Ratgeber für Ärzte

Niedersachsen will Antibiotika-Einsatz verringern

Berlin - 06.04.2018, 13:10 Uhr

Niedersachsens Gesundheitsministerin Carola Reimann (SPD) macht Druck beim Thema Antibiotika-Einsatz. (Foto: Imago)

Niedersachsens Gesundheitsministerin Carola Reimann (SPD) macht Druck beim Thema Antibiotika-Einsatz. (Foto: Imago)


Die neue niedersächsische Gesundheitsministerin und ehemalige Vorsitzende des Gesundheitsausschusses im Bundestag, Carola Reimann (SPD), wirbt für einen geringeren Einsatz von Antibiotika in der Human- und Tiermedizin. Gemeinsam mit dem Landesgesundheitsamt, der Ärztekammer Niedersachsen und der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen hat sie die Neuauflage des Antibiotika-Ratgebers für niedergelassene Ärzte vorgestellt.

Eine möglichst zielgerichtete Antibiotika-Therapie ist wichtig, um Antibiotikaresistenzen vorzubeugen. Darauf macht die Neuauflage des Antibiotika-Ratgebers für niedergelassene Ärzte aufmerksam. Niedersachsens Gesundheitsministerin Dr. Carola Reimann stellte am 5. April 2018 bei einem Besuch des Niedersächsischen Landesgesundheitsamtes (NLGA) den aktualisierten Ratgeber vor. Dieser beinhaltet in komprimierter Form Praxistipps zur Verordnung von Antibiotika für den ambulanten Bereich. Der Ratgeber kann gegen eine Schutzgebühr von 10 Euro (inkl. Versand) über die NLGA-Homepage bestellt werden.

Reimann bekräftigte während der Vorstellung des Ratgebers dessen wichtige Funktion für die gemeinsame niedersächsische Strategie im Kampf gegen Antibiotikaresistenzen. Diese Strategie zeige bereits erste Erfolge, die nachhaltig angelegt und weiterverfolgt werden müssen. „Antibiotika müssen bei der Behandlung bakterieller Infektionskrankheiten weiter wirksam bleiben“, erläuterte die SPD-Politikerin die Notwendigkeit einer zielgerichteten Antibiotikatherapie zur Vermeidung von Resistenzbildungen. 

Die Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen, Dr. Martina Wenker, wies anlässlich der Ratgeber-Vorstellung darauf hin, dass zudem nicht jeder Patient einsehe, dass zur Behandlung von Infektionskrankheiten teilweise keine Antibiotika benötigt würden. Die Kommunikation zwischen Ärzten und Patienten könne sich in diesen Fällen eventuell schwierig gestalten. Für Abhilfe kann der eigens entwickelte Patienten-Flyer „Kein Antibiotikum! Warum?“ sorgen, den interessierte Ärzte beim niedersächsischen Gesundheitsministerium bestellen und ihren Patienten kostenfrei zur Verfügung stellen können.

Antibiotika-Ratgeber: leitliniengerechte Entscheidungshilfe

Die zweite Auflage des Antibiotika-Ratgebers gibt unter dem Titel „Rationale orale Antibiotikatherapie für Erwachsene im niedergelassenen Bereich" Empfehlungen zur Diagnostik und Therapie leichter bis mittelschwerer Infektionen. Der Ratgeber wurde laut Angaben des NLGA industrieunabhängig erstellt und berufe sich auf die aktuellen Leitlinien unter Berücksichtigung der Resistenzsituation in Niedersachsen. Er solle den im ambulanten Bereich tätigen Ärzten eine Entscheidungshilfe für einen zurückhaltenden und rationalen Antibiotikaeinsatz geben. 

Hintergrund: Leichte und mittelschwere bakterielle Infektionen werden in erster Linie ambulant behandelt. Zudem werden in Deutschland ca. 85 Prozent der Antibiotika im ambulanten Bereich verordnet. Abgebildet wird die Situation der Antibiotikaverordnungen und Resistenzbildungen in der Human- und Tiermedizin in Deutschland im Antibiotika-Resistenzatlas „GERMAP 2015“. Die Daten für diese Analyse wurden überwiegend im Zeitraum zwischen 2011 und 2013 (teilweise auch 2014) erhoben. Sie zeigen, dass sowohl im ambulanten als auch im stationären Bereich die Verordnungsraten von Antibiotika mit breitem Wirkungsspektrum nach wie vor sehr hoch sind. Positiv wird hervorgehoben, dass sich die Resistenzbildungsraten vieler bakterieller Erreger  – wenn auch auf einem hohen Niveau – stabilisiert haben.

Niedersächsische Strategie gegen Antibiotikaresistenzen

Bereits 2013 hatte das Niedersächsische Gesundheitsministerium, damals noch unter Gesundheitsministerin Cornelia Rundt (SPD), die erste Auflage des Antibiotika-Ratgebers herausgebracht. Anlass war auch damals schon, dass mit einer gemeinsamen Strategie gegen Antibiotikaresistenzen vorgegangen werden sollte. Als Eckpfeiler wurden zwei Kernpunkte angesehen: Erstens müssten Antibiotika gezielter eingesetzt und zweitens die Hygienesituation in Krankenhäusern verbessert werden.  

Der niedersächsische Strategieplan wurde von dem interministeriellen Arbeitskreis „Strategie gegen Antibiotikaresistenz" (IMAK-StArt) im Sinne einer ressortübergreifenden Herangehensweise („One-Health-Ansatz“) erarbeitet. Für den Bereich Humangesundheit war das Niedersächsische Gesundheitsministerium an der Erarbeitung beteiligt. Weitere involvierte Ministerien waren unter anderem das Landwirtschaftsministerium und das Umweltministerium Niedersachsens. 

Wichtigste Bausteine des niedersächsischen Strategieplans sind das Antibiotika-Resistenz-Monitoring in Niedersachsen (ARMIN), Hygienebegehungen in Krankenhäusern, Fortbildungsveranstaltungen für Antibiotikabeauftragte Ärzte in Krankenhäusern und regionale Netzwerke zur Bekämpfung multiresistenter Erreger (MRE-Netzwerke).  



Inken Rutz, Apothekerin, Autorin DAZ.online
redaktion@daz.online


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