Mögliche Unterdosierungen

Zyto-Apotheker Peter S. laut Gutachter schuldfähig

Essen - 14.06.2018, 10:05 Uhr

Der angeklagte Bottroper Zyto-Apotheker Peter S. (hier mit seinen Abwälten) ist laut einem Gutachten voll schuldfähig. (Foto: hfd)

Der angeklagte Bottroper Zyto-Apotheker Peter S. (hier mit seinen Abwälten) ist laut einem Gutachten voll schuldfähig. (Foto: hfd)


10 bis 20 Herstellungen in 45 Minuten

Während der angeklagte Apotheker bislang vor Gericht schweigt, machte er gegenüber Schiffer Angaben, über die der Gutachter vor Gericht als Zeuge berichtete. S. habe sich zur Schulzeit sehr wohl und aufgehoben gefühlt – innerhalb seiner Familie habe es eine „maximal geborgene Atmosphäre“ gegeben. Nach seinem Pharmaziestudium war er auch im Wehrdienst als Apotheker im Range eines Hauptmanns tätig – und habe sich dort beispielsweise über Personalverantwortung gefreut.

Das Schädel-Hirn-Trauma habe eine „Veränderung seines ganzen Lebens“ bewirkt, er denke jeden Tag daran. Normalerweise sei er in den letzten Jahren um fünf aufgestanden und hätte in der Früh gut eine Stunde im Zyto-Labor gearbeitet, danach habe er sich oft hinlegen müssen. Es sei oft „ein ganzer Batzen zu tun gewesen“, zitierte Schiffer den Apotheker: Innerhalb von 45 Minuten habe er 10 bis 20 Herstellungen übernommen. Anders als von Zeugen ausgesagt, hätten auch Mitarbeiter regelmäßig monoklonale Antikörper hergestellt. Die Arbeit sowie die besondere Ruhe im Labor habe ihm Freude gemacht, hätte S. auf die Frage geantwortet, warum er als Chef selber regelmäßig hergestellt hat.

Peter S. kann sich die fehlenden Wirkstoffmengen nicht erklären

Gegenüber dem Gutachter erklärte S., er sei am Tag vor der früh morgendlichen Razzia – als mit seinem Kürzel abgezeichnete, sichergestellte Zytostatika womöglich hergestellt worden – nicht in der Apotheke gewesen, oder höchstens vormittags. Auf die Frage, ob wahllos festgehalten wurde, wer hergestellt hat, habe S. nicht antworten wollen – sondern nur erklärt, die ganze Dokumentation sei sehr unterschiedlicher Qualität gewesen. Dem Vorhalt, er habe laut Zeugen nicht in Schutzkleidung gearbeitet, sei er ausgewichen. Fehlende Wirkstoffmengen könne er sich nicht erklären, Kritik von Ärzten habe es in diese Richtung nie gegeben – und generell sei dies selten gewesen. Das Vieraugenprinzip hätte gegolten, aber der Apotheker habe auch alleine produziert. „Das sei auch nichts Besonderes gewesen“, berichtet Schiffer aus dem Gespräch mit Peter S.

Laut dem Gutachter hat der Apotheker glaubhaft erklärt, es sei ihm nicht so wichtig gewesen, ob der Umsatz eine Million Euro mehr oder weniger betrage – er habe jährlich bei rund 40 Millionen gelegen, davon maximal ein Viertel aus der Zyto-Herstellung. „Das habe ich tatsächlich als authentisch empfunden“, sagte Schiffer.

Psychologe: Den Apotheker belasten die Diskussionen über ihn

Der Apotheker habe versichert, er würde nie etwas tun, was Menschen schädige – sein Beruf sei es, zu helfen. S. belaste derzeit das Bild, das in der Öffentlichkeit über ihn bestünde: Der Apotheker habe den Begriff „Monster“ benutzt. Er sehe wenig Möglichkeiten, das gerade zu rücken. Doch Schiffer erklärte, er habe S. auf die Möglichkeit hingewiesen, in der Hauptverhandlung des Prozesses auszusagen.

Auch einen erneuten Antrag der Verteidigung, das Verfahren um drei Wochen zu unterbrechen, um sich auf die Befragung Schiffers zu Widersprüchen zum früheren psychiatrischen Gutachten Faustmanns vorzubereiten, wies das Gericht ab. Obwohl laut dem Staatsanwalt der Vorschlag, Schiffer als Gutachter zu beauftragen, von der Verteidigung kam, zeigte sie sich überrascht, dass es sich um einen Psychologen handelt – und keinen Mediziner. Verteidiger befragten den Gutachter zur Medikation von S. mit Schmerzmitteln, welche laut Schiffer jedoch keine Auswirkungen auf die Tests haben sollten. Er erklärte außerdem, er habe den Apotheker vor der Befragung ausführlich aufgeklärt.

Nebenkläger und andere an dem Skandal Interessierte trafen sich am Mittwochabend zur vorerst letzten der monatlichen Demonstrationen, mit denen sie auf die ihrer Ansicht nach mangelhafte Aufklärung des Falls aufmerksam machten. Am heutigen Donnerstag wird der Prozess fortgesetzt, es sind jedoch keine weiteren Zeugen geladen.



Hinnerk Feldwisch-Drentrup, Autor DAZ.online
redaktion@daz.online


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