DAZ.online-Themenwoche Digitalisierung

Alle fürchten Amazon

München - 06.06.2018, 17:35 Uhr

Wie könnte Amazon seine Marktmacht im deutschen Apothekenmarkt ausbreiten? (Foto: Imago)

Wie könnte Amazon seine Marktmacht im deutschen Apothekenmarkt ausbreiten? (Foto: Imago)


Der US-Online-Handelsgigant Amazon ist immer für Überraschungen gut – auch im Gesundheitssektor. Wiederholt hat der Konzern in den vergangenen Jahren gezeigt, dass er mit dem Pharma- und Apothekengeschäft liebäugelt. Insbesondere in den USA meinen viele Branchenexperten und Analysten, dass Amazon dank seiner Digitalexpertise die Märkte radikal verändern und schnell eine dominierende Position aufbauen könnte, wenn die etablierten Unternehmen nicht bald zukunftsträchtige und nachhaltige Antworten finden. Eine aktuelle Studie zeigt, dass der Handelsgigant auch für Apotheker zur Gefahr werden könnte.

Es war ein erster, aber markanter Schritt, den Amazon in Richtung Arzneimittelhandel machte: Im Mai 2017 startete der Online-Handelsgigant in München eine Kooperation mit der „Bienen-Apotheke“. Seitdem können Kunden über Amazons „Prime Now“-Dienst neben Lebensmitteln, Spielsachen und Elektroartikeln auch OTC-Arzneimittel und apothekenexklusive Waren wie Kosmetik ordern, die sie innerhalb von einer Stunde, alternativ auch in einem Zwei-Stunden-Fenster, erhalten. Während der eigentliche Absender die Bienen-Apotheke ist, bringt Amazon die Bestellung zum Empfänger. Die Apotheke verschafft dem Internetriesen damit einen Einstieg in den Arzneimittelmarkt. Beobachter fragen sich: Was kommt als Nächstes?

Wenn es um die Themen Digitalisierung und Marktdominanz geht, kommt man an Amazon nicht vorbei. Verständlich, dass auch Pharmahändler und Apotheker beim Gedanken an den Online-Giganten in Hab-Acht-Stellung gehen – denn Amazon hat in der Vergangenheit mehrfach gezeigt, dass sich der Konzern in neuen Geschäftsfeldern innerhalb kurzer Zeit eine starke Marktposition erarbeiten kann. Dank seiner Expertise in digitalen Technologien, seiner Logistikkompetenz und den bestehenden globalen Versandzentren kann das von Jeff Bezos gegründete Unternehmen auf ein enormes Know how und eine hervorragende Infrastruktur zurückgreifen.

Stets für Überraschungen gut

Dass man bei Amazon auf Vieles gefasst sein muss, zeigte auch die Ankündigung vom Januar 2018, gemeinsam mit der US-Großbank JP Morgan und der Investmentgesellschaft Berkshire Hathaway eine eigene Krankenkasse gründen zu wollen – in erster Linie, um die Gesundheitsversorgung der eigenen mehr als 1,1 Millionen Mitarbeiter zu übernehmen, aber auch, um mittelfristig allen Amerikanern eine Versicherung anzubieten.

„Die immer stärker steigenden Gesundheitskosten wirken wie ein hungriger Bandwurm in der amerikanischen Wirtschaft“, kommentierte der Investmentprofi und Vorstandschef von Berkshire Hathaway, Warren Buffett, diesen Schritt. „Wir akzeptieren dies nicht als unvermeidlich.“ Das dürften insbesondere die etablierten US-Versicherer wie auch die sogenannten Pharmacy Benefit Manager (PBM), die als Vermittler für Versicherer Preise mit den Pharmaherstellern aushandeln, mit Sorge vernommen haben. Als Mittelsmänner im US-Gesundheitssystem verdienen diese Akteure bislang bestens und tragen zumindest zum Teil zum hohen Niveau der US-Gesundheitsausgaben bei. Deren Geschäfte wären bei einem großflächigen Markteintritt von Amazon, Berkshire und JP Morgan in Gefahr.

Amazons Optionen: Eigene Versandapotheke?

Mit der Übernahme der weltweit größte Bio-Supermarktkette, Whole Foods, für 13,7 Milliarden Dollar bewies Amazon im vergangenen Jahr zudem, dass der Konzern auch vor richtig dicken Brocken nicht zurückschreckt. Beobachter halten es außerdem für möglich, dass der Onlinehändler über diesen stationären Vertriebsweg künftig auch Arzneimittel verkauft. Immerhin erklärte Amazons Finanzchef Brian Olsavsky im Oktober 2017 während eines Telefonats mit Analysten: „Wir experimentieren bei Whole Foods mit verschiedenen Formaten. Ich glaube, dass uns Whole Foods eine tolle Basis und einen schnellen Start für neue Geschäftsmöglichkeiten gibt.“ Bemerkenswert ist, dass Olsavskys Antwort auf eine Frage eines Analysten folgte, ob Amazon erwäge, in den mehr als 400 Whole Foods-Geschäften in den USA eine physische Apotheken-Präsenz aufzubauen.

