Pro Generika-Presseklub

Journalisten diskutieren über Rx-Versand und Lieferengpässe

Berlin - 29.11.2017, 15:40 Uhr

Benjamin Rohrer, Elmar Esser, Rebecca Beerheide und Peter Thelen diskutierten beim „Dialog am Mittag”  auf kurzweilige Weise gesundheitspolitische Themen, die die nächste Regierungskoalition bewegen sollten. (Foto: Pro Generika)

Benjamin Rohrer, Elmar Esser, Rebecca Beerheide und Peter Thelen diskutierten beim „Dialog am Mittag”  auf kurzweilige Weise gesundheitspolitische Themen, die die nächste Regierungskoalition bewegen sollten. (Foto: Pro Generika)


Während derzeit nicht klar ist, welche Koalition in den kommenden vier Jahren regieren wird, wird in der Gesundheitspolitik weiter über Veränderungen diskutiert. Beispielsweise den Arzneimittelversandhandel und Lieferengpässe. Am heutigen Mittwoch führten diese Diskussion drei gesundheitspolitische Journalisten beim „Dialog am Mittag“ von Pro Generika: Peter Thelen vom Handelsblatt, Rebecca Beerheide vom Ärzteblatt und Benjamin Rohrer  von DAZ.online.

Bereits zum 16. Mal hat der Branchenverband Pro Generika am heutigen Mittwoch in Berlin zum „Dialog am Mittag“ geladen. Während in der Vergangenheit stets Politiker auf dem Podium waren, entschied sich der Verband diesmal für einen „Presseklub“: Moderator Elmar Esser hatte dazu drei Journalisten an seiner Seite. Peter Thelen, Parlamentskorrespondent des Handelsblatts, Rebecca Beerheide, Leiterin der politischen Redaktion des Ärzteblatts, und DAZ.online-Chefredakteur Benjamin Rohrer. Wie sehen sie die derzeitige Schwebesituation in der Politik? Und welches sind aus ihrer Sicht die drängenden Reformbaustellen im Bereich der Arzneimittelversorgung? 

Für heftige Diskussion sorgte Anfang dieser Woche das Thema Bürgerversicherung, das die SPD vor einer möglichen Sondierung mit CDU und CSU wieder als Forderung in den Ring geworfen hatte. Vor allem in den zahlreichen Verbänden und Organisationen der Ärzteschaft hagelte es Kritik an diesem Vorstoß. Doch alle drei Journalisten können das Vorgehen der Sozialdemokraten gut verstehen. „Es ist doch gut nachvollziehbar, wenn die SPD nun mit Maximalforderungen nach vorne geht, um auch bei den Mitgliedern Verständnis dafür zu gewinnen, sich überhaupt nochmal auf Gespräche über eine Große Koalition einzulassen“, erklärte Thelen. In den vergangenen Jahren hätten sie bei diesem Thema keinen Erfolg gehabt – ob sich das ändern wird, kann man bezweifeln. Richtig sei aber, so Thelen, dass das gegenwärtige System von GKV und PKV ungerecht sei. Denn ohnehin privilegierte Beamte und Gutverdiener könnten sich aus der Solidargemeinschaft der GKV herausziehen.

Beerheide sieht ebenfalls grundsätzlichen Reformbedarf, versteht aber zugleich die Sorge der Ärzte, die bessere Vergütung für Privatversicherte ohne Ausgleich zu verlieren. Die Ärzteblatt-Journalistin fügte hinzu: „Wirklich spannend wird das Thema aber erst um das Jahr 2025, wenn die Babyboomer in Rente gehen und merken, wie teuer die PKV geworden ist.“ Rohrer verwies auf die Bedenken der apothekerlichen Standesorganisation zur Bürgerversicherung. Denn auch die Apotheker fürchten um finanzielle Einbußen, wenn es keine Privatpatienten mehr gibt. „Für PKV-Patienten gilt der Kassenabschlag nicht, Apotheker würden das finanziell bestimmt merken, wenn es für alle Patienten den Abschlag gäbe.“ Ganz „persönlich“ halte er es aber für unsozial, wenn es exklusiv für die obere Einkommensschicht eine eigene Versicherung gibt.

