Ökotest

Sind Lippenpflegestifte aus der Apotheke besser?

Stuttgart - 08.01.2018, 07:00 Uhr

Was stört Ökotest bei Lippenpflegestiften von Avène und La Roche-Posay? (Bilder: Hersteller | Montage: DAZ.online)

Was stört Ökotest bei Lippenpflegestiften von Avène und La Roche-Posay? (Bilder: Hersteller | Montage: DAZ.online)


Die Lippen sind spröde, reißen auf, bluten – es ist Winter. Was gegen die pergamentartigen, kaputten Lippen hilft, sind fettende Lippenpflegestifte, denn Lippen weisen nur vereinzelt Talgdrüsen auf. Avène, La Roche-Posay, Weleda oder Labello? Welcher Lippenpflegestift ist frei von Paraffinen und aromatischen Mineralöl-Kohlenwasserstoffen? Ökotest hat die „Labellos“ getestet, die auch viele Apotheken in ihrem Kosmetik-Sortiment haben.

Glaubt man Ökotest, verspeisen wir Lippenpflegestifte – und das nicht zu knapp. Angeblich gelangen durch Abschlecken etwa vier „Labellos“ in unseren Magen-Darm-Trakt. Pro Jahr. Da ist es natürlich begrüßenswert, wenn diese vier unfreiwillig zur Kulinarik mutierten Lippenpflegestifte nicht gerade giftige oder gesundheitlich bedenkliche Inhaltsstoffe enthalten. Das findet auch Ökotest durchaus untersuchenswert – und hat, passend zur kalten, die Lippen doch sehr beanspruchenden Winterzeit, 24 Lippenpflegestifte getestet.
Ökotests Augenmerk lag dabei weniger auf dem erwünschten pflegenden Effekt, den die praktischen Sticks erreichen sollen, sondern vielmehr auf unerwünscht enthaltenen Mineralöl-Kohlenwasserstoffen.

Überraschen dürfte nicht, dass sich unter den 24 getesteten Lippenpflegeprodukten auch Apothekenware befand – Avène, La Roche-Posay, Eucerin, Weleda, Dr. Hauschka, Neutrogena, die „Kugel“ von Eos. Auch den namengebenden Klassiker „Labello“ führen manche Apotheken. Sind die Lippenpflegeprodukte aus der Apotheke besser oder schlechter als Drogerie-Discount-Lippenstifte? Oder genauso gut wie bebe, Blistex oder Lavera? Wir werden es erfahren.

Paraffine und aromatische Kohlenwasserstoffe: gefährlich?

Zunächst ein kleiner chemischer Ausflug zu MOAH und MOSH. Was verbirgt sich hinter den Abkürzungen? MOSH steht für Mineral Oil Saturated Hydrocarbons, sprich gesättigte Mineralöl-Kohlenwasserstoffe. Organische Chemie, Grundstudium: Paraffine als offenkettige Kohlenwasserstoffe und Naphtene als cyclische Kohlenwasserstoffe. 
Der ähnliche Namensvetter MOAH ist auch chemisch nicht weit von MOSH entfernt – den kleinen aber feinen Unterschied machen die Doppelbindungen. MOAH sind aromatische Mineralöl-Kohlenwasserstoffe, Mineral Oil Aromatic Hydrocarbons. MOAH enthalten mindesten einen aromatischen Ring.

Sowohl MOSH als auch MOAH sind natürlich vorkommende Bestandteile des Erdöls. Die Mineralöle werden aus diesem durch Destillation gewonnen. 
So weit so gut. Nur warum stört sich Ökotest an diesen Mineralöl-Bestandteilen? In ihrem Lippenpflegebeitrag argumentieren die Verbraucherschützer, MOSH (Paraffine, Naphtene) zeigten in Tierversuchen Leberschäden. MOAH seien als Verunreinigungen in deklarierten Inhaltsstoffen wie Paraffin zu finden und könnten bereits in geringen Mengen krebserregend sein.

Welche Lippenpflegestifte aus der Apotheke enthalten kein Mineralöl?

Gekauft, getestet, ausgewertet: Welche Lippenpflegestifte schneiden nach den Kriterien von Ökotest gut ab und verdienen eine Empfehlung? Sind die teuersten Lippenpflegeprodukte von L'Occitane, Dr. Hauschka und Eos auch wirklich die besten?

