Sylvia Gabelmann (Linke)

„Die Kassen sind ein Selbstbedienungsladen der Pharmaindustrie“

Berlin - 27.02.2018, 11:15 Uhr

Sylvia Gabelmann, Apothekerin und Arzneimittelexpertin der Linksfraktion, beschwert sich über zu hohe Arzneimittelpreise. (Foto: Imago)

Sylvia Gabelmann, Apothekerin und Arzneimittelexpertin der Linksfraktion, beschwert sich über zu hohe Arzneimittelpreise. (Foto: Imago)


Gabelmann: Pharmaindustrie hat einen zu großen Einfluss

Sylvia Gabelmann, die für die Linken neu ins Parlament eingezogene Apothekerin, ist verärgert über die Preisentwicklung im Arzneimittelbereich – und über das Vorgehen der Bundesregierung dazu. Gegenüber DAZ.online erklärte sie: „Die Preise, besonders für neue Arzneimittel, sind in den letzten Jahren dramatisch angestiegen. Die alte und die neue GroKo haben keine Antworten darauf, dass die Krankenversicherung immer mehr zum Selbstbedienungsladen der Pharmaindustrie wird. Die Gesetze zur Preisbegrenzung sind so löchrig, dass sie am Ende viel zu wenig bringen.“

Gabelmann fordert daher, dass die Preise neuer Arzneimittel sich künftig auch an den Hersteller-Ausgaben für Produktion und Entwicklung orientieren sollten. Wörtlich erklärte sie: „Der Preis für Arzneimittel, deren Zusatznutzen belegt ist, sollte sich hauptsächlich an Produktions- und Entwicklungskosten orientieren. Wenigstens sollte der therapeutische Nutzen sichergestellt sein. Wenn aber der therapeutische Fortschritt sich insgesamt in Grenzen hält, und die Preise neuer Medikamente trotzdem explodieren, funktioniert das System nicht.“

Letztlich vermutet die Linken-Politikerin, dass der aktuelle Zustand auch aufgrund des Drucks der Pharmaindustrie auf die Politik bestehe: „Das deutet nicht zuletzt auf einen massiven Einfluss der Pharmaindustrie auf das Verordnungsverhalten der Ärzte und Ärztinnen hin. Die Bundesregierung verschließt davor die Augen.“



Benjamin Rohrer, Chefredakteur DAZ.online
brohrer@daz.online


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1 Kommentar

Die Kassen sind KEIN Selbstbedienungsladen der Pharmaindustrie

von Thomas Hammerschmidt am 28.02.2018 um 8:48 Uhr

Preise neuer Arzneimittel von vor 10 Jahren mit denen neuer Arzneimittel von heute zu vergleichen macht wenig Sinn, da es sich um Medikamente für andere Indikationen mit unterschiedlichen Behandlungskosten handel. Man kann die Preise neuer immunonkologischer Präparate nicht sinnvoll in Beziehung setzen mit DPP4-inhibitoren, die vor 10 Jahren neu waren. Sicherlich erscheinen die Kosten neuer onkologischer Präparate sehr hoch. Aber diese sind zwischen Industrie und GKV-Spitzenverband verhandelt und somit für beide Seiten akzeptabel. Wenn Gesundheitspolitik (und auch immer wieder der GKV-Spitzenverband) mehr Möglichkeiten zur Preisregulierung wünschen, muss die Poltik (und zwar auch die Opposition) endlich Farbe bekennen: Wie viel möchte unsere GKV-Versichertengemeinschaft denn zahlen für ein Medikament, dass bei Krebspatienten im Endstadium das Leben bei dem Krankheitszustand entsprechender Lebensqualität um 6 Monate verlängert? Nur wenn diese normative Frage beantwortet wird, können wirtschaftlch begründete Preise verhandelt werden.

Zudem: Die Ausgaben der GKV für Arzneimittel sind in den vergangenen 10 Jahren um 3,3% pro Jahr gestiegen - wobei allein die Zahl verordneter Tagesdosen um 3,4% pro Jahr stieg. Die Gesamtausgaben der GKV für alle Leistungen und Verwaltung wuchsen im gleichen Zeitraum um 4,2% pro Jahr. Offenbar wirken AMNOG (trotz allen Reformbedarfs) und Rabattausschreibungen besser als dies von der Politik wahrgenommen wird.

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