ABDA-Forderung abgelehnt

BMG will keine Apothekenpflicht für HIV-Tests

Berlin - 29.08.2018, 17:25 Uhr

HIV-Schnelltests sollten nur über Apotheken abgegeben werden, um die Beratung sicher zu stellen, fordert die ABDA. Das BMG will, dass die Tests auch im Internet verkauft werden können. (c / Foto: Imago)

HIV-Schnelltests sollten nur über Apotheken abgegeben werden, um die Beratung sicher zu stellen, fordert die ABDA. Das BMG will, dass die Tests auch im Internet verkauft werden können. (c / Foto: Imago)


Laut Bundesgesundheitsministerium (BMG) sollen HIV-Selbsttests ab Herbst für Laien zugänglich sein. Die Forderung der ABDA nach einer Apothekenpflicht für diese Diagnostika lehnt das BMG ab: Gegenüber DAZ.online erklärte ein Sprecher, dass der Vertriebsweg über Apotheken nicht „niedrigschwellig“ genug sei. Außerdem sei es erwünscht, die Tests auch übers Internet beziehen zu können. Die Deutsche Aids-Hilfe und das RKI warnen derzeit vor unseriösen Test-Angeboten aus dem Netz.

BMG: Apothekenpflicht „sachlich nicht geboten“

Das Bundesgesundheitsministerium will nämlich den Verkauf dieser Diagnostika, die derzeit nur an Ärzte und Gesundheitseinrichtungen abgegeben werden, ab Herbst auch an Laien ermöglichen. Eine Apothekenpflicht war und ist in den Plänen des Ministeriums nicht vorgesehen. So erklärte ein Ministeriumssprecher am heutigen Mittwoch gegenüber DAZ.online: „Ein ausschließliches Beratungsangebot über Apotheken mit der zwingenden Folge, den Vertriebsweg Apotheke vorzuschreiben, ist für den HIV-Selbsttest sachlich nicht geboten.“

Doch genau das Beratungsangebot ist aus Sicht der ABDA essenziell. „Nur hierdurch kann gewährleistet werden, dass bei der Abgabe der HIV-Selbsttests eine fundierte Beratung durch pharmazeutisches Personal im Rahmen der Beratungspflichten nach § 20 Apothekenbetriebsordnung (ApBetrO) geliefert wird“, erklärte ABDA-Präsident Friedemann Schmidt zuvor in einer Stellungnahme. Der Apotheker könne zudem auf die Limitationen des Selbsttests hinweisen: „Denn bei Tests kann es zu falsch-positiven Ergebnissen kommen und der Anwender meint, HIV-positiv zu sein, obwohl er nicht infiziert ist. Deshalb kann ein Selbsttest die ärztliche Diagnose nicht ersetzen“, so Schmidt weiter.

Apothekenberatung nicht „niedrigschwellig“?

Das Ministerium scheint offenbar keine Notwendigkeit zu sehen, dass die Betroffenen in dieser sensiblen Fragestellung obligatorisch beraten werden müssten. Vielmehr klingt es in der BMG-Stellungnahme so, als ob die Apothekenberatung eine zusätzliche Hürde darstellen könne. So begründet das Ministerium die Ablehnung der ABDA-Forderung wie folgt: „Das ausdrücklich gewünschte niedrigschwellige Angebot, das auch einen Bezug über das Internet ermöglicht, würde mit der Apothekenpflicht konterkarieren. Eine Apothekenpflicht ist mit der Freigabe für HIV-Selbsttests daher nicht vorgesehen.“

Weshalb die Apothekenberatung weniger „niedrigschwellig“ als andere Vertriebswege sein soll, wird nicht begründet. Für Ratsuchende, die den Gang zum Arzt oder in eine öffentliche Gesundheitseinrichtung scheuen, wäre der Zugang zu HIV-Schnelltests über Apotheken vermutlich schon eine große Erleichterung. Denn auch zu anderen sensiblen Gesundheitsthemen, wie etwa Verhütung oder Sucht, wird die Apothekenberatung allgemein als kompetent, diskret und leicht verfügbar wahrgenommen.

Bei einer Internetbestellung dagegen könnten viele Fragen offen bleiben und zudem müssten die Betroffenen bis zu mehrere Tage auf die Lieferung warten.


