Im Fokus: Patienteninformation

Valsartan-Spitzentreffen im BMG

Berlin - 27.08.2018, 17:45 Uhr

Im BMG soll ein Spitzentreffen zur Valsartan stattfinden. (s / Foto: dpa)

Im BMG soll ein Spitzentreffen zur Valsartan stattfinden. (s / Foto: dpa)


Die Valsartan-Krise ist in der Bundespolitik angekommen. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) mischte sich zuletzt immer häufiger in die Diskussion rund um den NDMA-kontaminierten Blutdrucksenker ein. Am morgigen Dienstag soll nach Informationen von DAZ.online nun ein Spitzentreffen im Bundesgesundheitsministerium stattfinden, bei dem eine für die Apotheker wichtige Angelegenheit besprochen werden soll: die Patienteninformation. Offenbar will man Strategien finden, wie man Patienten bei Rückrufen in Zukunft besser informieren kann.

Seit Wochen geht es in der sogenannten Valsartan-Krise hauptsächlich um die Aufklärung folgender Fragen: Wie konnte das wahrscheinlich krebserregende N-Nitrosodimethylamin (NDMA) in den Blutdrucksenker gelangen? Wie konnte die Verunreinigung so lange unbemerkt bleiben? Auch die systematischen Konsequenzen aus der Krise werden heftig diskutiert, es geht etwa um die Produktion vieler Generika in Indien oder China oder um das Rabattvertragssystem.

Wie und wann die Patienten von dem Fall erfahren haben, an wen sich die Patienten bei offenen Fragen wenden sollen, wer für eventuell entstandene Kosten haftet und wie die Betroffenen auf andere Arzneimittel umgestellt werden sollen – das wurde bislang allerdings nur am Rande besprochen. Für die Apotheker gibt es in der Debatte um die Valsartan-Verunreinigungen vielleicht aber kein wichtigeres Thema – denn es sind schließlich zumeist die Pharmazeuten, die auf die Umstellungen auf andere Präparate oder auf die Gesundheitsgefahr der Valsartan-Präparate angesprochen werden.

Vertreter von Apothekern, Ärzten und Patienten geladen

Im Interview mit der Stuttgarter Zeitung sagte Spahn am vergangenen Wochenende, dass er keine Lücken in der Aufklärung sehe, er bezeichnete die Kommunikation als „zügig, unaufgeregt, aber zielorientiert“. Das BfArM habe direkt reagiert und auch die Apotheker informierten „auf allen Kanälen“. Spahn weiter: „Wichtig war mir, den Patienten sehr früh zu vermitteln, dass es in ihrer konkreten Situation gefährlicher gewesen wäre, valsartanhaltige Medikamente von einem Tag zum anderen ersatzlos abzusetzen als sie noch ein paar Tage länger zu nehmen, bis Ersatz da war.“

Anscheinend gibt es genau bei diesem Punkt aber doch Gesprächsbedarf. Nach Informationen von DAZ.online kommen am morgigen Dienstag im Bundesgesundheitsministerium (BMG) Vertreter von Apothekern, Ärzten, den Arzneimittelkommissionen der Ärzte und der Apotheker sowie der Patienten zusammen, um den Informationsfluss im Fall Valsartan zu erörtern. Gesprächspartner in der Runde wird allerdings nicht Spahn selbst sein, sondern Staatssekretär Lutz Stroppe, der sich schon in der vergangenen Legislaturperiode um Arzneimittelthemen kümmerte. In der Einladung des Staatssekretärs an die geladenen Verbände und Institutionen heißt es, es gehe darum, „die bestehenden und etablierten Informationswege“ zu erörtern.

Was soll besprochen werden?

