsergebnisse berichtet. „Für Fachleute war das Ergebnis niederschmetternd: Medikamentenmissbrauch und Doping ist Tür und Tor geöffnet in Europa“, heißt es in dem Bericht „Dopingmittel frei Haus“. Und weiter: „Wer illegal in Deutschland an rezeptpflichtige Medikamente gelangen will, wird recht schnell online fündig, ohne vorher die verpflichtenden Arztkonsultationen vorgenommen zu haben und ein Rezept vorlegen zu können“, wird in der Studie betont. „Er muss sich nicht einmal an dubiose Händler in Fernost wenden.“ Nach einer „Pseudo-Befragung durch einen angeblichen Arzt, kann jeder ordern und erhalten, was er begehrt“.

Rezept wird an EU-Versender weitergeleitet

Gegenüber Sportschau.de erläuterte Eckstein nochmals den Bestell- und Lieferablauf: Die Bestellung laufe über verschiedene europäische Länder. „Es gibt eine ganze Menge Portale, URLs, Homepages, wo sie solche Bestellungen tätigen können“, so Eckstein. Über eine Art Chatfenster werde man mit einem Arzt verbunden. Man könne allerdings „nicht nachvollziehen, ob das ein Arzt ist“, sagte Eckstein.

In der DAZ hatte Eckstein zudem erläutert, wie dann der Kontakt mit den europäischen Versandapotheken verläuft: „Nach Beantwortung der Fragen wurde die Ausstellung des Rezepts durch den Arzt bestätigt und der Versand des Rezepts an die Apotheke angekündigt. Noch am gleichen Tag fand der Versand des Arzneimittels aus einer Apotheke in Dänemark statt. Die Zustellung erfolgte einen Tag später – im konkreten Fall jedoch nicht direkt beim Empfänger.“

Angaben des deutschen Zolls zufolge haben die Fahnder 2009 wegen illegalen Medikamentenimports 102 Strafverfahren eingeleitet. Sieben Jahre später waren es schon über ein dutzend Mal so viele. Die Ermittler stehen vor dem Problem, dass die Warenströme auf dem Postweg kaum zuverlässig kontrollierbar sind. „99,9 Prozent aller Dopingmittel werden im Hobbysport konsumiert“, sagte der Mainzer Sportmediziner und Dopingexperte Perikles Simon.



bro / dpa
brohrer@daz.online


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1 Kommentar

RX Versandverbot

von Dr Schweikert-Wehner am 13.09.2018 um 15:44 Uhr

Das wäre eine ausreichende Begründung für ein RX Versandverbot. Aber Apotheken beim Sterben zuzusehen ist geíler als der Schutz der Bevölkerung.

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