Kommentar

Digital-Eigentor für die ABDA

Berlin - 29.05.2018, 13:05 Uhr

Bundesapothekerkammer-Präsident Andreas Kiefer meint, dass die teilweise Aufhebung des Fernbehandlungsverbotes keinerlei Auswirkungen auf die Apotheken habe werde. Aber ist das nicht zu kurz gedacht? (Foto: Imago)

Bundesapothekerkammer-Präsident Andreas Kiefer meint, dass die teilweise Aufhebung des Fernbehandlungsverbotes keinerlei Auswirkungen auf die Apotheken habe werde. Aber ist das nicht zu kurz gedacht? (Foto: Imago)


Die teilweise Aufhebung des Fernbehandlungsverbotes bewegt nicht nur die Ärzte, sondern auch die Politik und viele andere Bereiche im Gesundheitswesen. Die ABDA hingegen sieht keinen Handlungsbedarf: Für die Apotheker ändere sich nach dem Ärztetag-Beschluss nichts, teilte die Standesvertretung mit – obwohl es Ansätze zur Beteiligung der Apotheke vor Ort bereits gibt. Mit dieser Argumentation macht die ABDA nicht nur einen sachlichen Fehler, sondern läuft Gefahr, eine nicht mehr aufzuhaltende Entwicklung zu verschlafen und sie in fremde Hände zu geben, meint DAZ.online-Chefredakteur Benjamin Rohrer.

Für das Gesundheitswesen waren die Beschlüsse des diesjährigen Ärztetages revolutionär: Mit großer Mehrheit beschloss er eine Neufassung des § 7 Absatz 4 der (Muster-) Berufsordnung für die in Deutschland tätigen Ärztinnen und Ärzte. Konkret soll die ausschließliche Fernbehandlung auch ohne vorherigen persönlichen Erstkontakt „in Einzelfällen“, und wenn es medizinisch-therapeutisch zu vertreten ist, erlaubt sein.

Dass dieser Beschluss das gesamte Gesundheitswesen bewegt, zeigte sich schon im Vorfeld: Etliche ärztliche Video- oder Telefonberatungsmodelle sprossen aus dem Boden, zwei Landesärztekammern änderten ihre Satzungen und immer mehr Unternehmen widmeten sich auch der Frage, wie man den fernbehandelten Patienten am Ende der Video-Beratung ein Rezept zukommen lassen könnte. Für GKV-Patienten gibt es da noch keine einfache Lösung, schließlich muss das Rezept in Papierform vorliegen. DrEd praktiziert den Rezept-Versand schon seit Jahren aus dem Ausland. Allerdings gilt seit einiger Zeit, von Modellprojekten abgesehen, ein Fernverordnungsverbot und Apotheken in Deutschland dürfen die Rezepte nicht beliefern. Und mit dem E-Health-Unternehmen Vitabook gibt es jetzt auch hierzulande ein Modell, das allerdings mehr als fragwürdig ist.

Kurzum: Da ist was los im Markt. Da bewegt sich was. Wäre es nicht gut, die Apotheker an einer solchen Entwicklung aktiv zu beteiligen? Die ABDA meint: Nein. In einer Pressemitteilung zur Eröffnung des Pharmacon-Kongresses in Meran schickte die Standesvertretung der Apotheker am gestrigen Montag einige Zitate von Bundesapothekerkammer-Präsident Andreas Kiefer in die Welt hinaus, die auch bei vielen Apothekern für Verwunderung sorgen dürften: „Die beste Art der Gesundheitsversorgung ist und bleibt persönlich und unmittelbar – auch in den öffentlichen Apotheken. Daran ändert auch der Beschluss des Deutschen Ärztetags zum Fernbehandlungsverbot nichts. Weil nach ausschließlicher Fernbehandlung auch nach Vorstellung der Bundesärztekammer keine Rezepte ausgestellt werden dürfen, ändert sich für Apotheken nichts.“

