Apothekenketten, Versand-Verträge, Apothekenbusse

Einstimmig: Kassen fordern drastische Kürzungen am Apothekenhonorar  

Berlin - 06.06.2018, 13:00 Uhr

Der GKV-Spitzenverband hat am heutigen Mittwoch ein fast historisches Papier zur Änderung der Apothekenstruktur beschlossen. (Foto: Imago)

Der GKV-Spitzenverband hat am heutigen Mittwoch ein fast historisches Papier zur Änderung der Apothekenstruktur beschlossen. (Foto: Imago)


Der Verwaltungsrat des GKV-Spitzenverbandes hat am heutigen Mittwoch einstimmig das Positionspapier „Neuordnung der Apothekenstrukturen und -vergütung“ beschlossen. Damit beauftragt das Gremium den Vorstand, die enthaltenen Forderungen in der Politik zu vertreten. Eines der wichtigsten Eckpunkte in dem Papier ist, die Apotheken- und Großhandelsvergütung drastisch abzusenken, um mehr als 1 Milliarde Euro zu sparen. Auch die Apothekenstruktur wollen die Kassen in vielen Teilen aufbrechen und deregulieren.

Ohne eine einzige Gegenstimme oder Enthaltung – so stimmte am heutigen Mittwoch der Verwaltungsrat des GKV-Spitzenverbandes über das Positionspapier zur „Neuordnung der Apothekenstrukturen und -vergütung ab“. Die vorangegangene Aussprache über das Dokument dauerte nur wenige Minuten. So leitete der Verwaltungsratsvorsitzende Dr. Volker Hansen den Apotheken-Tagesordnungspunkt mit den Worten ein, dass das Papier intensiv beraten worden sei und nun unverzüglich beschlossen werden solle.

Mehr zum Thema

Papier zur „Neuordnung der Apothekenstrukturen“

Krankenkassen wollen eine Milliarde Euro am Apothekenhonorar sparen

Beier: „Keine historisch gewachsenen Strukturen unterstützen“

Verwaltungsrat-Mitglied Angelika Beier, Vertreterin der AOK-Hessen, begrüßte die rasche Entscheidungsfindung sowie den Inhalt des Positionspapiers. Es sei eine erfreuliche Erkenntnis, dass sich im Falle einer Umsetzung der Forderungen eine Wirtschaftsreserve von mehr als einer Milliarde Euro erschließe, ohne die flächendeckende Arzneimittelversorgung zu gefährden. Zudem sei auch aus ihrer Sicht die Existenz der Vor-Ort-Apotheken nicht durch den Versandhandel bedroht. „Es kann nicht darum gehen, historisch gewachsene Strukturen zu unterstützen“, so Beier.

Der einstimmige Beschluss des Verwaltungsrates bedeutet nun, dass der Vorstand des GKV-Spitzenverbandes den Auftrag hat, die in dem Papier enthaltenen Forderungen in Politik und Öffentlichkeit zu vertreten.

Kassenverband will eine Milliarde an der Apothekenvergütung sparen

Über den Inhalt des Positionspapiers hat DAZ.online vor wenigen Tagen berichtet. Der Kassenverband greift mit seinen Forderungen Kernelemente des Honoargutachtens des Bundeswirtschaftsministeriums auf. Eine der Kernforderungen ist es, das Fixhonorar der Apotheker sowie die Großhandelsvergütung drastisch zu absenken, wodurch sich nach Berechnungen des Kassenverbandes ein Einsparpotenzial von mehr als 1 Milliarde Euro ergebe. Einen konkreten Wert nennt der Kassenverband für die Absenkung des Fixums nicht. Der Verband schreibt aber auch, dass die prozentuale Marge erhöht und gleichzeitig gedeckelt werden müsse, damit die Apotheker an Hochpreisern nicht zu viel verdienen. Diese Forderungen hatten auch im 2HM-Gutachten gestanden.

Des Weiteren stellt sich der GKV-Spitzenverband vor, die Apothekenstruktur zu deregulieren und beispielsweise das Mehr- und Fremdbesitzverbot aufzuheben.Mit Blick auf die sinkende Apothekenzahl stellt der Kassenverband in seinem Papier fest, dass die Kassen nicht für das Überleben jeder einzelnen Apotheke zuständig und verantwortlich seien. Um die entstehenden Versorgungslücken zu schließen, schlagen die Kassen mehrere neue Versorgungsformen vor, wie etwa die Tele-Pharmazie, die bürokratische Entlastung von Fililapotheken (Apotheke Light) oder Apothekenbusse.

Stackelberg: Neue Regierung trägt Gröhes Kurs nicht mit

Außerdem stellt der Kassenverband in dem Dokument klar, dass der GKV-Spitzenverband in einem Rx-Versandverbot keinen Sinn sieht. Auch das Vorstandsmitglied Johann-Magnus von Stackelberg griff das Rx-Versandverbot zu Beginn der heutigen Verwaltungsratssitzung auf. Es werde in der Politik intensiv diskutiert, auch innerhalb der Union. Dafür sprächen unter anderem die Alternativvorschläge von CDU-Politiker Michael Hennrich. „Die feste Meinung Gröhes wird von der jetzigen Regierung nicht mehr mitgetragen“, so von Stackelberg.

