Biotech-Marktstudie

Goldman Sachs: Heilung ist schlecht fürs Geschäft

Berlin - 16.04.2018, 10:00 Uhr

Goldman Sachs rät der Pharmaindustrie davon ab, Medikamente zu entwickeln, die Krankheiten vollständig heilen. Denn gesunde Menschen schmälern den Geldfluss, meinen die Analysten.  (Foto: Imago)

Goldman Sachs rät der Pharmaindustrie davon ab, Medikamente zu entwickeln, die Krankheiten vollständig heilen. Denn gesunde Menschen schmälern den Geldfluss, meinen die Analysten.  (Foto: Imago)


Drei Tipps für das „ertragreiche“ Biotech-Geschäft

Wenn Heilung nicht das Primärziel sein soll, worauf sollen sich Biotech-Unternehmen dann fokussieren? Für diese Frage hat die Investmentbank mehrere Antworten parat. So seien beispielsweise Krebserkrankungen laut Goldman Sachs ein lukrativer Markt, weil bei diesen Indikationen die Patientenzahl über einen längeren Zeitraum stabil bliebe.  

Darüber hinaus geben die Analysten ihren Pharmakunden drei strategische Ansätze auf den Weg: 

  • Zum einen sollen Unternehmen in Erkrankungen investieren, bei denen die Patientenzahl stetig zunähme. Als Beispiel zitierten die Finanzexperten den Hämophilie-Markt; der jährlich zwischen 6 und 7 Prozent wachse. 
  • Zweitens sollen die Pharmaunternehmen Produkte gegen Krankheiten entwickeln, die häufig sind und besonders schwer verlaufen wie beispielsweise Spinale Muskelatrophie. 
  • Und schließlich ist die ständige Erweiterung des Portfolios auch für das Pharmageschäft ein wichtiger Schrittmacher zum Erfolg. So gebe es noch hunderte von genetischen Erkrankungen, die sich wirtschaftlich ausschöpfen ließen.  

Wenn Investmentbanker über Gesundheit urteilen

Mit ihrer Marktstudie behandelt Goldman Sachs als fachfremde Institution ein hochsensibles Thema. In sozialen Netzwerken stößt die Denkweise der Analysten verständlicherweise auf vielfache Empörung. So schreibt ein Twitter-User (übersetzt aus dem Englischen): „Woher hat Goldman Sachs das Recht zu fragen, ob die Heilung von Menschen mittels Gentherapie lohnenswert ist?" Ein weiterer Nutzer drückt sich deutlicher aus: „Heilung ist kein Geschäftsmodell. Selbst wenn ich versuche, das differenziert zu sehen, muss ich kotzen.“ 

Als „menschenverachtend und unwürdig“ empfindet es ein Facebook-Nutzer, dass die Investmentbank die Pharmaindustrie davon abbringen will, heilende Medikamente zu entwickeln. Auch die bisherigen deutschsprachigen Medienberichte sind kritischer Natur. Beispielswiese bezeichnet die Huffington Post die Goldman Sachs-Studie als „abartig“ und der Merkur stuft diese als „unmoralisch“ ein.



Dr. Bettina Jung, Apothekerin, Redakteurin DAZ.online
redaktion@daz.online


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3 Kommentare

Gilead

von Stefan Boehnke am 28.01.2020 um 4:24 Uhr

Sehr geehrte Frau Dr. Jung,

Zum Thema Hepatitis C,Gilead, > Rumsfeld, Cash Flow > Al Shufa, Sudan

geht's hier weiter

https://www.voltairenet.org/article203324.html

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

Gelungener Artikel - jetzt sind wir alle empört

von Benjamin Zang am 18.04.2018 um 19:30 Uhr

Sehr geehrte Frau Dr. Jung,

Vielen Dank für Ihren interessanten und kurzweiligen Artikel, in dem Sie aus meiner Sicht treffend zusammenfassen dass in Banken Technologieentwicklungen oft aus einer Perspektive ohne jegliche Moral bewertet werden und dass dies nicht in Ordnung ist.

Nach Lektüre des Artikels frage ich mich alllerdings, was die Intention des Artikels ist:
1) Wenn es lediglich um das Informieren über die Bewertung der genannten Analystin ging... —> Zweck erfüllt.
2) Wenn es drüber hinaus um das Anprangern des unmoralischen Verhaltens der „fachfremden“ Banken ging... —> Zweck erfüllt.
3) Wenn es allerdings darum ging, eine über bloße Empörung hinausgehende Sensibilisierung für konkrete F&E-Felder von (aus ökonomischen Gründen) vernachlässigen Krankheiten/Wirkstoffen ging, wäre meiner Meinung mach ein weiterer Absatz sinnvoll gewesen, in dem Sie auf diese konkreten Defizite hinweisen (zumindest auf laufende Initiativen bzw aktuellen Informations-Webseiten, die sich damit beschäftigen).
4) Wenn Sie darüber hinaus vielleicht sogar ein Moment des Handelns aufbauen wollten, also die Ebene des Drüber-Redens/Schreibens als Sprungbrett zur echten Veränderung nutzen wollten, frage ich mich, warum Sie nicht die Rolle und Möglichkeiten des eigenen Berufstandes thematisieren, ggfs laufende tatsächliche Aktivitäten hervorheben oder Ideen zur Verbesserung skizzieren.

Aufgrund der Kürze des Artikels, gehe ich davon aus, dass aus Lesersicht der Zweck des Artikels mit meiner Annahme unter Punkt (2) ungefähr treffend beschrieben ist. Allerdings finde ich persönlich dies viel zu wenig. Somit reiht sich der Artikel aus meiner Sicht in die heutzutage gängige Praxis in der Berixhterstattung ein, wobei auf eine Meldung (neben deren zielgruppenspezifischer Verbreitung und Kommentierung) kurzerhand das Empörungs-Potenzial abgeschöpft wird.
Was häufig dabei entsteht, ist lediglich die heisse Luft der Empörung. Wenn Sie eine Debatte lostreten möchten, sollten Sie einen call-to-Action einbauen oder zumindest auf konkret handelnde Personen/Institutionen verweisen. Dass Banken oft un- oder amoralisch agieren, ist nichts Neues.

Danke und Beste Grüße

» Auf diesen Kommentar antworten | 1 Antwort

AW: Gelungener Artikel - jetzt sind wir alle

von Cliff am 15.09.2019 um 13:14 Uhr

Bester Kommentar den ich seit langem gelesen habe!

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