Nicht alles Neue ist auch gleichzeitig gut

Klar ist: Nicht alles, was neu ist, ist auch gleichzeitig gut. Aber sollte man bestimmte Entwicklungen nicht lieber mitgestalten, als das den DrEds und Vitabooks dieser Welt zu überlassen? Hinzu kommt, dass Kiefers Aussage teilweise auch falsch ist. So behauptet der BAK-Präsident, dass der Ärztetag sich neben der Aufhebung des Fernbehandlungsverbotes dafür ausgesprochen habe, dass Rezepte weiterhin nicht online ausgestellt werden dürfen. Richtig ist, dass es auf dem Ärztetag zwar einen solchen Antrag gab – der wurde aber nicht beschlossen, sondern nur zur weiteren Beratung an den Vorstand überwiesen.

Die Kiefer-Aussage könnte sich mittel- bis langfristig aber auch zum Nachteil für den Berufsstand entwickeln. Denn die ABDA stellt damit sinngemäß klar: Wir werden uns an den neuen Formen der Telemedizin nicht beteiligen! Schon aus politischer Sicht ist das keine vielversprechende Taktik: Schließlich sitzt mit Jens Spahn (CDU) ein Minister im Bundesgesundheitsministerium, der neue, digitale Versorgungsformen unterstützen will und den Apothekern in der Vergangenheit mehrfach signalisiert hat: Spielt mit, macht uns Erneuerungsvorschläge, sonst wird an euch vorbei erneuert.

Telemedizin geht auch mit Apothekern

Die Aussage ist aber auch deswegen bedenklich, weil die ABDA damit schlichtweg übersieht, was im Markt passiert. In Baden-Württemberg startete kürzlich das Versorgungsmodell Teleclinic, bei dem (bislang nur privatversicherte) Patienten nach der ärztlichen Video-Beratung ein Online-Rezept erhalten, dass sie an eine Apotheke vor Ort weiterleiten können, damit es dort eingelöst wird – und NUR dort. Auch die Noweda entwickelt derzeit ein ähnliches Modell, bei dem der Kunde Online-Bestellungen über seine bekannte Vor-Ort-Apotheke einlöst. Diese Projekte zeigen, dass es Apotheker gibt, die diese Entwicklung mitgehen möchten und sich fragen: Warum sollte man dieses Feld den ausländischen Versand-Konzernen überlassen? Die ABDA hingegen schließt dieses neue Versorgungs- und Geschäftsfeld von vornherein aus für die Apotheker.

Und auch mit Blick auf die Zufriedenheit der Patienten, dürfte sich die ABDA mit diesem Kurs ein Eigentor einfangen: Denn es dürfte nicht leicht zu erklären sein, dass Ärzte zwar per Video-Schaltung beraten dürfen, der Patient für das Rezept nach der Beratung aber doch noch einmal in die Praxis muss. DAZ.online wollte von der ABDA wissen, wie man sich den praktischen Ablauf eines solchen Beratungsgespräches vorstellt und wie man dem Patienten diesen Widerspruch erklären könne. Die Antwort von BAK-Präsident Kiefer: „Über Fragen der ärztlichen Berufsausübung entscheiden die Ärzteschaft und ihre Gremien.“



Benjamin Rohrer, Chefredakteur DAZ.online
brohrer@daz.online


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5 Kommentare

Überlebt die Deutsche Apotheke?

