Interview Sabine Richard (AOK-BV)

„Mit AOK-Verträgen hätte der Zyto-Apotheker keine Chance gehabt“

Berlin - 30.11.2017, 07:00 Uhr

Sabine Richard, Versorgungschefin des AOK-Bundesverbandes, sprach mit DAZ.online über die Kontrollmöglichkeiten der Kassen gegenüber Zyto-Apothekern. (Foto: DAZ)

Sabine Richard, Versorgungschefin des AOK-Bundesverbandes, sprach mit DAZ.online über die Kontrollmöglichkeiten der Kassen gegenüber Zyto-Apothekern. (Foto: DAZ)


Richard: Bei uns hätte der Apotheker nicht in andere Regionen liefern dürfen

DAZ.online: Das müssen Sie genauer erklären…

Richard: Wir hatten in unserer Ausschreibung beispielsweise die Bedingung, dass eine Adhoc-Belieferung innerhalb von 45 Minuten nach Abruf durch die Praxis möglich sein muss. Der Bottroper Zyto-Apotheker lieferte unter anderem nach Sachsen und Niedersachsen. Dort hätte er niemals einen Vertrag von uns bekommen.

DAZ.online: Ist es denn flächendeckend so, dass die Zyto-Apotheker über die Landesgrenzen hinweg versorgen?

Richard: In der Vorbereitung unserer Ausschreibungen haben wir z.B. damals schon festgestellt, dass Praxen im Rheinland teilweise aus Hamburg beliefert wurden. Das ist kein Einzelfall. Das wollte im letzten Jahr aber keiner hören. Und genau deswegen waren wir auch so verärgert darüber, dass uns im Gesetzgebungsverfahren von Ärzten und Apothekern immer wieder vorgeworfen wurde, dass wir die Versorgung vor Ort zerstören mit unseren Verträgen. Das Gegenteil war der Fall: Wir haben die Versorgung näher an den Behandlungsort der Patienten geholt.

DAZ.online: Meinen Sie denn, die AOK wäre dem Bottroper Zyto-Apotheker auf die Schliche gekommen?

Richard: Wir können nicht die Verfolgung von Straftätern übernehmen. Allerdings hätten wir viel mehr Transparenz in den Markt bringen können. Die Apotheker mussten uns beispielsweise deutlich machen, woher sie ihre Arzneimittel beziehen und wo hergestellt wird. Letztlich zeigt der Fall aber auch, dass die Zyto-Apotheker zu wenig überprüft werden, die Aufsichtsbehörden hätten da mehr tun müssen. Im aktuellen System haben wir aber überhaupt keinen Einfluss mehr auf die Apotheken- und Versorgungsstruktur.

DAZ.online: Wieso auch sollte eine Krankenkasse Einfluss auf die Apothekenstruktur ausüben können?

Richard: Wir wollen ja keinen Einfluss à la Bedarfsplanung. Im Unterschied zur Bedarfsplanung hätte der Marktwettbewerb mit unseren Verträgen weiterhin bestanden. Uns war es nur wichtig, eine Transparenz darüber zu haben, wo hergestellt wird und wer an wen liefert. Und wir wollen die Möglichkeit haben, einzelne Anbieter aus der Patientenversorgung auszuschließen, wenn sie gegen Vorgaben verstoßen.

DAZ.online: In der Politik wird jetzt auch die Forderung laut, dass Zytostatika nur noch in Klinikapotheken hergestellt werden sollen. Würden Sie das begrüßen?

Richard: Es wäre schön, wenn nun endlich mal über die intransparenten und verschachtelten Lieferstrukturen gesprochen würde. Für eine Zentralisierung würde natürlich sprechen, dass man zentralisierte Standorte besser prüfen könnte. Trotzdem ist die Monopolisierung bei den Krankenhäusern aus mehreren Gründen aber nur schwer vorstellbar. Dies betrifft nämlich auch die Frage, ob die ganze Onkologie nicht weiter zentralisiert werden sollte. Hierfür gibt es gute Argumente, z.B. die bessere Behandlungsqualität. Da muss die Politik aber bei den Ärzten anfangen. Die Apothekenversorgung ist erst der zweite Schritt. Zweitens: Ortsnähe zu den Behandlern war ein wesentlicher Grund für die Abschaffung der wettbewerblichen Ausschreibungen. Soll das nun keine Rolle mehr spielen? Drittens lassen sich viele Kliniken schon heute aus öffentlichen Apotheken oder Herstellbetrieben beliefern, der Markt ist auch hier intransparent und verschachtelt und auch für die Krankenhäuser außerordentlich lukrativ. In einem monopolisierten Markt haben wir gar keine Hoffnung mehr, dass die Beitragszahler an den außerordentlichen Margen beteiligt werden. Dies geht nur im Wettbewerb.



Kirsten Sucker-Sket (ks), Redakteurin Hauptstadtbüro
ksucker@daz.online


Benjamin Rohrer, Chefredakteur DAZ.online
brohrer@daz.online


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2 Kommentare

Behauptung und Wahrheit

von Markus M. am 30.11.2017 um 12:08 Uhr

1."Mit Zyto-Verträgen hätte er keine Chance gehabt..."
In den mir bekannten Zyto-Ausschreibungsverträgen sind viele Qualitätskriterien von seiten den jeweiligen Kasse vorgegeben. Leider musste man diese nicht belegen. Eine einseitige! unterschriebene Erklärung über die Einhaltung der Kriterien reichte allen Kassen. Dies wurde von keiner Kasse im Vorfeld oder während der Laufzeit kontrolliert. Kein Einsenden von QMS-Zertifikaten, kein Überprüfen der Qualitätsstandards (ordentliches QMS-System?). Einziges Kriterium für den Zuschlag war der Preis...
Im Übrigen war die Bottroper Apotheke auch unter den Ausschreibungsgewinnern.
2. "Verträge stärken die regionale Versorgung..."
In allen Verträgen war es möglich mit weiteren Apotheken oder Herstellbetrieben als Nachunternehmer zusammenzuarbeiten. Wo diese herstellten war zweitrangig. Somit konnten sich im Einzelfall Apotheken ohne Zytostatika-Labor oder meist mit einem sehr kleinen Labor zusammen mit einem Nachunternehmer berwerben. Dieser Nachunternehmer war nicht selten ein Herstellbetrieb, der über hunderte Kilometer die Zubereitungen heranschaffte. Ausgeliefert hat die "regionale" Vertrags-Apotheke vor Ort. Nur ad hoc Zubereitungen wurden dann wirklich regional hergestellt.

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schlechtes Interview...

von Michael Weigand am 30.11.2017 um 9:41 Uhr

...man hätte die Dame mal fragen sollen, was dann so schlecht an den GWQ-Verträgen ist. Laut Medien war der Bottroper Apotheker ja dort Losgewinner...so AOK-Ausschreibungen gut und GWQ schlecht? Auch hier ist es eigentlich wieder mehr als unmoralisch, wie eine Tragödie für die Opfer instrumentalisiert wird. An den Interviewer die Frage, war es verboten da genauer nachzufragen???

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