Mehr zum Thema:

In den kommenden Wochen und Monaten werden die Lobbyisten des GKV-Spitzenverbandes also bei den Gesundheitspolitikern im Bundestag vorsprechen, um ihre nun beschlossenen Ideen vorzutragen. Dabei dürften sie jedoch nicht bei allen Fraktionen auf Verständnis stoßen. Was die Aufhebung des Fremd- und Mehrbesitzverbotes betrifft, ist nur die FDP auf der Seite der Kassen. Die Positionierung zum Versandhandel stimmt mit den Forderungen der Grünen und FDP überein. Die Absenkung und die Einsparungen am Apothekenhonorar waren bislang von keiner Fraktion im Bundestag aufgegriffen worden.



Dr. Bettina Jung, Apothekerin, Redakteurin DAZ.online
redaktion@daz.online


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11 Kommentare

Übrigens

von Karl Friedrich Müller am 06.06.2018 um 17:39 Uhr

Lieber Staat,
Wenn Apotheken 1,5 Mrd weniger Gewinn haben, seit Ihr mit mindestens 750 Mio weniger dabei (Steuern)
Das ist es Euch aber wert, gell?
Apotheken vernichtet, Versorgung gefährdet.
Man könnte mit dem Geld auch was sinnvolles anstellen.
Aber nicht in dem Staat. Hier herrscht die Bürgerferne und die Rechthaberei, Entscheidungen ohne Wissen.
Krankenkassen, Politiker, ABDA kommen mir vor wie strunzdumme Buben, die feixend am Ast sägen, auf dem sie sitzen.

Widerlich, nur noch widerlich.

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Wer im Glashaus sitzt, sollte eigentlich nicht mit Steinen werfen...

von Kerstin Kemmritz am 06.06.2018 um 16:41 Uhr

so hieß es jedenfalls lange Zeit. Und der GKV (bzw. ihrem Spitzenverband), der man sicher alles Mögliche, nur keine moderne, kostensparende, auf das Patientenwohl ausgerichtete Struktur nachsagen kann und die sich gerade mit der Wiederherstellung der paritätischen Beitragszahlung auch gegen das letzte (oder eher: erste) Bisschen Wettbewerb erfolgreich gewehrt hat, sollte da eigentlich mit gar nichts um sich werfen.

In Zeiten der digitalen Allerwelts-Meinungs-Verbreitung gewinnt allerdings meist der das Spielchen, der Halb-, Wahr- und Unwahrheiten als Erster und am lautesten herausposaunt. So lange wir beim Stichwort "Apothekenhonorar" als erstes 2hm und GKV finden, haben die alles richtig und wir vieles (oder alles?) falsch gemacht. Es leben die alternativen Fakten!

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Krieg den Kassen

von Pascal Seidel am 06.06.2018 um 15:44 Uhr

Die Krankenkassen verhöhnen uns Apotheker schon seit Jahren! Deshalb sollten wir endlich mal mit dem von der ABDA praktizierten Gesäusel "unsere Freunde die Krankenkassen" aufhören und diesen mal den bürokratischen Krieg erklären!
Unsere Standesvertretung wird nichts tun!!! Müllen wir doch die Krankenkassen mit Wunscharzneimitteln über die Rezeptabrechnung zu, dass diese endlich mal spüren was bürokratischer Aufwand wirklich bedeutet! Dann übernehmen wir den postalischen Weg für die Abrechnung für den Patienten. Diese 0,70 Cent sollten es uns Wert sein diesen bürokratischen Sessel... endlich mal den Kampf anzusagen. Nur müssen wir auch mal an einem Strang ziehen und nicht immer jammernd auf unsere Standesvertretung hoffen!

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Kassen fordern drastische Kürzungen am Apothekenhonorar

von Bo am 06.06.2018 um 15:25 Uhr

Tut mir leid, aber so einen "Dünnschiss" können sich doch nur die Sesselfurzer ausdenken. Zuerst sollte man die überschüssigen Milliardengewinne der Kassen und der Pharmaindustrie einkassieren und nicht versuchen, jede kleine Apotheke platt zu machen. Ich wünsche keinem etwas schlechtes, aber die Leute die so etwas fordern, sollte vielleicht mal eine lebensbedrohliche Krankheit treffen, damit sie merken, welch einen Schwachsinn sie von sich geben, oder ??????????????????