Frei von Paraffinen oder Mineralölbestandteilen sind gar nicht so wenige Lippenpflegeprodukte. Über der Hälfte der getesteten Lippenpflegestifte attestieren die Verbraucherschützer Mineralöl-Freiheit. Wer seinen Apothekenkunden also von Paraffinen und aromatischen Kohlenwasserstoffen freie Pflegestifte empfehlen möchte, kann beruhigt auf Dr. Hauschka Lippengold oder die Weleda Everon Lippenpflege zurückgreifen. Auch der auffällig kugelig gestaltete Eos Visibly soft Kokosmilch Lippenbalsam ist frei von Mineralölbestandteilen.

Lippenpflege von Dr. Hauschka, Weleda, Eos erhalten Bestnoten

Am Pflegestift von Dr. Hauschka hatte Ökotest auch sonst nichts zu beanstanden: „weitere Mängel“ – nein. Allerdings müssen die gesundheitsorientierten Kunden für den Naturkosmetikstift auch recht tief in die Tasche greifen. Wala möchte 7,50 Euro dafür. Hinsichtlich der Bewertung mit Dr. Hauschka vergleichbar, ist der Lippenpflegestift von L’Occitane en Provence. Auch manche Apotheken führen die etwas exklusivere Kosmetikmarke aus Frankreich. L’Occitane 10 % Shea Butter Ultra Rich Lip Balm ist ebenfalls frei von Mineralölen und Ökotest findet bei L'Occitane auch keine weiteren Mängeln. Das entlockt den Verbraucherschützern das Gesamturteil „sehr gut“. Und das lässt sich L’Occitane aber auch ähnlich hochpreisig wie Wala bezahlen – und verlangt 8 Euro für seinen Shea-Butter-Stift.

BfR zu Mineraölen in Kosmetika

Was sagt das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) zu Mineralölen in Kosmetika? In der Tat beschäftigt sich das BfR seit geraumer Zeit mit der Fragestellung, ob Paraffine in Mineralölen ein Risiko für die Gesundheit darstellen. Nach aktuellem Datenstand – der allerdings nicht lückenlos ist – kommt das BfR zum Schluss, dass „gesundheitliche Risiken für Verbraucher durch die Aufnahme von Mineralölen in Kosmetika über die Haut unwahrscheinlich“ sind. Außerdem seien Auswirkungen auf die Gesundheit durch Mineralölkomponenten in kosmetischen Produkten bislang nicht berichtet.

Das „sehr-gut“-Urteil genießt allerdings keine Exklusivrechte bei Dr. Hauschka und L'Occitane. Den ersten Platz in der Gesamtbewertung teilen sich die beiden mit Weleda Everon Lippenpflege, Eos Visibly soft Kokosmilch Lippenbalsam, den Pflegestiften der Drogerien Rossmann, Dm und Müller - Alterra Naturkosmetik Lippenpflege Bio-KamilleAlverde Lippenpflege Bio-Calendula und Aveo Lippenpflege Classic. Auch das häufig in Alnatura-Supermärkten erhältliche Lavera-Produkt, Lavera Basis Sensitiv Lippenbalsam, darf sich über Note eins freuen.

Umkarton bei Lippenpflege gibt Abzug für Weleda und Neutrogena

Selbst wenn Weledas Everon und die Eos-Lippenpflegekugel mit auf dem Siegertreppchen stehen, haben die Verbraucherschützer hier Gründe zu meckern. Bei beiden auch in Apotheken erhältlichen Lippenpflegeprodukten moniert Ökotest den Umkarton. Den erachten die Verbraucherschützer nur bei Glasartikeln als sinnvoll, nicht jedoch bei Lippenstiften aus Kunststoff. „Wie nötig ist eigentlich eine Schutzhülle aus Pappe oder Plastik?“ fragt Ökotest. Hier büßen Weleda und Eos positive Bewertungspunkte ein – wie die meisten anderen Lippenpflegestifte auch, so von Rossmann, Dm, Müller und Lavera.

Tatsächlich verzichten nur wenige Anbieter von Lippenpflegestiften auf eine Kartonage um den Stick: Dr. Hauschka, L’Occitane, aber auch die Apothekenpflegestifte von La Roche-Posay, Eucerin und Avène. Neutrogena hingegen verpackt offenbar ganz gern – und kassiert hier einen Minuspunkt, was allerdings wohl nicht der einzige Grund zum Meckern war, betrachtet man das schlechteste Gesamturteil „ungenügend“.

