BAH zu NAhrungsergänzungsmitteln

Ein Flickenteppich von Höchstmengen und viel hilft nicht viel

Berlin - 14.03.2018, 16:45 Uhr

Viele, viele bunte Nahrungsergänzungsmittel. Und jeder EU-Staat hat andere Höchstgrenzen. (Foto: fotomek / stock.adobe.com)

Viele, viele bunte Nahrungsergänzungsmittel. Und jeder EU-Staat hat andere Höchstgrenzen. (Foto: fotomek / stock.adobe.com)


Brauchen die Deutschen überhaupt NEM?

Eine viel diskutierte Frage, an der sich die Geister scheiden, lautet: Braucht eine ernährungstechnisch gut versorgte Nation wie Deutschland überhaupt NEM? Proklamiert eine Seite den „allgemein guten Ernährungszustand“ in der westlichen Welt, vertritt der Gegenpol den Standpunkt, dass Mineralstoff- und Vitamindichte unserer Lebensmittel zu gering für eine ausreichend Versorgung seien.
Die Wahrheit liegt wohl, wie so oft, in der Mitte. „Trotz des allgemein guten Ernährungszustands gibt es einzelne Nährstoffe, bei denen die durchschnittlich empfohlenen Zufuhr nicht erreicht wird“, sagt Schraitle. Beispielhaft führt die Leiterin der Abteilung Arzneimittelzulassung und – sicherheit beim BAH Vitamin K, Folatäquivalente und Vitamin D an. Auch bei den Mineralstoffen Selen, Jod und Kalium bestehe eine durchschnittliche Unterversorgung.

Vitaminzufuhr über die herkömmliche Ernährung in Deutschland

(Quelle: BAH - Abb. 3 in Weißenborn et al. 2018)

Mineralstoffzufuhr über die herkömmliche Ernährung in Deutschland

(Quelle: BAH - Abb. 4 in Weißenborn et al. 2018)

„Will man entscheiden, ob Nahrungsergänzungsmittel sinnvoll oder überflüssig sind, dann hängt es nicht vom Produkt ab, sondern vom Menschen, der sie nimmt und von dessen individuellem Versorgungszustand“, erklärt Schraitle. Die pauschale Aussage „NEM sind grundsätzlich überflüssig“ treffe den Sachverhalt nicht.

Wer profitiert von NEM und wer nicht lässt sich nicht sagen

Werden NEM meist auf präventiven Gründen, auf Verdacht, eingenommen, müssen die Grenzen der Vitamine und Mineralstoffe eine große Grätsche schaffen: „Sie müssen hoch genug dosiert sein, um Versorgungsdefizite in der Ernährung auszugleichen und gleichzeitig dürfen sie nur so hoch enthalten sein, dass Personen, die bereits ausreichend versorgt sind, keine Überdosierung riskieren", sagt Schraitle. Ein sportliches Unterfangen, denn: „Kein Mensch weiß um den tatsächlichen Versorgungsstatus,“ergänzt sie.

Apotheker wichtig für NEM-Beratung

„Das Produktmerkmal 'hochdosiert' scheint immer noch als Qualitätskriterium verstanden zu werden", gibt Schraitle zu bedenken. Diese Erwartungshaltung bei den Kunden versuchen manche Hersteller durch einen „Wettlauf der hochdosierten Vitamin- und Mineralstoffprodukte" zu erfüllen – der in unterschiedlichen EU-Ländern natürlich aufgrund der uneinheitlichen Regelung unterschiedliche Gewinner hat. Nach Ansicht des BAH ist diesem unfairen und für den Kunden verwirrenden Wettkampf leicht beizukommen: europaweit einheitliche Grenzwerte. Für die Hersteller hätte dies zweifellos auch Vorteile: Sie könnten ein Präparat im ganzen EU-Markt vertreiben.

Solange keine europaweit einheitlichen Grenzwerte gelten, werde es immer Produkte mit Höchstdosierungen im Markt geben, ist Schraitle überzeugt. „Hier sind Fachleute wie Apotheker gefragt. Sie sollten mit ihrer heilberuflichen Expertise den Verbraucher über den Wert und die Vorteile moderat dosierter Nahrungsergänzungsmittel aufklären", findet die Expertin für Arzneimittelsicherheit. Denn: Auch wenn lange die Meinung vorherrschte, dass Produkte umso wertvoller seien, je mehr Mineralstoffe und Vitamine sie enthielten – diese Beweise sind Wissenschaft und Industrie bislang schuldig: „Viel hilft nicht immer viel".



Celine Müller, Apothekerin, Redakteurin DAZ.online (cel)
redaktion@daz.online


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