Interview

Glaeske: „Iberogast halte ich für verzichtbar“

Berlin - 14.09.2018, 07:00 Uhr

Risiken durch Schöllkraut in Iberogast? Arzneimittelexperte Professor Gerd Glaeske von der Uni Bremen ist der Ansicht, dass die Änderung der Packungsbeilage noch nicht ausreicht, um Patienten zu schützen. ( r / Foto: Raphael Huenerfauth,
Phytothek.net)

Risiken durch Schöllkraut in Iberogast? Arzneimittelexperte Professor Gerd Glaeske von der Uni Bremen ist der Ansicht, dass die Änderung der Packungsbeilage noch nicht ausreicht, um Patienten zu schützen. ( r / Foto: Raphael Huenerfauth, Phytothek.net)


Am vergangenen Mittwoch wurde es bekannt: Bayer ändert die Packungsbeilage von Iberogast, um einem Sofortvollzug durch das BfArM zu entgehen. Professor Gerd Glaeske von der Universität Bremen verfolgt die Pharmakovigilanz-Diskussion um das vielverkaufte OTC-Arzneimittel seit Jahren. Im Interview mit DAZ.online erläutert der Arzneimittelexperte, mit welchen einfachen, regulatorischen Maßnahmen Bayer und zuvor Steigerwald den Patientenschutz hätten verbessern können.

Zehn Jahre lang hat sich Bayer erfolgreich geweigert, einen Warnhinweis zu Schöllkraut in die Packungsbeilage von Iberogast® aufzunehmen. Am vergangenen Mittwoch teilte das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) mit, dass Bayer nun die Änderungen umsetzt, die bereits 2008 in einem Risikobewertungsverfahren definiert wurden. Schon 2005 war ein Stufenplanverfahren zu Iberogast® eingeleitet worden, da das enthaltene Schöllkraut im Verdacht steht, leberschädigende Wirkungen zu haben.

Apotheker und Versorgungsforscher Professor Gerd Glaeske von der Universität Bremen ist unter anderem dafür bekannt, den Stellenwert von OTC-Arzneimitteln kritisch zu hinterfragen. Auch mit Iberogast hat sich Glaeske seit Jahren wissenschaftlich auseinandergesetzt. DAZ.online hat den Arzneimittelexperten zu aktuellen und vergangenen Entwicklungen rund um das vielverkaufte Magen-Darm-Mittel befragt.  

DAZ.online: Nun musste Bayer den Warnhinweis zu Schöllkraut nach zehnjährigem Zögern doch aufnehmen. Ist dies aus Ihrer Sicht eine erfreuliche Wendung?

Glaeske: Im Sinne des Patientenschutzes hat dies viele zu lange gedauert. Bayer war bockig und hat leichtsinnig mit den Patientenrisiken gespielt. Dabei wäre das gar nicht nötig gewesen. Bayer hätte sich selbst viele kritische Diskussionen und vor allem den Patienten viel Leid ersparen können. Aber entgegen besseren Wissens wurde an der Rezeptur festgehalten. Obwohl es wissenschaftlich belegt ist, dass Schöllkraut für die Wirksamkeit der Pflanzenmischung gar nicht erforderlich ist.

DAZ.online: Wie meinen Sie das? Hätte man auf Schöllkraut einfach verzichten können?

Glaeske: Schon der frühere Zulassungsinhaber Steigerwald hat eine Studie angefertigt, die zeigt, dass das Schöllkraut im Iberogast überflüssig ist. Und zwar hat die Arbeitsgruppe um Rösch im Jahre 2002 und die Arbeitsgruppe um Madisch im Jahre 2004 die aktuelle Iberogast-Mischung, die aus 9 Komponenten besteht mit einer 6-Komponenten-Mischung ohne Schöllkraut verglichen. Die Wirksamkeit der beiden Pflanzenmixturen war vergleichbar – ebenso im Verhältnis zu Placebo oder dem chemischen Verum Cisaprid.  

DAZ.online: Was hätte Steigerwald oder Bayer Ihrer Ansicht nach unternehmen müssen?

