BfArM-Empfehlung

Paracetamol bleibt Mittel der Wahl in der Schwangerschaft

Berlin - 24.01.2018, 09:00 Uhr

Das OTC-Analgetikum Paracetamol in der Schwangerschaft steht unter wissenschaftlicher Beobachtung. Die bisherige Datenlage zur Beeinflussung der Kindesentwicklung bieten jeodoch keinen Anlass für eine Kontraindikation. (Bild: nd3000 stock.adobe.com)

Das OTC-Analgetikum Paracetamol in der Schwangerschaft steht unter wissenschaftlicher Beobachtung. Die bisherige Datenlage zur Beeinflussung der Kindesentwicklung bieten jeodoch keinen Anlass für eine Kontraindikation. (Bild: nd3000 stock.adobe.com)


Eine aktuelle im „European Psychiatry“ veröffentlichte Beobachtungsstudie zeigt einen möglichen Zusammenhang zwischen der pränatalen Paracetamol-Exposition und der sprachlichen Entwicklungsverzögerung bei Mädchen. Die Fallzahlen dieser schwedischen Kohortenstudie waren allerdings sehr gering. Experten identifizieren zudem Limitationen in der Methodik. Deshalb lässt das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) die Empfehlung, dass Paracetamol in der Schwangerschaft angewendet werden darf, bestehen.

Vor Kurzem veröffentlichte das Journal „European Psychiatry“  eine schwedische Kohortenstudie, welche die Auswirkungen der Paracetamol-Einnahme in der Schwangerschaft auf die sprachliche Entwicklung der Kinder untersuchte. Die Autoren entdeckten bei  Mädchen eine positive Korrelation zwischen der Paracetamol-Einnahme der Mütter in der Schwangerschaft und einer sprachlichen Entwicklungsverzögerung. Bei Jungen wurde ein nicht-signifikanter Trend für eine Risikominderung entdeckt, der sich aber nicht plausibel erklären lässt.

Verzögerte Sprachentwicklung bei wenigen Mädchen

Insgesamt waren die Fallzahlen in dieser Beobachtungsstudie sehr gering. Ausgewertet wurde die sprachliche Entwicklung der Kinder von 754 Frauen. Davon hatten nur 446 der Mütter zwischen der 8. und 13. Schwangerschaftswoche angegeben, Paracetamol genommen zu haben. Eine verzögerte Sprachentwicklung lag nach Definition der Autoren dann vor, wenn  der aktive Wortschatz des Kindes im Alter von 30 Monaten unter 50 Worten lag.

Dies war lediglich bei 64 Kindern, 39 Jungen und 15 Mädchen, der Fall. Bei den pränatal mit Paracetamol exponierten Mädchen war das absolute Risiko für eine verzögerte Sprachentwicklung um 5,3 Prozent erhöht. Aufgrund der sehr geringen Fallzahlen reichte die Obergrenze des Konfidenzintervalls in den zweistelligen Bereich (1,02 – 21,05), was für eine geringe Präzision der Aussage spricht.

Zusätzlich wurden in einer Subanalyse auch 111 Urinproben ausgewertet, welche die Schwangeren zu Studienbeginn bereitgestellt hatten. Die gemessenen Paracetamol-Konzentrationen wurden in vier Quartile eingeteilt. In dem Quartil mit der höchsten Konzentration bestand eine positive Korrelation zu dem Risiko für die Töchter, eine sprachliche Entwicklungsverzögerung zu bekommen. Da nicht alle Studienteilnehmerinnen eine Probe abgegeben hatten, war die statistische Basis dieser Teilauswertung noch dünner und das Konfidenzintervall dementsprechend breiter (1,37 – 77,86).

Limitationen der schwedischen Kohortenstudie

Nach Ansicht von Prof. Dr. Christof Schaefer vom Pharmakovigilanz- und Beratungszentrums für Embryonaltoxikologie an der Berliner Charité haben die Urinproben schon aufgrund des Messzeitpunktes nur eine bedingte Aussagekraft. „Ein Urintest zum Studieneintritt erlaubt keine Bewertung der Paracetamoleinnahme im gesamten vorangehenden Trimenon. Zur Ursachenforschung einer Sprachentwicklungsverzögerung müssen zahlreiche potentiell einflussnehmende Faktoren vor und nach Geburt berücksichtigt werden, was in dieser Studie offenbar nicht geschah“, erläutert der Leiter des Pharmakovigilanz- und Beratungszentrums. 