Für Unruhe sorgte im Herbst 2017 auch die Nachricht, dass Amazon eine Reihe von Fachleuten aus dem Gesundheitssektor eingestellt hat. Während dieses Team anfangs aus sieben bis acht Personen bestanden haben soll, ist es nach einem Bericht des Marktforschungsunternehmens Leerink im Januar 2018 auf mittlerweile 30 bis 40 Personen angewachsen.

Zudem hatte der Konzern ein Projekt namens 1492 ins Leben gerufen, das Anwendungen in der Telemedizin entwickeln soll. Zuvor hatte Unternehmenschef Jeff Bezos selbst erklärt, dass Amazons digitale Assistenten Echo und Alexa in der Kommunikation mit Ärzten und Patienten eingesetzt werden könnten. Kurzzeitig grassierte 2017 auch das Gerücht, Amazon könnte als Käufer des Arzneimittelhändlers Shop Apotheke auftreten – eine Falschmeldung, offenbar der Nervosität im Markt geschuldet.

Untersuchung von Goldman Sachs

Vor diesem Hintergrund hatte im Herbst 2017 die US-Bank Goldman Sachs analysiert, wie ein Eintritt von Amazon in den Gesundheitsmarkt und insbesondere in den Arzneimittelversand im Detail aussehen könnte. Dabei haben die Analysten fünf verschiedene Szenarien aufgezeichnet und deren Pros und Contras gegeneinander abgewogen. Einen besonderen Fokus richteten die Autoren auf den Pharmavertrieb, denn der Markt der verschreibungspflichtigen Arzneimittel mit einem globalen Umsatzvolumen von 560 Milliarden Dollar könnte für Amazon ein lukratives Geschäftspotenzial darstellen. Zudem sei diese Branche wie geschaffen für den Handelsriesen: Bestellungen von Arzneimitteln aufnehmen, diese verarbeiten und den Versand nachverfolgen sei ein Geschäft, das Amazon im Kern beherrsche. Damit der Eintritt in den Arzneimittelversand gut gelingt, hielten es die Analysten für am wahrscheinlichsten, dass sich Amazon mit einem erfahrenen Partner zusammentut – ein Vorgehen, das der Konzern bereits bei früheren Gelegenheiten angewendet hatte.

Baut Amazon eine eigene Online-Apotheke auf?

In einem weiteren Szenario haben die Bankanalysten den Aufbau einer eigenen Online-Apotheke durch Amazon unter die Lupe genommen. Amazon, so Goldman Sachs, könnte in diesem Umfeld gleich mehrere Vorteile ausspielen: So könnte der Konzern die besten Anwendungen seiner Webseite auf den Online-Verkauf von Arzneimitteln übertragen und dabei die bislang durchschnittliche Lieferzeit deutlich verkürzen. Ein einfacher Bestellprozess und die genaue Nennung des Lieferzeitpunktes beim Kunden wären weitere Vorzüge.

Allerdings verschwiegen die Analysten nicht, dass ein solcher Schritt auch Herausforderungen mit sich bringe. So sei laut Goldman Sachs eine erhebliche Einkaufsmacht nötig. Außerdem sei ein guter Zugang zu Entscheidern und Kunden wichtig – ein Geschäft, das in den USA stark in den Händen der Pharmacy Benefit Manager liege. Aus Sicht der Bankanalysten wäre es deshalb am wahrscheinlichsten, dass sich Amazon – sollte der Konzern in dieses Geschäft einsteigen – sich mit einem dieser PBM zusammentun könnte. Darüber hinaus sahen nach einem Bericht des Branchendienstes Pharmacy Times Analysten zuletzt Anzeichen, dass Amazon seine Pläne für einen Einstieg in den Pharmavertrieb aufgrund hoher Markteintrittshürden erstmal zurückstellen könnte. Dies, ergänzten die Journalisten von Statnews, gelte insbesondere für das Geschäft mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln.

Amazon als Großhändler?

Auch die Analysten des New Yorker Finanz-Dienstleisters Cowen haben im vergangenen Jahr Überlegungen angestellt, wie sich Amazon auf dem Gebiet der Gesundheit breit machen könnte. Danach könnte sich der Konzern insbesondere seines Prime- und Prime-Now-Dienstes wie auch der Bio-Lebensmittelkette Whole Foods und der existierenden Kundenbeziehungen bedienen. Nach Zahlen von Cowen würden von den rund 55 Millionen US-Prime-Kunden immerhin 67 Prozent bei Amazon auch verschreibungspflichtige Arzneimittel bestellen.