Glaeske: Ich stand deshalb schon seit Anfang dieses Jahrtausends im Austausch mit Steigerwald und später mit Bayer. Es wäre lediglich eine Änderungsanzeige erforderlich gewesen, um die bestehende Rezeptur durch die 6-Komponenten-Mischung ohne Schöllkraut auszutauschen. Die Arzneimittelbezeichnung hätte für fünf Jahre durch ein „N“ ergänzt werden müssen. Soweit mir bekannt ist, gibt es sogar schon eine Zulassung für das 6er-Produkt, die sicherlich schon mit Blick auf die vorauszusehenden Diskussionen beantragt worden ist.

Warum weder Steigerwald noch Bayer diesen Schritt gegangen sind, erschließt sich mir nicht. Ich bin schier verzweifelt an dem Verstand der Leute, die für Iberogast bisher zuständig waren. Vermutlich spielen Marketingaspekte eine Rolle. Denn Iberogast gehört zu den Top 20 der absatzstärksten Selbstmedikations-Produkte.



Dr. Bettina Jung, Apothekerin, Redakteurin DAZ.online
redaktion@daz.online


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3 Kommentare

Glaeske

von Conny am 14.09.2018 um 12:01 Uhr

Der alte Schwätzer hat noch gefehlt

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Iberogast/Glaeske

von Peter Kaiser am 14.09.2018 um 10:47 Uhr

Komisch, dass Herrn Glaeske die Nebenwirkung erst auffällt, seit es von Bayer übernommen wurde. Wie lange war Iberogast von Steigerwald im Handel?

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unerträglich und nicht sachdienlich !

von Dr. Ralf Schabik am 14.09.2018 um 9:02 Uhr

Sorry, aber dieser "Kollege", der da im gut dotierten Elfenbeinturm der drittmittelgeförderten universitären "Versorgungsforschung" sitzt und keine Ahnung von den Sorgen und Nöten von leibhaftigen Patienten nachts um halb drei im Notdienst hat, sollte sich bitte nicht so oberflächlich - und damit grotesk falsch - zu Fragen der Praxis äussern.
ERSTENS brauche ich nun wahrlich keine Nachhilfe von diesem Theoretiker, dass hinter ALLEN Magen-Darm-Beschwerden Ursachen stecken können, die mich dazu bewegen, einen Besuch beim Arzt anzuraten. Das weiß ich und beachte es in JEDEM Beratungsgespräch, weil ich mich als Wegweiser im Gesundheitssystem und Berater des Patienten betrachte..
ZWEITENS sind "dyspeptische Beschwerden", gegen die Mono-Pfefferminze ach so toll helfen soll (ich kenne da Alternativen, die besser verträglich sind UND besser wirken !), überhaupt nicht der Fokus meiner Iberogast-Patienten.
Und noch etliche andere Punkte, die mich in dem Interview am Verstand des Professors zweifeln lassen, um seine Worte aufzugreifen..
Mich würde mal interessieren, wo ich die Ergebnisse der im Artikel erwähnten "wissenschaftlichen Auseinandersetzung" finden kann.

Keine Frage: Bayer hat sich halbmaximal dämlich verhalten, sich der zweifellos sinnvollen Änderung der Packungsbeilage zu widersetzen. Das, was jetzt "neu" drinstehen wird, habe ich seit vielen Jahren bereits im Beratungsgespräch umgesetzt.

Was sich der Herr "Versorgungsforscher" aber dringend mal überlegen sollte (weil wir da seine Hilfe und Expertise bräuchten !), ist eine Antwort auf die zunehmend drängende Frage, wie "Risikopatienten" aller Art künftig noch behandelt werden können und ob er mit seinem oft undifferenzierten Pharma-Bashing nicht ganz gewaltig die dringend erforderliche "Adherence" mündiger Patienten untergräbt.

Was machen die verunsicherten Patienten ? Rennen ins WWW und fallen dort auf die blumigen Werbeaussagen raffinierter Versender von Nahrungsergänzungsmitteln und Medizinprodukten (meist aus dem Ausland) herein.
Und kaufen Dinge, zu denen sich der Herr Professor mal äußern sollte, weil sei WIRKLICH der Gesundheit abträglich sind !!!

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