In ihrer Schlussfolgerung weisen die Autoren auf die insgesamt geringe statistische Power Ihrer Untersuchung hin und räumen ein, dass zur Bestätigung der Ergebnisse umfangreichere Daten vorliegen notwendig seien.

Dr. Wolfgang E. Paulus, Oberarzt und Leiter der Beratungsstelle für Reproduktionstoxikologie der Universitätsfrauenklinik Ulm teilt diese Einschätzung.  „Zunächst muss man festhalten, dass die vorliegende Studie angesichts der sehr begrenzten Fallzahlen nur für die höchsten Dosen von Paracetamol statistisch klare Aussagen über das Auftreten von Sprachverzögerungen zulässt. Für eine aussagekräftige Beurteilung der gesamten kognitiven Entwicklung wären größere Kollektive mit längeren Beobachtungszeiträumen hilfreich“, erklärt das außerordentliche Mitglied in der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft.

Paracetamol weiterhin für Schwangere erlaubt

Für das BfArM bilden die Ergebnisse der schwedischen Kohortenstudie keinen Anlass, die bisherige Empfehlung zur Anwendung von Paracetamol in der Schwangerschaft zu ändern. Aus Behördensicht ergänzen die vorliegenden Daten zwar den Stand der Wissenschaft, reichen jedoch nicht aus, um die Empfehlung von Paracetamol als Analgetikum der Wahl in der Schwangerschaft auszuschließen.

Das BfArM weist jedoch auf die sorgfältige Nutzen-Risikoabwägung beim Medikamenteneinsatz in der Schwangerschaft hin. „Wie alle Arzneimittel sollte Paracetamol in der Schwangerschaft nur nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung und wenn möglich nach Rücksprache mit einem Arzt angewendet werden. Ist die Einnahme von Paracetamol oder anderer Schmerzmittel in der Schwangerschaft aus medizinischer Sicht erforderlich, sollte die Einnahme mit der niedrigsten wirksamen Dosis und für die kürzeste Dauer erfolgen, die für die Behandlung der Schmerz- oder Fiebersymptomatik notwendig sind.“

Unter den rezeptfreien Schmerzmitteln steht für Schwangere neben Paracetamol noch Ibuprofen zur Verfügung. Allerdings darf Ibuprofen nur in den ersten beiden Schwangerschaftsdritteln angewendet werden.

Paracetamol in der Schwangerschaft unter Beobachtung

In letzter Zeit sind mehrere wissenschaftliche Publikationen erschienen, die sich mit der Beeinflussung der neuronalen Entwicklung durch die Einnahme von Paracetamol in der Schwangerschaft befassen. Wie beispielsweise ein in der zweiten Januarwoche im Journal im „Hormones and Behaviour“ erschienener Review. Dabei stellten die Autoren des Reviews einen möglichen Zusammenhang zwischen dem  Auftreten von Autismus, Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) oder Intelligenzminderung  und der pränatalen Paracetamol-Exposition her.

Auch die Behörden beobachten das Risikopotenzial des Analgetikums seit geraumer Zeit. „Die Thematik frühkindlicher Entwicklungsstörungen nach Anwendung von Paracetamol in der Schwangerschaft war bereits mehrfach Gegenstand von Risikobewertungen auf europäischer Ebene im Ausschuss für Risikobewertung (PRAC), zuletzt im Jahr 2017. Der PRAC kam nach sorgfältiger Bewertung zu dem Ergebnis, dass die oben genannten Anwendungsempfehlungen zur Anwendung von Paracetamol in der Schwangerschaft weiterhin gültig sind“, berichtet das BfArM.



Dr. Bettina Jung, Apothekerin, Redakteurin DAZ.online
redaktion@daz.online


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