Bottroper Skandal

Amtsapothekerin: Zyto-Apotheke wurde jahrelang nicht kontrolliert

Essen - 01.02.2018, 07:00 Uhr

Der angeklagte Apotheker Peter S. lässt sich von vier Strafverteidigern vertreten, er selber schweigt bislang. (Foto: hfd / DAZ.online)

Der angeklagte Apotheker Peter S. lässt sich von vier Strafverteidigern vertreten, er selber schweigt bislang. (Foto: hfd / DAZ.online)


Über Jahre keine Inspektionen?

Auf die Frage des Nebenklage-Vertreters Goldbach, ob es von 2012 bis 2015 dann überhaupt Inspektionen in Apotheken gegeben habe, antwortete L. „Nein. Ich bin mir ziemlich sicher: Nein.“ So habe sie auch das Zyto-Labor von S. ab 2011 nicht kontrolliert. Hätte man es nach den neuen Regeln geprüft, hätte man „nur Mängel“ gefunden, erklärte die Amtsapothekerin: Schon baulich habe das Labor nicht den Anforderungen entsprochen.

Offenbar um zumindest zukünftig den Anforderungen zu genügen, reichte S. im Januar 2015 Unterlagen für ein neues Reinraumlabor ein, das er im Keller in Räumlichkeiten auf der gegenüberliegenden Straßenseite einrichten wollte. „Er hat das dann aus meiner Sicht unheimlich schnell realisiert“, sagte L. Im Juli habe sie schon die Aufforderung vom Bauamt erhalten, eine Stellungnahme zu erstellen, im Dezember hätten Fachfirmen bereits die Mikrobiologie und Lufttechnik getestet. „Das ganze Jahr über habe ich kontinuierlich von ihm Unterlagen dazu erhalten“, sagte die Amtsapothekerin, die sie auch an die Bezirksregierung weitergeleitet hätte. Sie hätten dem Apotheker Anmerkungen und Korrekturen zurückgeschickt.

Am 19. Januar 2016 seien diese Räumlichkeiten im Zuge einer Begehung – wiederum zusammen mit der Bezirksregierung – offiziell zu Apothekenbetriebsräumen geworden, sagte L. Sowohl von ihr als auch der Bezirksregierung seien einige Mängel vorgebracht worden – doch auch drei wesentliche Probleme habe S. schnell abgestellt: Das Bekleidungskonzept sei zwar schlüssig gewesen, aber im Qualitätsmanagementsystem nicht ausreichend genau beschrieben worden, auch seien Reinigungsmittel nicht steril gewesen. Außerdem habe es Probleme mit den Herstellungsprotokollen gegeben, erklärte L. – „da fehlten noch Sachen“, erklärte sie zunächst allgemein. Auf Nachfrage sagte die Amtsapothekerin, nicht alle nötigen Angaben seien protokolliert worden. Doch innerhalb weniger Tage meldete S., die Mängel seien behoben – woraufhin L. ohne weitere Besichtigung den Betrieb freigab.

Besuch eines PTA-Ausbilders

Auf die Frage, ob es Beschwerden von dritter Seite über die Apotheke gab, überlegte die Amtsapothekerin lange. Es habe nach einer Beanstandung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) einmal eine Anhörung zu einem Thalidomid-Rezept gegeben, erklärte sie dann, bei dem bei einem Durschlag ein Kreuz gefehlt hätte – doch habe S. hier keine Schuld getroffen. Erst auf direkte Konfrontation erklärte sie, dass sie im April 2016 von einem Mitarbeiter der PTA-Schule Castrop-Brauxel besucht worden sei, der sie darauf aufmerksam machen wollte, dass Zytostatika-Anbrüche in der Apotheke von Peter S. zu lange verwendet worden seien. Ein Kollege wie auch sie hätten dem Herrn jedoch erklärt, dass dies bundesweit so gemacht werde – und das Vorgehen unbedenklich sei, erklärte L. vor Gericht.  

Auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters erläuterte sie auch, wie sie von den Vorwürfen gegen S. gehört habe: Ende September habe ein Mitarbeiter der Kriminalpolizei sie persönlich sprechen wollen und von der zunächst anonymen Anzeige des Whistleblowers Martin Porwoll berichtet, nach der S. Zytostatika unterdosieren würde. Es sei Wert darauf gelegt worden, dass möglichst wenige Personen von den Ermittlungen erfahren, damit S. nicht vorgewarnt wird, erklärte L. – sie sei gebeten worden, nicht einmal die Rechtsabteilung der Stadt Bottrop zu informieren. Bei der Razzia und Inhaftierung von S. am 29. November 2016 habe sie insbesondere dafür sorgen sollen, dass die Ermittlungskräften im Reinraumlabor keinen Schaden erleiden. Außerdem habe sie die Anordnung getroffen, „dass das ab sofort geschlossen ist“, sagte L. Der Vater von S. sei als vertretender Leiter bestimmt und die Zyto-Versorgung über eine andere Apotheke organisiert worden.

Dann beschrieb die Amtsapothekerin, welches Bild sich ihr bot: „In der Apotheke waren sehr viele Substanzen, im Lagerraum war alles sehr, sehr gefüllt“, erklärte L. zu ihren Eindrücken von der Razzia. Im Kühlschrank seien Anbrüche nicht mit den Anbruchzeiten gekennzeichnet gewesen. Außerdem sei ein weiterer Raum vorgefunden worden, den sie nicht kannte – kein offizieller Apothekenbetriebsraum. In diesem Raum seien die Dokumentation und auch Arzneimittel gelagert worden, sagte die Amtsapothekerin. „Ich war überrascht.“



Hinnerk Feldwisch-Drentrup, Autor DAZ.online
redaktion@daz.online


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2 Kommentare

Zyto Apotheke

von Alexander Zeitler am 02.02.2018 um 4:17 Uhr

Da sieht man, dass auch ein PHrat nix verhindert. Die machen kleinen Apotheken das leben schwer. Aber wo es um Leben und Tod geht....
Hatte auch Chemos, zum Glück nicht von Peter S.
Verweise auaf Markus Lanz von gestern abend. Da sass eine Betroffene. Sie hat von der Chemo keine Nebenwirkungen mehr. Bekam sie Chemo oder nur Kochsalz? Was muss in der Frau vorgehen?
Dieses Verfahren muss weg aus dem Betrug .
Letztendlich geht es doch um Tötungsdelikte. und Peter S. wollte mal Priester werden........aber bei ca. 54 Mio bleibt alles auf der Strecke. Pfui Teufel

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Schockierend

von Pavel am 01.02.2018 um 15:50 Uhr

Es ist tatsächlich so: Eine Döner-Bude wird strenger kontrolliert als eine Zyto-Apotheke. Viel wichtiger ist es der amtlichen Kontrolle, eine Helferin im HV auf frischer Tat beim Verkauf einer Packung Aspirin zu erwischen. Gute Nacht Deutschland. Die Schlafwagenbehörde gehört dringend entmistet. Unhaltbare Zustände, ein Offenbarungseid der Kontrollaufsicht. Sofort absetzen.

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