Ein BMG-Sprecher erklärte gegenüber DAZ.online, was bei dem Treffen angesprochen werden soll: „Nach dem Rückruf verunreinigter valsartanhaltiger Arzneimittel Anfang Juli haben wir unverzüglich die Patienten mit dem Ziel informiert, dass sie ihre Medikamente solange nicht absetzen, bis ihnen eine Alternative verschrieben wurde. Aber bereits unmittelbar danach haben wir begonnen, den Valsartan-Fall aufzuarbeiten und Konsequenzen daraus zu überlegen. Dabei stand und steht nicht nur die Arzneimittelkontrolle und -herstellung auf dem Prüfstand, sondern wir stellen uns auch die Frage, wie die Patienten bei Arzneimittel-Rückrufen besser informiert werden können. Um diese letzte Frage zu erörtern, hat Staatssekretär Lutz Stroppe Vertreter der Ärzte, Apotheker, der Arzneimittelkommissionen und der Patienten zu morgen ins Ministerium eingeladen.“

Auch um die Haftung könnte es gehen

Die Grünen-Arzneimittelexpertin Kordula Schulz-Asche hatte genau diesen Fokus kurz nach Bekanntwerden der Krise gesetzt: In schriftlichen Fragen an die Bundesregierung fragte sie als erste danach, wie viele Patienten betroffen sein könnten. Etwa 900.000 Menschen sollen das kontaminierte Valsartan eingenommen haben, so damals die Antwort aus dem BMG. Schulz-Asche griff dann die Informationswege bei Arzneimittel-Rückrufen auf und forderte, dass die Kassen ihre Versicherten künftig flächendeckend darüber informieren sollen, falls es zu Problemen in der Versorgung kommt.

Ein weiteres Thema, das bei dem Spitzentreffen besprochen werden könnte, ist die Haftungsfrage. Zahlreiche Apotheker berichteten von aufgebrachten Patienten, die in der Apotheke danach fragten, wer nun für die entstandenen Kosten hafte. Der CDU-Politiker Michael Hennrich brachte hier ebenfalls die Kassen ins Spiel und sagte, dass es in diesem Bereich Regelungsbedarf gebe. Minister Spahn pflichtete Hennrich bei und erklärte im Interview mit der Stuttgarter Zeitung, dass man die Haftungsfrage erörtern müsse.



Benjamin Rohrer, Chefredakteur DAZ.online
brohrer@daz.online


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2 Kommentare

Unverzüglich?

von Ole Galen am 29.08.2018 um 18:00 Uhr

Und auch hier wieder die Mär von der unverzüglichen Patienteninformation - diese hat nicht stattgefunden, noch heute tauchen Patienten auf, die bisher nichts mitbekommen hatten. Auch ist es für 900.000 unverzüglich informierte Betroffene erstaunlich ruhig - weiß jemand, wie viele davon bescheid wissen?
Was ist denn jetzt bei dem Treffen herausgekommen - am Folgetag sollte doch etwas bekannt sein?!

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Patientenperspektive

von Kritiker am 27.08.2018 um 19:55 Uhr

Aus Patientenperspektive verbleibt neben der Haftungsfrage im aktuellen Fall die Frage, ob der aktuelle Fall einen Einzelfall oder die Spitze des Eisbergs darstellt. Die Generikahersteller verarbeiteten möglicherweise jahrelang möglicherweise zahlreiche weitere kontaminierte/minderwertige/unwirksame Wirk-/Hilfsstoffe.

Diesbezüglich kann ich keine Bemühungen auf der politischen Bühne erkennen und die Generikahersteller hüllen sich in Schweigen.

Erforderlich ist Transparenz statt Geheimniskrämerei.

Lustig in diesem Zusammenhang: Auf der Seite der Gelben Liste sind seit letzter Woche die wesentlichen Teile der Fachinformationen nicht mehr frei zugänglich. Das ist ein Schritt in die falsche Richtung und stellt Nahrung für Verschwörungstheoretiker dar.

Vermarktung kontaminierter/minderwertiger Medikamente muss für Pharmaunternehmen und Krankenkassen sehr, sehr teuer werden und die Verantwortlichen müssen persönlich zivilrechtlich haften und konsequent der Strafverfolgung unterworfen werden. Wir brauchen ein Produkthaftungsrecht, das geschädigten Menschen Schadensersatz in Größenordnung nach US Vorbild zuspricht, anstatt sie wie bisher mit Kleingeld zu entschädigen.

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