Angesichts dieser Annahmen und Zahlen versuchten die Analysten, das künftige potenzielle Gewicht von Amazon im Pharmamarkt zu ermitteln. Demnach könnte der Konzern im Jahr 2019 einen Marktanteil von einem Prozent bei einem Umsatz von drei Milliarden Dollar erreichen. Bis zum Jahr 2023 könnte der Marktanteil auf vier Prozent steigen, der Umsatz dürfte nach dieser Kalkulation bei immerhin zehn Milliarden Dollar liegen – Akquisitionen nicht berücksichtigt.

Erwerb von Großhandels-Lizenzen

Dass der Gesundheitsbereich in den Köpfen der Amazon-Manager eine wichtige Rolle spielt, zeigt auch die Tatsache, dass der Konzern im vergangenen Jahr in mehreren US-Bundesstaaten das Recht erworben hat, als Großhändler in der Arzneimittelbelieferung aktiv werden zu dürfen. Branchenexperten halten es für möglich, dass dies die Grundlage für Amazons Einstieg in eine großflächige Belieferung mit Arzneimitteln sein könnte.

Auch bei den Lieferarten müssen sich die Marktteilnehmer mit Blick auf Amazon auf Neues und Unerwartetes einstellen. Ende 2013 hatte der Konzern medienwirksam angekündigt, online bestellte Waren künftig auch per Lastendrohne ausliefern zu wollen. Mittlerweile ist das Unternehmen auf der technischen Ebene weit vorangekommen, eine breite Einführung in dicht besiedelten Ländern Europas oder den USA steht aber offenbar noch nicht an. Nach Angaben eines Amazon-Sprechers gebe es vor allem auf regulatorischer Ebene noch viele offene Fragen.

Der Wettbewerb kann damit kurz aufatmen, sich aber keinesfalls entspannen. Der Marktforscher Leerink jedenfalls glaubt, dass es nicht die Frage sei, ob Amazon in das Geschäft mit der Gesundheit einsteigen werde, sondern wann.

Sempora-Studie: Amazon genießt bei Apothekenkunden eine hohe Akzeptanz

Eine aktuelle Konsumenten-Umfrage der Consulting-Firma Sempora zeigt, dass Amazon auch hierzulande offenbar großes Wachstumspotenzial im Apothekenmarkt hätte. Demnach haben fast ein Drittel der Befragten bereits nach Medikamnten bei Amazon gesucht. 18 Prozent haben sogar schon OTC-Arzneimittel dort bestellt. 45 Prozent der Befragten gaben an, die OTC-Eigenmarkte von Amazon zu kaufen, die es derzeit allerdings nur in den USA gibt. Und auch diese Zahlen sind eindrucksvoll: Sempora hat auch bei Herstellern und Apothekern danach gefragt, ob der Handelsgigant hierzulande in den Markt einsteigen wird. 83 Prozent der befragten Hersteller und knapp die Hälfte der Apotheker glauben, dass dies geschehen wird.



Thorsten Schüller, Autor DAZ.online
redaktion@daz.online


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2 Kommentare

Amazon

von Alexander Zeitler am 07.06.2018 um 4:17 Uhr

Kann das denn sein?
Alle vermuten in den deutschen Apotheken DIE GEWINNE.
Lang , lang ists her.
Die kleinen Apotheken halten sich gerade so über Wasser. und finden dann für ihre "ertragsstarken" Apotheken KEINEN Nachfolger.
Und Amazon muss seine Lieferungen ggf. zurücknehmen. Was machen die dann mit den Arzneimitteln?

» Auf diesen Kommentar antworten | 1 Antwort

AW: Amazon

von Heiko Barz am 07.06.2018 um 11:59 Uhr

Glauben Sie, dass dieser Konzern sich nationalen Gesetzesvorgaben unterwirft? Man merkt doch wie weichgekloppt unsere Politische Ebene jetzt schon ist, wenn es um strickte Einhaltung der juristischen Grundlagen geht.
Wenn da nur einer mit dem Zauberwort "Digitalisierung " aufläuft, dann werden alle Türen geöffnet.
Natürlich wäre die Rückführung der Arzneimittel zum Versandhändler ein für diese Unternehmens-Sparte unrealistisches Szenario, da mit unkontrollierbaren und hohen Verlusten zu rechnen ist. Außerdem müßten in solchem Fall überstaatliche "Pharmazieräte" dort als Kontrolleure aufschlagen. ?.......?

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