von Heiko Barz am 30.05.2018 um 11:28 Uhr

Wie wird es denn laufen, wenn es neben der Telemedizin auch zur Telemedikation kommt.
Frau Müller und Herr Schulze bestellen ein Tele-Rezept beim Doc Meier. Wenn die Praxishelferin ( sie wird ein entscheidender Faktor werden ) den Patienten fragt, ob das Medikament nach Hause geschickt werden soll, wird das natürlich begeistert bejaht. Beim möglichen Beisatz: welche Apotheke? Wird sicherlich anfänglich die eine oder andere Stamm-Apotheke dabei sein. Aber schneller als wir uns das vorstellen, werden DOMO und CO mit der ihnen bekannten "Marketingstruktur" ( Boni, Rezeptbefreiung etc ) solchen Druck auf die Arztpraxen und auch KKassen ausüben ( !!! ), dass besondere Zuwendungen - ich mach dir ein Angebot, dass du nicht ablehnen kannst - nicht ohne Reaktion bleiben werden.
Ich weiß, das sind schlimme Worte, aber meine 50 jährige Berufserfahrung läßt mich auf Grund der exzessiven Digitalpolitik sehr sorgenvoll zurück. Nun gut, ich bin nur noch indirekt mit dieser Thematik befasst, aber was sich seit Anfang der 2000er Jahre in diesem schönen Beruf als Abwärtsspirale darstellt, läßt Bitteres für die Zukunft erahnen.
Auch einen "Shitstorm" erwartend behaupte ich , dass der Beruf des Apothekers rein analog zu sehen ist. Die Wege der Versorgung, der ausschweifenden Bürokratie und Einiges mehr werden durch "Digitales" natürlich leichter, aber der direkte Kontakt mit dem Patienten bleibt analog. Wenn aber diese Analogie durch digitale Übertreibung gebrochen wird, dann wird der Beruf, wie wir ihn erlernt haben, einen schleichenden Tod erfahren. Die ersten Ergebnisse sind mit der abnehmenden Zahl der Betriebe erkennbar, zumal bei der absoluten Betriebszahl die vielen Zeigapotheken mitgezählt werden.

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AW: Überlebt die Deutsche Apotheke

von Martin Didunyk am 30.05.2018 um 12:27 Uhr

Lieber Kollege,

in der Sache liegen Sie vollkommen richtig.
Neue Strategien müssen her.

Wir haben Alleinstellungsmerkmale in der überwältigenden Präsenz , in der bereits vorhandenen Lagerhaltung, in der "Einfachheit" uns in Anspruch zu nehmen.
Natürlich können wir die digitalen Welten betreten als
Einhorn, Katze, Enten, Elefant Apotheke sondern benötigen systemische, konzentrierte Lösungen.

Die Frage beim Arzt wäre dann:
Sie wünschen eine Lieferungen nach Hause ? ok ?
Aus Holland in 2-3 Tagen oder vom "Apothenzentrum $Dorf" heute Nachmittag ?

Dann ist bereits die logistische Frage geklärt.
Für uns erfordert es neues Denken, jenseits der eigenen Schiebetür.
Wir müssen zu einer "Platformökonomie" kommen und zwar zur eigenen.

Daß wir darüber hinaus noch eine Menge Mehr-Wertdienste haben, ist unbestritten.

Wir müssen es aber aktiv angehen.

Bisher ist unsere Denkweise eher -> ok, machen weiter wie bisher, nur eben mit Computern. Das hat wenig mit Digitalisierung zu tun und ist ohne Frage der sichere Tod.

Neu gedacht, können wir mehr, als einzelne hoch-kapitalisierte Anbieter !!

Das setzt aber voraus, außerhalb unseres "Gatters" zu denken ..... Sagte man in den 80er nicht "think out of the box" ?

Können es aber unsere ABDA, Bakterien, DAV oder haben wir bürokratische Monster, die eigentlich nur noch die Gegenwart verwalten ? Das ist die entscheidende Frage !

Eigentore und Fehlpässe

von Ulrich Ströh am 29.05.2018 um 18:31 Uhr

Rein sportlich gesehen:
Beim Fußball führen Eigentore und Fehlpässe zum Abstieg!
Und es gibt auch Fehlpässe ins eigene Tor !

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Die Bundes* luft./. Realitätsverlust

von Martin Didunyk am 29.05.2018 um 13:31 Uhr

Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist eine vorübergehende Erscheinung.

Wilhelm II

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Herr Froese !!!!

von gabriela aures am 29.05.2018 um 13:24 Uhr

Herr Froese,

bitte übernehmen Sie die Regie !
Dieses kindische Negieren der Tatsachen nicht nur unerträglich, sondern auch brandgefährlich.

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

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