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Dr. Bettina Jung, Apothekerin, Redakteurin DAZ.online
redaktion@daz.online


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4 Kommentare

Gepriesen sei der kompetente Patient

von Christiane Patzelt am 30.08.2018 um 15:45 Uhr

Je mehr Gesundheitsthemen weg von Arzt und Apotheke gelagert werden, desto seltsamer werden die Auswüchse! Es gibt Damen, die verlassen sich bei der Verhütung NUR auf eine app, es gibt Damen, die wünschen bei 28tägigem Zyklus eine Woche vor Periodenstart die Pille danach ( und wissen gar nichts vom Ablauf eines Zyklusses ), es gibt Herren, die mit frisch eingecremten Händen das Kondom benutzen, es gibt zwölfundneunzig Leute, die Kondome so 80er finden und die Tripper-und Gonorrhoe-Erkrankungen nach oben schnellen lassen (von HPV und Chlamydien ganz zu schweigen), weil auch diese Geschlechtserkrankungen höchstens der Ami im Fernsehen mal hat...All diesen Gesundheitskompetenten gibt man jetzt aus der Drogerie den Test als Versicherung, dass HIV ja mittlerweile ne Bagatelle sei!!
Unser Grünspahn versteht nicht, wie lebensverändern der Ausspruch der Diagnose sein kann-er nutzt nicht das Potential der Apotheke, dass wir auf PrePs und Vorsichtsmaßnahmen hinweisen können! Ich führe in meiner Apotheke Kondome in 9 ! verschiedenen Größen—denn Liebe machen soll nicht den Tod bringen!!

Herr Spahn, Ihre Entscheidung ist zu kurz gedacht und umschreibt im Leben nicht den Ernst der Lage!!

» Auf diesen Kommentar antworten | 2 Antworten

AW: Gepriesen sei der mündige Bürger ...

von Reinhard Herzog am 30.08.2018 um 16:31 Uhr

Liebe Frau Kollegin,

Sie scheinen das Problem nicht so ganz erfasst zu haben.
Wer bereit ist, "Gesicht zu zeigen", dem stehen bereits zig Möglichkeiten der (sogar kostenfreien) HIV-Testung zur Verfügung.

Es geht gerade darum, die Menschen zu erreichen, die anonym bleiben wollen, eben keine wie auch immer geartete Belehrung / Tröstung / "Beratung" / was auch immer sich anhören wollen, und eben nicht unter die Augen einer "kompetenten Fachkraft" treten wollen.

Dafür kann es mannigfache Gründe geben.

Viel gefährlicher ist es, wenn diese Menschen aus Gründen der Scham / Scheu / ... einen Test unterlassen und womöglich infiziert und unbehandelt weiter herumlaufen. In immer noch viel zu vielen Fällen erfolgt die Erstdiagnose HIV-Infektion viel zu spät. Weitere Ansteckungen erfolgen.

Genau dieses Dunkelfeld soll nun durch ein niedrigschwelligeres Angebot aufgehellt werden.
Die Entscheidung des BMG bzw. von Herrn Spahn ist vollkommen richtig.

Das Thema ist zu ernst, um es zur Bewältigung von Minderwertigkeitskomplexen der Apotheken zu instrumentalisieren.

AW: Gepriesen sei der kompetente Patient

von Christiane Patzelt am 30.08.2018 um 19:32 Uhr

@Herr Herzog
Ich hoffe, ich mache nicht den Eindruck von Minderwertigkeitskomplexen, die hab ich nicht, warum auch.
Ich bin trotz allle dem nicht für den Verkauf der Tests bei den Drogerien! Bitte lassen Sie mir meine Meinung ohne mir Minderwertigkeitskomplexe zu unterstellen, das ist nicht nötig.

Suizidgedanken

von Max am 30.08.2018 um 9:48 Uhr

Ein Freund von mir hat nach der Diagnose noch für Wochen Suizid-Gedanken gehegt. Eine HIV-Diagnose lässt Welten zusammenbrechen. Esbedarf einem Mindestmaß an Worten und Ratschlägen zu diesen Tests, damit positiv-diagnostizierte Menschen aufgefangen werden. Eine HIV-Diagnose ist nicht nachzuvollziehen, bis man sie selbst erlebt hat...

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

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