Magdalene Linz und die Gehe zum GKV-Papier

„Die Kassen wollen Strukturen zerschlagen“

Berlin - 13.06.2018, 14:40 Uhr

Gehe-Chef Peter Schreiner meint, dass die Kassen mit ihrem Positionspapier den Willen zeigen, Strukturen zu zerschlagen. (Foto: Gehe)

Gehe-Chef Peter Schreiner meint, dass die Kassen mit ihrem Positionspapier den Willen zeigen, Strukturen zu zerschlagen. (Foto: Gehe)


Niedersachsens Kammerpräsidentin Magdalene Linz und der Pharmagroßhändler Gehe haben verärgert auf das Positionspapier des GKV-Spitzenverbandes zum Apothekenmarkt reagiert. In der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung erklärt Linz, dass jede dritte Apotheke bedroht wäre, wenn man das GKV-Papier 1:1 umsetzen würde. Aus Sicht der Gehe sind die Vorschläge der Kassen „unverantwortlich“, so könnten „Strukturen zerschlagen“ werden, warnt der Großhändler.

Das Positionspapier des GKV-Spitzenverbandes zum Apothekenmarkt sorgt im Apothekenmarkt weiter für Unruhe. Der Verwaltungsrat des Kassenverbandes hatte in der vergangenen Woche ein Positionspapier zur Apothekenvergütung und zur Apothekenstruktur beschlossen, dass es in sich hatte: In dem Papier fordern die Kassen die Umsetzung weiter Teile des Honorargutachtens der Agentur 2HM. Am Apotheken- und Großhandelshonorar soll demnach mehr als 1 Milliarde Euro pro Jahr gespart werden. Das Fixhonorar der Apotheker solle auf unter 6 Euro abgesenkt werden, während die prozentuale Marge angehoben und gleichzeitig gedeckelt wird, so die Forderung der Kassen. Was die Versorgungsstruktur betrifft, fordert der Verband die Aufhebung des Fremd- und Mehrbesitzverbotes, Selektivverträge mit Versendern, Apothekenbusse und die Stärkung der Telepharmazie.

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In der vergangenen Woche hatte sich schon die ABDA heftig beschwert: DAV-Chef Fritz Becker bezeichnete das Papier als „patientenfeindlich“ und „absurd“. Die Apothekengewerkschaft Adexa reagierte ebenfalls und forderte mehr Engagement der ABDA gegen die Kassenforderungen und hinterfragte, ob es nicht Proteste geben sollte. Nun hat sich auch Niedersachsens Kammerpräsidentin Magdalene Linz in der Hannoverschen Allgemeinen zu Wort gemeldet. Mit Blick auf die vorgeschlagenen Maßnahmen im Kassenpapier erklärte die Apothekerin: „Wenn das so käme, wäre mindestens jede dritte Apotheke in ihrem Bestand bedroht.“

Linz schätzt, dass eine Umsetzung jede Apotheke pro Jahr etwa 40.000 Euro kosten würde. „Das würde insbesondere die Kollegen in kleineren Orten und in prekären Lagen in den Großstädten treffen.“ Die Kammerpräsidentin wies in dem Bericht darauf hin, dass eine durchschnittliche Apotheke einen Umsatz von 2,3 Millionen Euro im Jahr erziele und ein Betriebsergebnis von 143.000 Euro. Zwei Drittel aller Apotheken würden allerdings weniger erwirtschaften als der Durchschnitt, 60 Prozent der Pharmazeuten kämen auf weniger als 100.000 Euro Ertrag. Dabei sei die Versorgungslage schon heute in einigen Bereichen angespannt: „Im Harz, in der Heide und in Ostfriesland müssen die Menschen schon heute mehrere Kilometer fahren, um ihre Rezepte einzulösen“, sagt Linz.

Gehe: 30 Millionen Euro weniger

In einer Mitteilung äußerten sich auch der Apotheker-Beirat der Gehe-Kooperation „gesund leben“ und die Unternehmensführung kritisch. Der Beiratsvorsitzende Christian Flössner erklärte: „Das oberste Ziel des GKV-Spitzenverbandes sollte es sein, den Patienten in den Mittelpunkt zu stellen. Einsparungen von mehr als einer Milliarde Euro bei den Apothekern konterkarieren dieses Ziel jedoch zutiefst. Nur wem das Patientenwohl nicht am Herzen liegt, fordert derartige Einsparungen. Offensichtlich möchten die Kassen gut funktionierende Strukturen zerschlagen.“  

Es könne nicht die wichtigste Aufgabe der Kassen sein, „Geldberge anzuhäufen“. Vielmehr sollten sie die Versorgung unterstützen. „Absolut kontraproduktiv sind dagegen Forderungen, beispielsweise das Leistungsspektrum von Apotheken abspecken oder die Öffnungszeiten reduzieren zu wollen. Vielmehr sollten Kassen ihre Anstrengungen im Bereich der Prävention verstärken. Hier kann die Apotheke künftig eine zentrale Rolle einnehmen“, so Flössner.

Gehe-Chef Dr. Peter Schreiner erklärte zudem, dass der Großhändler bei einer Umsetzung der Kassenforderung Millionenbeträge verlieren würde. „Die vom GKV-Spitzenverband geforderten Einsparungen würden die Gehe jährlich mehr als 30 Millionen Euro kosten. Auf dieser Basis lässt sich ein zuverlässiger vollversorgender Pharmagroßhandel nicht betreiben.“ Zur Erklärung: Die Agentur 2HM hatte vorgeschlagen, die prozentuale Marge der Großhändler von derzeit 3,15 Prozent auf 0,53 Prozent abzusenken, den Fixzuschlag aber leicht zu erhöhen. Die Gehe hatte kürzlich eine gegenteilige Forderung ins Spiel gebracht: Der Fixzuschlag soll demnach von derzeit 70 Cent auf 96 Cent steigen.



Benjamin Rohrer, Chefredakteur DAZ.online
brohrer@daz.online


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1 Kommentar

Bedrohung

von Reinhard Rodiger am 13.06.2018 um 16:57 Uhr

„Wenn das so käme, wäre mindestens jede dritte Apotheke in ihrem Bestand bedroht.“ Zitat Magdalene Linz

Es ist zwar schön, wenn aus der Standesführung sich mal jemand öffentlich meldet.Doch es sollte auch richtig sein.Wenn schon das Gutachten von 25% gefährdeten Apotheken ausgeht, dann kann der Entzug von 1 Mrd nicht nur noch weitere 10 % gefährden.Die genannte Zahl ist also viel zu niedrig und entspricht der, mit der sowieso still gerechnet wird.Entzug von 1Mrd gefährdet zusätzlich mindestens den doppelten Anteil.Also zusammen 75%.
Derartige Fehleinschätzungen sind besonders bei sonstigem Schweigen weder zielführend nachhilfreich- sie schaden erheblich.Nichts ist gefährlicher als schwer korrigierbare Einschätzungen.Sie werden genauso zurückgespielt wie die Negierung des Gutachtens.

Die echte Bedrohung ist irreführender oder fehlender Kommentar.

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