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Kassen fordern....

von Elke Dresia am 06.06.2018 um 15:15 Uhr

"Der einstimmige Beschluss des Verwaltungsrates bedeutet nun, dass der Vorstand des GKV-Spitzenverbandes den Auftrag hat, die in dem Papier enthaltenen Forderungen in Politik und Öffentlichkeit zu vertreten."------- super! Vielleicht sollten wir auch einmal etwas einstimmig beschließen, um unsere Leistungen in Politik und Öffentlichkeit zu vertreten .... So kann es doch nicht weiter gehen!!!!Wann handelt unsere Standesführung endlich??????

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warum nicht?

von Dr. Stephan Hahn am 06.06.2018 um 15:15 Uhr

Warum eigentlich lassen wir uns unsere Leistungen nicht vom Kunden bezahlen? Wenn das Sachleistungsprinzip gilt, haben Honorare im Arzneimittelpreis auch nichts zu suchen, Rabatte aber auch nicht. Oder werden dann Selektivverträge mit den bestbietenden Apotheken abgeschlossen, wie sie auch für EU-Versandapotheken gefordert werden? Honorare müssten dann ähnlich wie für die Ärzte nach Art der Dienstleistung ausgehandelt werden und bestimmt werden, was Kassenleistung ist oder nicht. Ich wünsche mir dann als Reaktion in der Tat den Ruf nach einer Bürgerversicherung auf staatlicher Grundlage steuerfinanziert. Dann hat zumindest dieser Spuk ein Ende... Was machen die da eigentlich für en Fass auf, wissen die Kassen überhaupt, dass sie mit der von Ihnen ausgelösten Lawine selbst fortgespült werden können??

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GKV Spitzenverband fordert...

von Peter Kaiser am 06.06.2018 um 14:53 Uhr

Die Wetrschöpfung der Apotheken beträgt 2,2 % an den Gesamtausgaben der GKV - wie beschränkt müssen die Personen im GKV Spitzenverband sein. Wenn es keine Apotheken mehr gibt, merken die das finanziell gar nicht.

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Denn sie wissen, was sie tun (außer ABDA)

von Karl Friedrich Müller am 06.06.2018 um 14:18 Uhr

Einsparungen bei Apotheken UND Großhandel dürften bei den Apotheken mit über 1,5 Mrd Verlust durchschlagen.
Das bedeutet im Schnitt pro Apotheke über 75.000€.
Mindestens
Das heißt, dass nicht nur die Betriebe verschwinden, die sowieso gefährdet sind, sondern etliche mehr.
Das ist eine Erklärung zum totalen Krieg gegen Apotheken.
Sehe nur keinen Grund.
Keine „historisch gewachsenen Strukturen unterstützen“?
Dazu gehören auch die Krankenkassen.
Heißt das: Man will das ganze System schleifen?
Wann genau gehen die KK mit gutem Beispiel voran und kürzen die Gehälter um 80%, damit die Entlohnung gleich ist wie bei den Apotheken?
ABDA? Kann man die zwingen, mal zu reagieren? Schadenersatz, wenn die Vorstellungen durchkommen sollten?
Eine APO (=außerparlamentarische Opposition) gründen? Selbst Anwälte und Fachleute beauftragen? Das würde auch eine Amtsenthebung der ABDA einschließen.
Es gibt genug Expertisen, Hilfen, auch in der DAZ, die belegen, was für ein Machwerk das Honorargutachten ist. Von der ABDA ignoriert.
Die SPD und die Gutachter gehören verklagt.
Es ist der Wahnsinn, was wir uns von unseren „Partnern, Kollegen und Freunden“ gefallen lassen sollen. Klaglos, wortlos, demütig.
Ich habe fertig.

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Kassen fordern drastische Kürzungen am Apothekenhonorar

von Peter Büehler am 06.06.2018 um 13:58 Uhr

Wann kommt das Positionspapier der Apotheker zu den Krankenkassen? Aktuelles Beispiel Österreich: Dort wird die Regierung aus 21 Kassen 5 machen. Der analoge Vorschlag für Deutschland würde mindestens 10 Milliarden Einsparungen bringen. Wann werden wir endlich mal Aggression mit Aggression beantworten? Wir erleben doch täglich, wie die "kranken Kassen" mit uns verfahren!!!

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AW: Kassen fordern drastische Kürzungen am

von Detlef Eichberg am 06.06.2018 um 14:13 Uhr

Endlich, endlich mal eine Stimme, die der historisch internalisierten Hierarchie-Unterwürfigkeit unserer Spezies - "Bite-bitte tut uns nichts, wir machen auch alles was ihr wollt" - beherzt entgegen tritt. Danke Herr Kollege Büehler (der Name steht so über dem Kommentar - mit "üe").

AW: Kassen fordern drastische Kürzungen am Apothekenhonorar

von Dr. Petra Hermening am 07.06.2018 um 8:50 Uhr

Dem kann ich nur zustimmen !
Vielen Dank für diesen Denkanstoß, der nur leider nicht weiterverfolgt werden wird. Oder doch ? Liebe ABDA, werden Sie nun endlich reagieren ?

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