Unterschiedliche Ansichten zum Rx-Versand

Auch das Thema Rx-Versandverbot durfte bei der Diskussionsrunde nicht fehlen. Rohrer verwies darauf, dass die Apothekenversorgung durchaus ein Thema der Sondierungsgespräche von CDU, CSU, FDP und Grünen war. Allerdings kam man hier nicht zusammen. Anders als Rohrer, der es noch für denkbar hält, dass ein Rx-Versandverbot kommt, wenn es in Koalitionsverhandlungen mit der SPD am Ende um Kompromisse geht, geben seine Kollegen die Forderung der Union verloren. „Ich halte es für ausgeschlossen, dass das Versandverbot kommt“, sagte Thelen und verwies auf den allgemeinen Trend zum Kauf via Internet – in allen Branchen. „Das ist ein gesellschaftlicher Trend mit dem Versandhandel, das passiert einfach.“ Zudem meint der Handelsblatt-Journalist, dass das Verbot EU-rechtlich keinen Bestand haben würde. „Der EuGH würde heute sicher anders entschieden“.

Rohrer protestierte und wies auf die negativen Auswirkungen des Versandhandel-Trends allgemein hin: „Nicht nur, aber auch wegen des Versandhandels müssen Geschäfte in den Innenstädten schließen, ganze Fußgängerzogen verwahrlosen. Und gerade bei einer besonders schutzbedürftigen Ware wie Arzneimitteln sollte der Gesetzgeber ein Interesse daran haben, diesen Bereich zu regulieren.“ Auch Beerheide wandte ein, dass Patienten weiterhin den persönlichen Kontakt zu Arzt und Apotheker brauchen und immer suchen werden. Dennoch glaubt sie nicht an das Versandverbot. CDU und CSU stünden bei diesem Thema allein, sodass es für die Unionsparteien in jeder Konstellation schwierig sei, sich durchzusetzen.

Kommunikation Arzt-Apotheker muss verbessert werden

Als wichtiges Thema für die kommende Legislaturperiode machten sowohl Rohrer als auch Beerheide die Kommunikation zwischen Apothekern und Ärzten aus. Beerheide wünscht sich vor allem, dass es bei der Digitalisierung vorangeht und Ärzte, Kliniken und Apotheker an ein sicheres Netz angebunden werden. Die Ärzteblatt-Redakteurin nannte aber auch den Bereich der Notfallversorgung als besonders reformbedürftig. Rohrer sprach den Medikationsplan an, der in seiner jetzigen Form gescheitert sei. Allein ein Plan helfe dem Patienten nicht, nötig sei eine gemeinsame Medikationsanalyse von Arzt und Apotheker, so wie es etwa im Modellprojekt Armin „vorbildlich" vorgemacht werde. „Deutschland ist praktisch das einzige Land in Europa, in dem Patienten an einem Tag von drei Ärzten drei Rezepte erhalten und diese bei drei Apotheken einlösen können, ohne dass die Heilberufler voneinander wissen. Gibt es Wechselwirkungen zwischen diesen Präparaten, merkt davon niemand etwas“, erklärte der DAZ.online-Chefredakteur.

