Interview Sabine Richard (AOK-BV)

„Mit AOK-Verträgen hätte der Zyto-Apotheker keine Chance gehabt“

Berlin - 30.11.2017, 07:00 Uhr

Sabine Richard, Versorgungschefin des AOK-Bundesverbandes, sprach mit DAZ.online über die Kontrollmöglichkeiten der Kassen gegenüber Zyto-Apothekern. (Foto: DAZ)

Sabine Richard, Versorgungschefin des AOK-Bundesverbandes, sprach mit DAZ.online über die Kontrollmöglichkeiten der Kassen gegenüber Zyto-Apothekern. (Foto: DAZ)


„Die Hilfstaxen-Verhandlungen und die Rabattverträge lähmen sich“

DAZ.online: Derzeit verhandeln Apotheker und Kassen ja auch gleichzeitig eine neue Hilfstaxe. Erschweren die schwierigen Verhandlungen den Start der Rabattverträge noch zusätzlich?

Richard: Ja, definitiv. Das sind schon zwei Instrumente, die sich beide gegenseitig lähmen. Die Unklarheit bei der Hilfstaxe führt möglicherweise zum zögerlichen Anlaufen der Rabattverträge, weil die Hersteller unsicher sind. Umgekehrt waren die möglicherweise kommenden Rabattverträge in den Verhandlungen zur Hilfstaxe auch ein Argument der Apotheker, die Rabatte im Markt erst mal nicht weiterzugeben. Der Beitragszahler geht seit Monaten leer aus.

DAZ.online: Haben Sie denn die Hoffnung, dass die Hilfstaxe-Verhandlungen so positiv für die Kassen verlaufen, dass gar keine Rabattverträge mehr von Nöten sind?

Richard: Das wäre natürlich sehr einfach für uns, wenn die Hilfstaxe bereits alle Einsparungswünsche, die sich nach den Exklusiv-Verträgen mit Apotheken ergeben haben, erfüllt. Die Hoffnungen darauf gehen aber Richtung null.

DAZ.online: Das hört sich so an, als ob Sie für die Wiedereinführung der Exklusivverträge sind. Werden Sie dafür bei der Politik werben?

Richard: Letztlich muss sich das neue Modell an den Einsparungen des alten messen und auch ob es geeignet ist, die intransparente und in Verruf gekommene Versorgung zu verbessern. Sollte es da zu weiteren Verwerfungen kommen, werden wir uns dazu auch äußern.

Wäre der Zyto-Skandal mit Apotheken-Verträgen niemals passiert?

DAZ.online: Die Aufhebung der Apothekenverträge steht ja derzeit ohnehin in der Kritik. Es wird in einigen Medien der Eindruck erweckt, dass Fälle wie der Zyto-Skandal in Bottrop niemals passiert wären. Was meinen Sie dazu?

Richard: Man wird Kriminalität in diesem Ausmaß durch keinen Vertrag der Welt verhindern können. Das war ein Extremfall in einem intransparenten Umfeld mit hohen Margen. Allerdings bin ich der Meinung, dass die Exklusiv-Verträge dem Bottroper Apotheker sein Handeln erschwert hätten.

DAZ.online: Warum?

Richard: Im Prozess kam nun heraus, dass der Beschuldigte seine Zubereitungen in sechs Bundesländer verschickte. Wenn es dort überall Ausschreibungen für Apotheken gegeben hätte, hätte er keine Chance gehabt. Schließlich gab es zu den Lieferzeiten genaue Vorgaben in unseren Apothekenverträgen.



Kirsten Sucker-Sket (ks), Redakteurin Hauptstadtbüro
ksucker@daz.online


Benjamin Rohrer, Chefredakteur DAZ.online
brohrer@daz.online


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2 Kommentare

Behauptung und Wahrheit

von Markus M. am 30.11.2017 um 12:08 Uhr

1."Mit Zyto-Verträgen hätte er keine Chance gehabt..."
In den mir bekannten Zyto-Ausschreibungsverträgen sind viele Qualitätskriterien von seiten den jeweiligen Kasse vorgegeben. Leider musste man diese nicht belegen. Eine einseitige! unterschriebene Erklärung über die Einhaltung der Kriterien reichte allen Kassen. Dies wurde von keiner Kasse im Vorfeld oder während der Laufzeit kontrolliert. Kein Einsenden von QMS-Zertifikaten, kein Überprüfen der Qualitätsstandards (ordentliches QMS-System?). Einziges Kriterium für den Zuschlag war der Preis...
Im Übrigen war die Bottroper Apotheke auch unter den Ausschreibungsgewinnern.
2. "Verträge stärken die regionale Versorgung..."
In allen Verträgen war es möglich mit weiteren Apotheken oder Herstellbetrieben als Nachunternehmer zusammenzuarbeiten. Wo diese herstellten war zweitrangig. Somit konnten sich im Einzelfall Apotheken ohne Zytostatika-Labor oder meist mit einem sehr kleinen Labor zusammen mit einem Nachunternehmer berwerben. Dieser Nachunternehmer war nicht selten ein Herstellbetrieb, der über hunderte Kilometer die Zubereitungen heranschaffte. Ausgeliefert hat die "regionale" Vertrags-Apotheke vor Ort. Nur ad hoc Zubereitungen wurden dann wirklich regional hergestellt.

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schlechtes Interview...

von Michael Weigand am 30.11.2017 um 9:41 Uhr

...man hätte die Dame mal fragen sollen, was dann so schlecht an den GWQ-Verträgen ist. Laut Medien war der Bottroper Apotheker ja dort Losgewinner...so AOK-Ausschreibungen gut und GWQ schlecht? Auch hier ist es eigentlich wieder mehr als unmoralisch, wie eine Tragödie für die Opfer instrumentalisiert wird. An den Interviewer die Frage, war es verboten da genauer nachzufragen???

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