Zusätzlich zum Verpackungsaspekt irritiert Ökotest auch noch ein weiterer Punkt bei Weledas Everon Lippenpflege: So deklariert der Naturkosmetikhersteller aus Schwäbisch Gmünd artig die – angeblich – enthaltenen Aromastoffe Citronellol und Geraniol. Tatsächlich liefern die Laboranalysen bei Tests auf die beiden Monoterpene hier aber nichts. 

... und die Lippenpflege von Avène, Eucerin, La Roche-Posay?

Bei den sonst klassischen Apothekenkosmetikmarken Avène oder Eucerin, La Roche-Posay und Neutrogena ist die beste Note, die Ökotest verteilt ein „befriedigend“. Darüber darf sich La Roche-Posay Nutritic Lippen freuen. Warum hat es hier nicht für bessere Bewertungen gereicht? Mineralöle. Alle enthalten MOSH, bei den Lippenpflegeprodukten Eucerin Lip Aktiv Empfindliche Haut von Beiersdorf, Eau Thermale Avène Pflege für empfindliche Lippen und Neutrogena Lippenpflege fanden die Verbraucherschützer bei ihren Laboranalysen außerdem aromatische Kohlenwasserstoffe, MOAH. Das gibt Abzug, und das nicht zu knapp. Eucerin schafft noch Note fünf „mangelhaft“, Avène und Neutrogena teilen sich mit „ungenügend“ die letzten Plätze. La Roche-Posay Nutritic Lippen profitiert in der Bewertung mit „befriedigend“ noch davon, dass Ökotest keine weiteren Mängel findet, wie Umkartons oder bedenkliche UV-Filter.

Was monieren die Verbraucherschützer bei Eucerin Lip Aktiv Empfindliche Haut? Beiersdorf lobe für seinen Stift einen UV-Schutz aus, jedoch weise der Hersteller nicht auf die Gefahren einer übermäßigen Sonnenexposition hin. Auch bei Neutrogena Lippenpflege bemängelt Ökotest diesen Punkt. Dass Neutrogena in der Gesamtbewertung noch eine Note schlechter abschneidet als Eucerin, liegt daran, dass der bei der Neutrogena Lippenpflege enthaltene Lichtschutz Ethylhexylmethoxycinnamat bedenklich sei, erklärt Ökotest. Ethylhexylmethoxycinnamat zeigte im Tierversuch estrogenartige Wirkungen. Blistex Classic setzt übrigens ebenfalls auf diesen UV-Filter und schafft, trotz Abwesenheit von Mineralölen, somit ebenfalls nur „mangelhaft“.

Enthält Avène komedogene Substanzen in der Lippepflege?

Den Vorwurf der falschen Deklaration muss sich Pierre Fabre, der Hersteller von Avène Eau Thermale Avène Pflege für empfindliche Lippen anhören. „Auslobung als 'nicht komedogen', laut Deklaration enthält die Produktrezeptur jedoch Isopropyl Myristate, für das aus Tierversuchen Hinweise auf eine komedogene Wirkung vorliegen“, begründet Ökotest die Abwertung auf Note sechs. Bleibt natürlich die Frage, warum Avène die nicht-komedogene Wirkung seines Lippenpflegeprodukts betont? Talgdrüsen sind rar und nur vereinzelt auf den Lippen vorhanden, somit dürfte auch die Pickelentstehung hier eine eher untergeordnete Rolle spielen, selbst bei Aknepatienten.

Für Labello gibt es auch nur „mangelhaft“

Zu guter Letzt noch ein Wort zu Labello. Umgangssprachlich zwar häufig inflationär für sämtliche Lippenpflegeprodukte benutzt, hat sich Ökotest auch den Klassiker Labello Original Lippenpflegestift, wie Eucerin eine Beiersdorf-Marke, angeschaut. Auch bei Labello Original Lippenpflegestift ringen sich die Verbraucherschützer nur zur Note fünf, also „mangelhaft“ durch. MOSH und MOAH sind der Hauptgrund für die schlechte Bewertung. Obendrein stört die Verbraucherschützer auch bei Labello der überflüssige Umkarton.



Celine Müller, Apothekerin, Redakteurin DAZ.online
cmueller@daz.online


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