Bei Pro Generika darf auch ein Thema nicht fehlen: Die Versorgungssicherheit im Hinblick auf Lieferengpässe. Alle Diskutanten waren sich einig, dass hier viele Ursachen zusammenspielen. Rabattverträge gehören für Thelen allerdings nicht dazu. „Die Lieferfähigkeit ist schließlich ein Zuschlagskriterium bei den Rabattverträgen – somit sorgen die Verträge sogar für Versorgungssicherheit“, so der Handelsblatt-Journalist. Beerheide sorgte sich um die Abhängigkeit von ausländischen Produktionsstätten: „Wenn in China nur eine Fabrik irgend eines Zulieferers in die Luft geht, haben wir in Europa ein großes Problem.“ DAZ.online-Redakteur Rohrer nahm auch die Apotheker und Großhändler in die Pflicht und wies auf die Vorwürfe der Industrie hin, dass viele Arzneimittel exportiert würden, um in anderen Ländern Gewinne zu machen. „Man muss sich die Frage stellen, ob der freie Binnenmarkt auch für so besondere Güter wie Arzneimittel offen sein soll. Es kann doch nicht sein, dass Menschen in Rumänien keine Antibiotika erhalten, weil wir hier eine Importquote haben.“

Diskutiert wurde auch, wie die Produktion wichtiger Wirkstoffe wie Antibiotika wieder nach Europa geholt werden könnte, und ob es sinnvoll wäre, Vorräte anzulegen. Letztlich zeigte sich allerdings: Genauso wenig wie die Politik haben die Journalisten hier eine Patentlösung parat.



Kirsten Sucker-Sket (ks), Redakteurin Hauptstadtbüro
ksucker@daz.online


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4 Kommentare

"CDU und CSU stehen allein?

von Marius am 30.11.2017 um 0:46 Uhr

Da hat sich wohl jemand nicht genau genug informiert. Immerhin hat der Bundesrat einen mehrheitlichen Entschluss verabschiedet, AUCH mit den Stimmen anderer Parteien, z.B: des größten SPD-Landes NRW...

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Bürgerversicherung

von Michael Hofheinz am 29.11.2017 um 22:14 Uhr

Die „besser Verdienenden“ haben sich nicht den Sozialversicherungen entzogen sondern sind unter Bismarck bei der Gründung der Sozialversicherungen in weiser Voraussicht aus der Solidargemeinschaft ausgeschlossen worden, da diese sich selbst absichern können.

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ungerecht? oder Neid?

von Schneider am 29.11.2017 um 16:47 Uhr

wieder einmal wird die Abschaffung einer vermeintlichen Ungerechtigkeit gefordert. In Wirklichkeit ist es Neid, der hinter diesen Bemühungen zu stecken scheint. Mit der "Abschaffung" der PKV wird das vermeintliche Problem nicht gelöst. Jeder kann sich, auch heute schon, durch eine private Zusatzkrankenversicherung eine bessere Behandlung oder Betreuung sichern.
Wenn man fordern würde, das Niveau der gesetzlichen KV auf das der privaten anzuheben, hätte ich dafür Verständnis. Die jetzige Diskussion folgt aber dem Grundsatz " wenn es mir schlecht geht, darf es anderen nicht besser gehen". Ich finde eine solche Haltung schäbig.

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ungerechtes System

von Peter Bauer am 29.11.2017 um 16:18 Uhr

Das sogenannte "Solidarsystem" ließ in früheren Zeiten in der Renten und Krankenversicherung z,B.Selbstständige nicht in dieses System!!I "Ihr könnt sehen wie Ihr Euch versichert,bei uns auf alle Fälle nicht",hat es früher geheißen,lieber Herr Thelen.Wir drehen uns die Dinge so hin ,wie es am besten ist?!?!Eine weiter Frage ist ,ob es wirklich sinnvoll ist,sich Beamte,die einen wesentlich höheren Krankenstand haben als z.B.Angestellte,und damit
ziemlich teuer werden könnten.Oder wenn ich bei mir die Privatrezepteinlöser anschaue,sind es in der Hauptsache sehr viele ältere und nur wenig junge Patienten.Diese verursachen naturgemäß auch mehr Kosten.Insofern bleibt die Frage ,ob dies wirklich erstrebenswert ist.Billiger wird es auf alle Fälle nicht werden.

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